SWR2 Wissen

Hochbegabte Kinder erkennen und fördern

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Vor allem Mädchen und Migrantenkinder werden oft gar nicht als hochbegabt erkannt. Wie lässt sich das ändern? Und wie fördert man hochbegabte Kinder am besten?

Audio herunterladen (23,6 MB | MP3)

Hochbegabung ist noch immer mit vielen Klischees behaftet

Vorurteile und Klischees machen vielen Hochbegabten das Leben schwer. Der sonderbare Nerd, das kleine Genie, die isolierte Brillenschlange – die Stereotype sind allgegenwärtig. Hochbegabte Kinder und Jugendliche werden allerdings zu Unrecht zum Sonderling stilisiert oder sogar pathologisiert. Die häufige Annahme, sie seien emotional oder sozial weniger stabil als durchschnittlich Begabte, ist wissenschaftlich nicht haltbar.

Im Gegenteil: Längsschnittstudien wie das Marburger Hochbegabtenprojekt zeigen, dass Hochbegabung ein sehr zuverlässiger Prädiktor für Erfolg und Lebenszufriedenheit ist. Die Vorurteile gegen die Intelligentesten, so hat Dr. Tanja Gabriele Baudson, Professorin für Differentielle Psychologie und psychologische Begabungsforschung an der Heidelberger Hochschule Fresenius, festgestellt, hielten sich aber hartnäckig und leider auch da, wo sie ganz und gar nicht hingehörten: in Schulen.

IQ steigt und sinkt je nach Förderung

In den 1960er- und 1970er- Jahren lehnten es viele als elitär ab, besonders Begabte zu fördern. Das wirkt bis heute nach. Hartnäckig hält sich zum Beispiel die Ansicht, dass die schwächsten Kinder davon profitieren würden, wenn sie mit den intelligenten gemeinsam unterrichtet würden. Das Gegenteil aber sei der Fall, sagt Tanja Gabriele Baudson. Sie drohten abgehängt zu werden.

Unter Anleitung der Dozentin ermitteln Teilnehmer des Kinder-College Koblenz  Begabtenzentrum Rheinland-Pfalz 2013 mit einem einfachen Experiment das Lungenvolumen (Foto: dpa Bildfunk, (c) dpa / Thomas Frey)
Unter Anleitung der Dozentin ermitteln Teilnehmer des Kinder-College Koblenz / Begabtenzentrum Rheinland-Pfalz 2013 mit einem einfachen Experiment das Lungenvolumen (c) dpa / Thomas Frey

Und noch ein Argument wird von den Förderungsskeptikern oft angeführt: dss überhaupt keine Notwendigkeit bestünde, die Klügsten eines Jahrgangs zu fördern, denn sie seien ja schon intelligent. Sehr hohe Intelligenz müsse als Potenzial gesehen werden, sagt Tanja Gabriele Baudson. Ein Potenzial, das zwar angeboren ist, aber nicht automatisch ein Leben lang konstant bleibt.

Die Intelligenz, ja sogar der gemessene IQ eines Menschen, kann je nach Förderung steigen oder sinken. Allerdings nur innerhalb gewisser Grenzen. Eine Hochbegabung lässt sich niemandem antrainieren, der nicht die entsprechenden genetischen Anlagen dazu hat. Wenn hochbegabte Kinder aber dauerhaft unterfordert sind, müssen sie sich auch kaum anstrengen. So lernen sie nicht richtig, wie Lernen geht, und können ihr Potenzial kaum ausschöpfen.

Lehrkräfte fördern hauptsächlich Jungen aus deutschen Akademikerfamilien

Unterforderung ist nur eines der häufigen Probleme von Hochbegabten. Vielen Kindern wird aufgrund ihrer Herkunft gar nicht erst zugetraut, besonders intelligent zu sein. Das ist in Deutschland besonders oft bei Kindern bestimmter Gruppen der Fall.

Dazu gehören Kinder mit Migrationshintergrund oder Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien. Gerade die Schwellen und Übergänge in eine nächste Stufe oder Schulform oder die Hürde, an eine Hochschule zu wechseln, sind es, an denen Hochbegabte aus weniger privilegierten Milieus in Deutschland oft scheitern.

