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Sternchenthemen im Abitur Max Frisch: Homo faber

Max Frischs Roman "Homo faber" aus dem Jahr 1957 gilt als Beschreibung des Menschen im technischen Zeitalter, der glaubt, das Leben nach den Gesetzen von Logik und Wissenschaft organisieren zu können. Der moderne Mensch, so Frisch, lebt an sich selbst vorbei und ergibt sich der Machbarkeitseuphorie der Technik. Sein tiefstes Wesen und sein Schicksal geraten ihm dabei aus dem Blick, menschliche Beziehungen und Kommunikation unterwerfen sich dem Diktat der Naturwissenschaften. Welche Perspektiven eröffnet uns der "Homo Faber" für das 21. Jahrhundert?

Werk

Wir starteten in La Guardia, New York, mit dreistündiger Verspätung infolge Schneestürmen. Unsere Maschine war, wie üblich auf dieser Strecke, eine Super-Konstellation. Ich richtete mich sofort zum Schlafen, es war Nacht. Wir warteten noch weitere vierzig Minuten draußen auf der Piste, und was mich nervös machte, so dass ich nicht sogleich schlief, war einzig und allein diese Vibration in der stehenden Maschine mit laufenden Motoren.
Max Frisch: Homo faber

So beginnt der 1957 erschienene Roman "Homo faber" des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Was seinen Helden, den Ingenieur Walter Faber, im Zuge seiner Reise von New York nach Lateinamerika erwartet, ist tatsächlich eine ungeheure Konstellation. In Fabers Weltverständnis kommen Unberechenbarkeit, Schicksal oder Zufall nicht vor.

1:26:39 h

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Sternchenthemen fürs Abitur

"Homo faber" von Max Frisch

SWR2

Hanns-Josef Ortheil im Gespräch mit Anja Brockert am 25. Februar 2015 im Literaturhaus Stuttgart.

Ich habe mich schon oft gefragt, was die Leute eigentlich meinen, wenn sie von Erlebnis reden. Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Ich bin nun mal der Typ, der mit beiden Füßen auf der Erde steht.
Max Frisch: Homo faber

Den ersten Riss erhält Fabers Weltbild, als sein Flugzeug in der mexikanischen Wüste notlanden muss. Damit beginnt eine Kette tragischer Verstrickungen, die der Erzählung eine Dynamik geben, wie man sie aus den antiken Tragödien kennt. Der über fünfzigjährige Faber, bislang beziehungsunfähig und gefühlskalt, verliebt sich im Laufe der Romanhandlung in Sabeth, eine Frau, die über dreißig Jahre jünger ist als er. Während einer gemeinsamen Reise nach Griechenland, wo sie ihre Mutter besuchen will, geht Walter Faber mit Sabeth ins Bett. Nach und nach kommt ihm eine schreckliche Ahnung, die bald zur Gewissheit wird: das Mädchen ist seine Tochter, und Hanna, ihre Mutter, jene Geliebte, die Faber vor langer Zeit sitzen ließ. Doch damit nicht genug: Die junge Frau stirbt, nicht ganz ohne Walter Fabers Schuld, an einem Schlangenbiss. Und der Held des Romans erkrankt tödlich an Magenkrebs.

Max Frisch und die Hintergründe

"Homo faber" ist nicht nur eine Romanfigur, sondern ein feststehender anthropologischer Begriff. Er bezeichnet seit der Antike den Menschen als Handwerker, das werkzeugmachende Wesen, das eben nicht nur geistig tätig ist, sondern auch herstellend. Bevor er Schriftsteller wurde, arbeitete Max Frisch zunächst als Architekt, also ebenfalls in einem technischen Beruf. Er sah den Homo faber als charakteristischen Menschen des technischen Zeitalters. Wie der Stoff in Max Frisch reifte, wird deutlich, wenn man seine Tagebücher aus den vierziger Jahren liest. Unter dem Eindruck des hochtechnisierten Zweiten Weltkrieges und vor allem der Atombombenabwürfe heißt es dort:

