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SWR2 Wissen. Von Jochen Paulus

Selbsthilfebücher raten Hochsensiblen, wie sie ihren Alltag meistern und ihre Empfindsamkeit nutzen können. Wissenschaftler dagegen sind sich nicht sicher, ob es „Hochsensibilität“ wirklich gibt.

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Laute Straßen, helle Reflexionen, starke Gerüche - die meisten Hochsensiblen nehmen verschiedenste Sinneseindrücke intensiver wahr als andere. Die promovierte Psychologin Elaine Aron führte mit ihrem Mann die ersten Studien zur Hochsensibilität durch. Sie sehen in Hochsensibilität eine intensivere Art und Weise der Sinneswahrnehmung, verbunden mit einer vertieften Verarbeitung.

Die Nase ist nicht unbedingt empfindlich

Die „vertiefte Verarbeitung“ ist der springende Punkt. Elaine Aron nennt die Eigenschaft in ihren Veröffentlichungen „Sensory-Processing Sensitivity“, also „Empfindlichkeit bei der Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen“. Die Betroffenen haben demnach keine besonders empfindlichen Nasen oder Ohren. Der Unterschied liegt dieser Theorie nach in ihrem Gehirn, es verarbeitet Informationen sensibler und tiefer.

Aussagekräftige Studien gibt es bisher nicht

Wissenschaftler haben versucht, die intensivere Verarbeitung nachzuweisen. Das Forscherteam, zu dem auch das Ehepaar Aron gehörte, legte Versuchspersonen in einen Magnetresonanz-Tomografen, kurz MRT. Hochsensible sollten Fotopaare, die sich nur in Details unterschieden, bewerten. Die Studie ergab, dass die visuellen Zentren im Gehirn bei Hochsensiblen stärker aktiviert waren. Das spricht für die Theorie einer tieferen Verarbeitung.

Doch die vorhandenen Studien seien schwierig zu interpretieren, urteilt die Psychologin Sandra Konrad: „Im vergangenen Jahr ergab eine Analyse, dass MRT Studien häufig falsche positive Ergebnisse liefern. Die Einordnung von solchen Studien ist von außen etwas schwierig, wenn man nicht nachvollziehen kann, wie die Studie zu dem Ergebnis kam.“ Konrad hat in Deutschland wohl die meisten wissenschaftlichen Arbeiten zur Hochsensibilität veröffentlicht.

Nicht jeder erlebt Hochsensibilität gleich

Elaine Aron beschreibt Hochsensibilität als eine nicht weiter unterteilbare Eigenschaft - doch etliche Forscher widersprechen. Die Sensibilität kann sich auch nur auf einzelne Empfindungen beziehen – beispielsweise ausschließlich laute Geräusche.

Diese Erkenntnis ist wichtig, denn wenn Hochsensibilität nichts Einheitliches ist, dann leidet womöglich der eine Betroffene an vielen Problemen, während der andere im Alltag mit seiner Sensibilität gut klarkommt.

Am meisten spricht derzeit dafür, Hochsensibilität als Konglomerat von drei Aspekten zu betrachten. Ein Aspekt hat mit der Sinneswahrnehmung zu tun, ein zweiter mit emotionaler Überlastung und ein dritter mit ästhetischer Sensibilität.

Feinfühligkeit kann Ursache und Wirkung sein

Hochsensible Personen zeigen deutlich höhere Ängstlichkeitswerte, Depressivitätswerte und Stresswerte als nicht hochsensible Personen. Das stellte die Psychologin Christina Blach fest. Sie verfasste ihre Doktorarbeit über Hochsensibilität.

Allerdings lasse sich nicht sicher sagen, was Ursache und was Wirkung sei: „Es kann sein, das zuerst Ängstlichkeit und Depressivität da sind und die Personen deshalb feinfühliger werden. Oder sie sind aufgrund dieser Feinfühligkeit ängstlicher oder depressiver“.  

Gen für Hochsensibilität?

Eine Studie von Michael Pluess von der Queen Mary University in London befeuerte kürzlich die Diskussion. Sie gab Hinweise darauf, dass die erhöhte Sensibilität gegenüber Umweltreizen genetisch geprägt sein könnte. Der Studie lagen Daten von 13.000 Probanden zugrunde. Pluess identifizierte neun Genvarianten, die vor allem mit Hirnbotenstoffen wie Serotonin oder Dopamin zu tun haben. Diese beeinflussen auch die Größe der Amygdala - einer Hirnregion, die daran beteiligt ist, Emotionen zu verarbeiten. In einer früheren Studie hatte Pluess bereits entdeckt, dass die Amygdala bei Kindern wichtig für die Umweltsensibilität ist. Eine größere Amygdala führt offenbar dazu, dass Kinder emotional stärker von der Umwelt beeinflusst werden.

Was kann helfen?

Viele Berater und Betroffene empfehlen, öfter mal eine Pause einzulegen und schwierigen Situationen aus dem Weg zu gehen. Michael Witthöft, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Mainz, hält das für keine gute Strategie. „Wenn sie Reize, auf die sie sehr sensibel reagieren, chronisch vermeiden - was passiert? Sie werden plötzlich noch sensibler.“

Deswegen geht Witthöft ähnlich vor wie bei der Behandlung von Phobien. Seine Patienten setzen sich gezielt ihren Ängsten aus, um so zu lernen, sie zu überwinden: „Wir wissen heute, dass Persönlichkeit formbar ist und sich anpassen kann. Die ersten klinischen Erfahrungen, die wir mit hochsensbilen Patienten haben, sprechen durchaus dafür, dass man auch so etwas wie sensorische Hypersensitivität beeinflussen kann.“

Allerdings brauchen längst nicht alle Hochsensiblen eine Behandlung. Die Hochsensibilitätsforschung steht noch am Anfang, eine einheitliche und allgemein anerkannte neurowissenschaftliche Definition des Phänomens gibt es noch nicht - bis dahin versprechen zahlreiche Ratgeber Hilfe. Michael Witthöft räumt ein, dass auch wenn die wissenschaftliche Fundierung vieler Bücher fraglich ist, das Gefühl nicht alleine zu sein viele Betroffene entlaste.

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