Hauptproblem der deutschen Hochbegabtenförderung ist die Gerechtigkeitslücke für Mädchen, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Milieus (Foto: IMAGO, MongMultiply via www.imago-image)
Hauptproblem der deutschen Hochbegabtenförderung ist die Gerechtigkeitslücke für Mädchen, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Milieus MongMultiply via www.imago-image

Es kommt oft vor, dass Lehrkräfte ein Kind mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status unbewusst weniger unterstützen. Diese Kinder sehen nicht so aus, sie sprechen oder geben sich nicht genau so, wie viele Lehrkräfte sich eine hochintelligente Schülerin oder einen hochintelligenten Schüler vorstellen. Tanja Gabriele Baudson nennt das ein „Passungsproblem“ – ein hochbegabtes Kind wird von seiner sozialen Umgebung nicht oder nur schwer akzeptiert.

Solche Passungsprobleme können gravierende Folgen wie Depressionen, Angststörungen und Stress haben. Und das nicht als Resultat aus der Hochbegabung, sondern aus der fehlenden Förderung.

Gleiche Voraussetzungen – dennoch wird Intelligenz meist mit Jungs assoziiert

Es gibt noch eine weitere, sehr große Gruppe von Kindern, die Gefahr laufen, nicht als hochbegabt erkannt und gefördert zu werden: Mädchen. Eine besondere Intelligenz und hohe Begabungen scheinen auch heute noch eher mit dem männlichen Geschlecht assoziiert.

Jungen werden zwei- bis dreimal so häufig in Begabtenberatungsstellen vorgestellt. Sie werden häufiger als hochbegabt identifiziert und kommen öfter in den Genuss von Fördermaßnahmen, obwohl beide Geschlechter gleich häufig von einer Hochbegabung betroffen sind. Und auch, welche Fachgebiete einen hohen gesellschaftlichen Status genießen, ist verbunden mit dem Geschlecht.

Männlich, weiß, sonderbar - ein gängiges Stereotyp des Genies (Foto: IMAGO, NomadSoul via www.imago-images.de)
Männlich, weiß, sonderbar – ein gängiges Stereotyp des Genies NomadSoul via www.imago-images.de

Methoden zur Förderung von hochbegabten Kindern und Jugendlichen

Nur wenige Bundesländer, nämlich Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern und Sachsen, haben Spezialschulen für hochbegabte Kinder und Jugendliche sowie eigene Begabtenklassen innerhalb der Regelschulen. Häufiger jedoch ist, dass die hochbegabten Jugendlichen nicht vollständig von ihren Klassen getrennt werden, sondern zusätzliche Förderangebote erhalten. So genannte „Enrichment“-Maßnahmen, also vertiefende und erweiterte Maßnahmen.

Deutschlandweit gibt es zudem ein Netz an Wettbewerben, die vor allem mit Mitteln des Bundesbildungsministeriums getragen werden. Diese fördern aber nicht kontinuierlich, sondern nur punktuell. Allgemein lässt sich feststellen: Bei der Hochbegabtenförderung in den Regelschulen sind die einzelnen Bundesländer noch unterschiedlich gut aufgestellt.

Unabhängig von Sonderklassen, speziellen Schulen oder Förderprogrammen, gäbe es aber ein Instrument, um hochbegabte Schülerinnen und Schüler schnell und unkompliziert zu fördern, sagt Dr. Ingmar Ahl von der Karg-Stiftung, die die Lernbedingungen für Hochbegabte verbessern möchte, und zwar die sogenannte Akzeleration. Damit können Bildungsstationen schneller durchlaufen oder übersprungen werden.

Hauptprobleme: Gerechtigkeitslücke und zu späte Förderung

Hauptproblem der deutschen Hochbegabtenförderung ist und bleibt aber für Ingmar Ahl die Gerechtigkeitslücke für Mädchen, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Milieus. Denn dass zwei Prozent aller Kinder hochbegabt sind und zehn Prozent ein überdurchschnittliches Potenzial besitzen, spiegelt sich nicht in den Maßnahmen der Förderprogramme wieder.

Die Übergänge in eine nächste Stufe oder Schulform oder die Hürde, an eine Hochschule zu wechseln, sind es, an denen Hochbegabte aus weniger privilegierten Milieus in Deutschland oft scheitern (Foto: IMAGO, imago/Steinach)
Die Übergänge in eine nächste Stufe oder Schulform oder die Hürde, an eine Hochschule zu wechseln, sind es, an denen Hochbegabte aus weniger privilegierten Milieus in Deutschland oft scheitern imago/Steinach

Der wichtigste Schlüssel zur Verbesserung der Hochbegabtenförderung seien gar nicht besondere Schulformen oder andere separierende Maßnahmen, wie man vielleicht denken könnte. Expertinnen wie Ingmar Kahl plädieren vielmehr für eine flächendeckend gute individuelle Förderung an den regulären Schulen. Dreh- und Angelpunkt seien dabei gut ausgebildete pädagogische Bezugspersonen und Berater.