Wir können, was wir wollen, und es fragt sich nur noch, was wir wollen; am Ende unseres Fortschritts stehen wir da, wo Adam und Eva gestanden haben; es bleibt uns nur noch die sittliche Frage.
Ausschnitt aus den Tagebüchern von Max Frisch

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch

Max Frischs Schreibsituation in den 1950er Jahren war beeinflusst von einer massiven Technikkritik durch die Geisteswissenschaften. Schriften wie „Die Antiquiertheit des Menschen“ von Günther Anders, oder Martin Heideggers "Frage der Technik" wurden damals breit diskutiert. Was Max Frisch interessierte, war die Frage, was mit einem Menschen geschieht, der sich über Technik, Wissenschaft und Fortschritt definiert. Der Roman „Homo faber“ ist auch eine Bestandsaufnahme dessen, was bei einer solchen Weltsicht alles auf der Strecke bleibt: Kommunikationsfähigkeit, die Kunst des Mitfühlens und die Wahrnehmung der eigenen Ängste und Sehnsüchte. Das Buch, vor mehr als fünf Jahrzehnten geschrieben, gilt heute als Klassiker der Beschreibung des Menschen im technischen Zeitalter.

Aktualität

Im Roman „Homo faber“ zeigt Max Frisch auf, wie der moderne Mensch der Frage nach sich selbst ausweicht, wie er sich betäubt durch die scheinbaren Segnungen der Technik. Hier liegt die Aktualität dieser großen Erzählung, denn heute scheinen wir umgeben von Ablenkungen, Spielzeugen und sinnleerer Kommunikation. Durch die Narkosemittel Technik und Fortschritt flüchten wir vor der Gewissheit unserer Endlichkeit.

"Es gibt ja nur noch sehr wenige Menschen in deutschen Großstädten, die im Grunde mal allein sein können, die keinen Stöpsel im Ohr haben, die sich nicht unterhalten, die nicht die minütlichen Lifeticker ansehen. Das ist so, man lenkt sich permanent ab, aus Angst vielleicht vor etwas, vor dem man gerne abgelenkt werden möchte, man ist permanent umgeben von Gerede, von Nachrichten, von Kommunikation, und das wird tatsächlich von Tag zu Tag intensiver."
Volker Weidermann, Max-Frisch-Biograph und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Das Logo von Facebook ist am 31.10.2014 in Berlin auf einem iPhone 5s zu sehen.

Was würde Max Frisch zu sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter sagen?

Max Frischs Romanfigur Walter Faber, der Ingenieur, hat keine Beziehung zu seiner inneren Welt, schon gar nicht kann er sich in den Gefühlskosmos seiner Mitmenschen hineinversetzen. Sein Reden ist kalt, eindimensional und beziehungslos. Und gerade an der Sprache macht Max Frisch deutlich, wie dem Einzelnen Dimensionen seines Selbst verloren gehen. Der Schriftsteller artikuliert bereits in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Sorge, die heute, angesichts sozialer Kommunikationsnetzwerke wie Facebook oder Twitter auf der Tagesordnung steht: die Verkümmerung unserer Kommunikation, ihre Pervertierung zum Austausch nichtssagender Information.

Manche Sätze aus Max Frischs "Homo faber" kann man sich fast als Statements eines zeitgenössischen, technikbegeisterten Bloggers denken. Denn Fabers Sprache ist knapp, zuschlagend, und von dem unterkühlten Charme einer rasch hinaus gejagten Email:

Der Mensch als Beherrscher der Natur, und wer dagegen redet, der soll auch keine Brücke benutzen, die nicht die Natur gebaut hat. Dann müsste man schon konsequent sein und jeden Eingriff ablehnen, das heißt: sterben an jeder Blinddarmentzündung. Weil Schicksal! Dann auch keine Glühbirne, keinen Motor, keine Atomenergie, keine Rechenmaschine, keine Narkose – dann los in den Dschungel!
Max Frisch: Homo faber

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