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„Dû bist mîn, ich bin dîn“ – Minnesänger beschworen große Gefühle. Dabei klafften Liebesideal und Realität im Mittelalter weit auseinander. Wie kam es zum Siegeszug der Romantik?

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Keine Liebesheirat im Mittelalter

Wie in der Antike spielten Leidenschaft und Liebe im Mittelalter keine große Rolle bei der Eheschließung. Die Bevölkerung bestand zum Großteil aus Bauern, die Leibeigene waren. Dementsprechend wurden sie gewöhnlich, den Wünschen der Grundherren entsprechend, zwangsverheiratet.

Auch im Adel konnten Braut und Bräutigam sich ihre Partner und Partnerinnen nicht aussuchen. Die Wahl wurde von den Eltern getroffen. Entscheidend waren dabei, wie in der Antike, Faktoren wie Geld, Macht oder Politik.

Besessen von Liebe

Außerdem ging man im Mittelalter, ähnlich den Ängsten der Antike, davon aus, dass sich die großen, leidenschaftlichen Gefühle nicht ohne weiteres bändigen lassen. Liebeswahn taugte nicht zur Eheschließung. Vielmehr musste er medizinisch behandelt werden. Hildegard von Bingen empfahl Frauen beispielsweise die Anwendung von Betonie, auch Heil-Ziest genannt. Damit würden sie von der „Tollheit jener Liebe“ erlöst:

"Ein Blatt stecke sie in jedes ihrer Nasenlöcher, ein Blatt lege sie unter ihre Zunge und in jeder Hand halte sie ein Blatt und unter jeden Fuß lege sie ein Blatt und sie schaue auch mit ihren Augen das Betonienkraut kräftig an. Und dies tue sie so lange, bis diese Blätter in ihrem Körper warm werden … Auf diese Weise wird sie durch Gottes Kraft von der Tollheit jener Liebe erlöst."

Aus dem medizinischen Werk „Psysica“ von Hildegard von Bingen (1098 – 1179)

Minnesang: Zufluchtsort der Leidenschaft

Leidenschaft wurde im Mittelalter außerhalb der Ehe ausgelebt. Davon zeugen die zahllosen Berichte von Ehebruch und sogenannten Bastard-Kindern aus dieser Zeit. Die Auslagerung leidenschaftlicher Gefühle hatte auch zur Folge, dass sie häufig in der Kunst thematisiert wurden.

Portrait des Minnesängers Friedrich von Hausen. In seinem Lied „In meinem Traume sah ich“ heißt es: In meinem Traume sah ich  eine wunderschöne Frau  die Nacht bis hin zum Tag:  Da erwachte ich jäh,  da ward sie mir – ach – entrissen,  so dass ich nicht weiß,  wo sie ist die mir Freude schenken kann.  Das taten mir meine Augen an  oh könnte ich doch ohne sie sein. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Portrait des Minnesängers Friedrich von Hausen. In seinem Lied „In meinem Traume sah ich“ heißt es: "In meinem Traume sah ich // eine wunderschöne Frau // die Nacht bis hin zum Tag: // Da erwachte ich jäh, // da ward sie mir – ach – entrissen, // sodass ich nicht weiß, // wo sie ist die mir Freude schenken kann. // Das taten mir meine Augen an // oh könnte ich doch ohne sie sein." Picture Alliance

Ein Zeugnis davon ist der Minnesang. Minnesänger wie Friedrich von Hausen dichteten über unerfüllte Liebe, schilderten erotische Erlebnisse und beteten die Schönheit von Hofdamen an. Charakteristisch für diese Art von Minnesang, auch hohe Minne genannt, ist das Verzichtverhalten des Mannes und die Unerreichbarkeit der Frau. Das macht deutlich, dass im Mittelalter zwar lebendig geliebt wurde, diese Liebe aber selten gelebt werden konnte.

Wiederentdeckung des Minnesangs in der Romantik

Ende des 18. Jahrhunderts entsteht die Romantik. Religion und alte Traditionen verlieren dort an Bedeutung. Die Menschen suchen eine Zuflucht und finden sie u.a. in den wiederentdeckten Minneliedern.

Das Bild von Leidenschaft und Liebe wird zu Beginn der Romantik von den Minnesängern mitgeprägt. Eine einflussreiche Rolle spielten dabei die Jenaer Frühromantiker. Ludwig Tieck publizierte Anfang des 19. Jahrhunderts die Sammlung „Minnelieder aus dem schwäbischen Zeitalter“ und trug so zur Wiederentdeckung des Minnesangs bei.

Friedrich Schlegel, ein Freund Ludwig Tiecks und Mitglied im Kreis der Jenaer Romantiker, veröffentlichte wenige Jahre später den Roman „Lucinde“. Schlegels Roman ist eine Sammlung von Briefen, Tagebucheinträgen und aufgezeichneten Dialogen. Darin geht es um die leidenschaftliche Liebe von Julius und Lucinde.

Friedrich Schlegel war eine wichtige Figur der Frühromantik. In seinem Roman „Lucinde“ prangerte er die arrangierte Ehe an und plädierte für die Vereinigung von Liebe, Ehe und Elternschaft. (Foto: Imago, IMAGO / Danita Delimont)
Friedrich Schlegel war eine wichtige Figur der Frühromantik. In seinem Roman „Lucinde“ prangerte er die arrangierte Ehe an und plädierte für die Vereinigung von Liebe, Ehe und Elternschaft. Imago IMAGO / Danita Delimont

Die Entstehung unseres Verständnisses von Romantik

In „Lucinde“ werden zwei Aspekte deutlich, die auch heute noch unser Verständnis von Romantik prägen:


1 – Die immerwährende Liebe

"Die Liebe selbst sei ewig neu und ewig jung."

Friedrich Schlegel: Lucinde

Der Soziologe Karl Lenz ist der Auffassung, dass in der Romantik die Idee einer authentischen und immerwährenden Liebe aufkam. Das ebnet die Möglichkeit für den zweiten Aspekt von Romantik, der auch in Schlegels „Lucinde“ deutlich wird.

2 – Liebe, Ehe und Elternschaft


"Die Natur allein ist die wahre Priesterin der Freude; nur sie versteht es, ein hochzeitliches Band zu knüpfen. Nicht durch eitle Worte ohne Segen, sondern durch frische Blüten und lebendige Früchte aus der Fülle ihrer Kraft."

Friedrich Schlegel: Lucinde

Die Vorstellung der ewigen Liebe ermöglicht es laut Lenz, dass nun Liebe, Ehe und Elternschaft miteinander vereint werden können. In "Lucinde" kritisiert Schlegel den Brauch der arrangierten Ehe und wünscht sich die Ehe als Zusammenschluss von Geliebten. Das betrifft auch die Elternschaft: Als Lucinde von Julius schwanger wird, sieht er darin den Beweis einer glücklichen Beziehung.

Grenzen der grenzenlosen Liebe

Auch wenn sich unsere heutige Vorstellung von Romantik schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelt hat, wird es noch lange dauern, bis diese Vorstellungen gelebt werden können. Auch in der Romantik bleiben wirtschaftliche Aspekte das Hauptmotiv bei der Partnerwahl. Denn die Voraussetzung für eine Eheschließung jenseits von ökonomischen Gründen ist die finanzielle Eigenständigkeit der Frau. Bis dahin werden noch fast zwei weitere Jahrhunderte vergehen.

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