Für Ingmar Ahl haben qualifizierte Informationsangebote, Aus-, Fort- und Weiterbildungen für diese Berufsgruppen allerhöchste Priorität. Das Thema Hochbegabung sei auch heute noch in den Ausbildungsgängen dieser Berufsgruppen nicht verankert. Das müsse sich dringend ändern. Außerdem sei Hochbegabtenförderung kein Thema nur für die Bildungselite am Gymnasium. Vielmehr müsse sie allumfassend und früher im Bildungssystem verankert werden, weg von nur dieser einen Schulform.

Am Ende solle jeder Kindertagesstätte, jeder Grund- und weiterführenden Schule klar sein, dass sie auch für die Identifizierung und Förderung hochbegabter Kinder zuständig sei. Und zwar bei Kindern aus allen Elternhäusern – damit viel mehr hochbegabte Kinder und Jugendliche die Lernbedingungen bekommen, die zu ihnen passen und die ihnen gut tun.

SWR 2020

Literatur

  • Franzis Preckel und Tanja Gabriele Baudson: Hochbegabung. C.H. Beck 2013
  • Elsbeth Stern und Aljosha Neubauer: Intelligenz – Große Unterschiede und ihre Folgen. DVA 2013

Bildung Warum hochbegabte Menschen in Deutschland oft nicht gefördert werden

1,6 Millionen Hochbegabte gibt es in Deutschland – sie haben einen IQ über 130. Aber vor allem hochbegabte Schüler*innen werden oft nicht als solche erkannt, selten geschätzt und daher auch kaum gefördert. Darunter leiden viele, aber es gibt gezielte Fördermöglichkeiten.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Hirnforschung Wie entsteht Intelligenz und lässt sie sich fördern?

Intelligente Menschen verfügen über eine höhere Bildung und ein höheres Einkommen, sind seltener arbeitslos, leben gesünder und sterben später. Deshalb wäre es gut, Intelligenz zu fördern.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Literatur Kindheit einer Hochbegabten: Die Jugendtagebücher von Clara Schumann

Ein junges Mädchen schaut schüchtern von der Seite, aus dem Hintergrund blickt stolz der Vater: Das Buchcover ist ein treffendes Bild für die Kindheit und Jugend Clara Schumanns, die streng unter väterlicher Leitung stand. Das geht auch aus den Tagebüchern dieser Zeit hervor, die nun zum ersten Mal vollständig in einer wissenschaftlichen Edition erschienen sind.  mehr...

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Psychologie Macht Schach schlau?

Mit der Netflix-Serie „Damengambit“ wurde Schach populärer. Wer Schach spielt, gilt als schlau. Doch steigert es wirklich die Intelligenz? Was lässt sich dabei fürs Leben lernen?  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Bildung und Erziehung: aktuelle Beiträge

Bildung So läuft die Integration von ukrainischen Kindern in der Schule

Gemeinsam lernen, Sport machen, Zeichen setzen. Mehr als 15.000 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine sind inzwischen in Baden-Württemberg aufgenommen worden. Wie läuft der Schulalltag und wie klappt es mit der Integration trotz Sprachbarriere?
Martin Gramlich im Gespräch mit Elisabeth Baleff, Schülersprecherin am Markgraf-Ludwig-Gymnasium in Baden-Baden.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Bildung Personal-Not in Kitas: ein Beispiel aus Stuttgart

Überlastung und Erziehermangel an Kitas und Kindergärten: ein Dauerthema. Die Betreuung der Kinder kann derzeit oft nur von Tag zu Tag geplant werden, Eltern müssen sehr flexibel reagieren. Ein Beispiel aus einer Kita in Stuttgart.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Das Tier und Wir (4/10) Therapie mit Tieren

Tiere tun gut – viele Menschen kommen zu sich, wenn sie Hunde oder Pferde streicheln, striegeln, füttern und beobachten. Kinder und Jugendliche, Alte, Kranke oder Menschen mit Behinderung erleben eine neue Nähe, wenn Tiere in Pädagogik und Psychotherapie helfen. Von Silvia Plahl. (SWR 2022) | Aus der Reihe: Das Tier und Wir (4/10) | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/tier-therapie| Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

SWR2 Wissen: Spezial SWR2

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG