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Keine Entwarnung Mediziner raten von Hormontherapie weiterhin ab

Hormonpräparate für Frauen in den Wechseljahren wurden häufig verschrieben - bis eine große US-Studie vor zehn Jahren die Risiken aufdeckte. Eine dänische Studie gibt jetzt vor, die Bedenken wieder zu entkräften. Seitdem ist von der "Renaissance der Hormontherapie" die Rede - doch deutsche Forscher sehen dafür keinen Anlass.

Bis zum Jahr 2002 nahmen enorm viele Frauen im Alter über 45 Jahren Hormone. Nicht nur, um damit Beschwerden wie Hitzewallungen zu bekämpfen. Sondern auch, weil sie sich davon positive Effekte für ihre Gesundheit oder ihre Schönheit versprachen – oder Ärzte ihnen das nahelegten.

Dann wurden im Jahr 2002 durch eine große amerikanische Studie die Risiken offenbar und die Hormontherapie in den Wechseljahren kam in Verruf –z.B. ein erhöhtes Risiko auf Brustkrebs oder Schlaganfall. Seitdem sollten nur Frauen Hormone nur kurzzeitig schlucken, wenn sie unter starken Wechseljahresbeschwerden leiden. Aktuell werden aber immer mehr Stimmen laut, die von einer Wiedergeburt der Hormontherapie sprechen. Was ist davon zu halten?

Entwarnung bei Hormontherapie?

"Wechseljahre – es dürfen wieder Hormone sein!" , so hieß es auf dem diesjährigen Fortbildungskongress des Berufsverbandes der Frauenärzte. Ludwig Kiesel, Direktor der Uni-Frauenklinik in Münster, erklärt auch den Grund: Neuere Studienergebnisse würden Anlass dazu geben, Hormone wieder großzügiger zu verordnen. Dafür gab es jedoch, so Ludwig Kiesel, keine eigene wissenschaftliche Untersuchung und Bewertung. Man habe aus einer Studie die Ergebnisse genommen und war der Meinung, es bestehe Anlass für eine gewisse Entwarnung.

Auch die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Gynäkologen (kurz DGGG), der Professor Kiesel angehört, sieht das so. Ihre Pressemitteilung trägt den Titel: "Menopause – Hormone gehen doch!" Im Text heißt es dann weiter: Das Risiko der Hormontherapie für Frauen im Klimakterium ist kleiner als lange angenommen und muss deutlich differenzierter betrachtet werden."

Die Studie der Hormonbefürworter

Arzneimittelverpackung mit roten Pillen

Hormonpillen - wirklich harmlos?

Die Daten, auf die sich die Hormonbefürworter beziehen, stammen vor allem aus einer dänischen Studie, die im Herbst veröffentlicht wurde. Anders als vorherige Studien hat sie mehr Frauen untersucht, die relativ früh – also zu Beginn der Wechseljahre – Hormone eingenommen haben. Eine solch frühe Einnahme mache die Hormone risikoärmer, schlussfolgert die Studie. Ludwig Kiesel von der Uniklinik Münster:
Wenn man das genau nach den Studien macht – nämlich möglichst frühzeitig eine Hormonbehandlung beginnt, wenn die Beschwerden da sind. Dann hat man nach den Studien – die letzte Studie kam aus Dänemark - gezeigt, dass die beobachteten Nebenwirkungen nicht so da sind. Oder gar nicht nachweisbar sind.
Auch sollen die Hormone das Risiko eine Herzschwäche oder einen Herzinfarkt zu erleiden senken, so die Studie. Und so ist von einer Renaissance der Hormontherapie die Rede. Tatsächlich eine Wiedergeburt der Hormontherapie?

Dänische Studie in der Kritik

Die Frauenärztin Maria Beckermann, die sich im Arbeitskreis Frauengesundheit engagiert, kann da nur mit dem Kopf schütteln. Aus ihrer Sicht liefert nämlich die viel zitierte dänische Studie gar keine stichhaltigen Beweise dafür, dass das Risiko der Hormone kleiner ist als bisher gedacht:
Nein, die ist überhaupt kein Beleg. Solche Studien mit der Qualität die hatten wir in den 1990er Jahre zuhauf. Die bringen überhaupt keine neue Erkenntnis, die braucht man gar nicht lesen. Weil die so eine schlechte Qualität haben.

Patientin bei Frauenärztin

Termin bei der Frauenärztin

Es gibt zwei wesentliche Kritikpunkte: Erstens wussten die untersuchten Personen während der Studie, ob sie Hormone bekamen oder ein Scheinmedikament. Standard für hochwertige Studien ist aber, dass zumindest die Untersuchungspersonen nichts davon ahnen, um wertenden Einflüsse zu vermeiden.


Studie wurde nachträglich umgedeutet

Auch sollte die dänische Studie ursprünglich etwas ganz anderes untersuchen, kritisiert der Pharmakologe Gerd Glaeske, der Arzneimittel für die Stiftung Warentest bewertet:
Nun ist das, methodisch gesehen, ein Sakrileg. Bei einer solchen Studie zunächst einmal zu sagen: Wir beginnen die Studie, dass wir Osteoporose bedingte Risiken untersuchen. Dann geht man weiter und schaut 10 Jahre später wie das mit den Infarkten ist. Und dass man nachträglich eine andere Fragestellung auf die Daten gelegt hat, das ist methodisch und statistisch überhaupt nicht tragbar.

Keine Entwarnung bei Hormontherapie

Das Arzneimitteltelegramm, eine unabhängige Pharma-Zeitschrift, sieht es genauso: Nichts – auch keine neuen Studienergebnisse – spricht derzeit dafür, dass die Hormontherapie in den Wechseljahren weniger riskant ist, als bisher gedacht. Auch die deutsche Arzneimittelbehörde bestätigt: Von der sehr vorsichtigen und kurzzeitigen Anwendung der Hormon-Pillen, Cremes und Pflaster nur bei starken Wechseljahresbeschwerden sollte nicht abgerückt werden. So sieht der Pharmakologe Gerd Glaeske die aktuelle Euphorie in Sachen Hormontherapie sehr kritisch. Denn: Von Entwarnung sei keine Rede:
Ich halte das für eine völlig übertriebene Auswertung dieser Studie. Und finde es auch nicht vertretbar, jetzt schon wieder grünes Licht zu geben und zu sagen: Ja, aber die jüngeren Frauen haben was davon. Dafür brauchen wir andere Studien, methodisch saubere Studien. Und Studien, die tatsächlich mehr Frauen einschließen.

Ich muss sagen, ich bin darüber sehr enttäuscht, dass eine wissenschaftliche Fachgesellschaft wie die DGGG sich so vor einen Karren spannen lässt. Vor den Karren der Industrie. Wenn sie wirklich nur den wissenschaftlichen Erkenntnissen folgen würde, dann würde sie nicht unter solchen Aufmachern dafür plädieren.


Pharmaindustrie verdient an den Pillen

Wie Gerd Glaeske vermutet auch Maria Beckermann, dass wirtschaftliche Interessen der Pharmaindustrie die proklamierte Renaissance der Hormone beflügeln. Denn nachdem die Risiken der Hormontherapie durch eine große amerikanische Studie zu Anfang der 2000er Jahre bekannt wurden, brach die Zahl der Verschreibungen um ein Drittel in Deutschland ein: Und dann haben sie wahrscheinlich eine Strategie entwickelt, wo sie gesagt haben: Jetzt warten wir mal so lange und die Leute vergessen aber auch schnell und dann können wir das Ganze nochmal neu wieder befördern. Es gibt eben so enge Verbindungen zwischen der pharmazeutischen Industrie und Ärztegruppen, insbesondere dem Berufsverband, dass man das überhaupt nicht auseinander halten kann – da gibt es wahnsinnige Interessenskonflikte.
Aktuell lässt sich beobachten, dass die Verkaufszahlen von einzelnen Hormonpräparaten für die Wechseljahre schon wieder ansteigen.

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