Frau zeigt mit dem Finger auf ein CT-Bild (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

SWR2 Wissen Hirntod - ein umstrittenes Konzept

Die Diagnose Hirntod war lange Zeit nur im Zusammenhang mit der Transplantationsmedizin relevant. Immer häufiger wird der Hirntod nun auch unabhängig von einer geplanten Organspende diagnostiziert. Diese juristisch-medizinische Definition erlaubt es dann, sinnlose Therapien sehr schnell zu beenden. Neue komplizierte Richtlinien erschweren allerdings die Diagnosestellung. Selbst der Deutsche Ethikrat hat sich über das Thema Hirntod zerstritten.

Dauer

Über Jahrzehnte hin wurde die Diagnose Hirntod nur im Zusammenhang mit einer Organspende gestellt. Dass der Hirntod eigentlich auch für Patienten gilt, wenn keine Transplantation geplant ist, fand kaum Beachtung. Vor der Einführung des Kriteriums Hirntod hätte man in aussichtslosen Situationen die Therapie auf ein Minimum begrenzt und den natürlichen Tod abgewartet. Etwa durch eine Lungenentzündung.

Das war ein Tod, den auch die Angehörigen nachvollziehen konnten. Mit dem Hirntodkonzept hat sich die Lage grundlegend geändert. Diese Patienten müssen nun einen Tod sterben, den die Gesellschaft nicht wirklich akzeptiert. Es stößt immer dann auf Kritik, wenn man bei einem Hirntoten steht und sieht, der lebt eigentlich. Nach unseren Vorstellungen.

Eine blasse, leblose Hand liegt auf einer Bettkante. Im Hintergrund sieht man einen Arzt. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Um den Hirntod zu diagnostizieren, braucht man einen Nervenfacharzt, nur verfügen kleinere Krankenhäuser meist über keine entsprechende Fachabteilung Thinkstock -

Der Hirntod entpuppt sich als abstrakte Definition. Eingeführt, um die Transplantationsmedizin voranzubringen. Wie die Angehörigen damit klarkommen, war bei seiner Einführung kein Thema. Und das ist bei Weitem nicht das einzige Problem, dass die Kliniken beschäftigt.

Um den Hirntod zu diagnostizieren, braucht man einen Nervenfacharzt. Nur verfügen kleinere Krankenhäuser meist über keine entsprechende Fachabteilung. Da kann es Tage, ja Wochen dauern, bis ein herbeigerufener Konsiliararzt schließlich den Totalausfall des Gehirns attestiert. Für die Angehörigen eine enorme Belastung.

Die Diagnose Hirntod ist heikel

Dabei muss ein sehr strenges, von der Bundesärztekammer vorgegebenes Protokoll eingehalten werden. Viel wichtiger als die Formalitäten ist dem Neurologen aber, dass durch seine Mithilfe für die Angehörigen schnell Klarheit geschaffen wird.

CT-Aufnahmen des Gehirns (Foto: SWR, SWR -)
Bestätigt sich der Befund und ist keine Organspende geplant, dann wird sofort gehandelt, die Therapie wird komplett ausgestellt SWR -

Zur Sicherheit muss die Untersuchung auf Hirntod zweimal im Abstand von mindestens 12 Stunden erfolgen. Bestätigt sich der Befund und ist keine Organspende geplant, dann wird sofort gehandelt. Die Therapie wird komplett ausgestellt.

In der Bevölkerung wächst die Skepsis gegenüber dem Hirntod. Kritische Bürgerinitiativen haben sich formiert. Als diese Art des Todes vor über vier Jahrzehnten eingeführt wurde, hat man die entscheidende Frage einfach ignoriert: Wieso begründet der Verlust der Gehirnfunktion eigentlich den Tod des Menschen? Schließlich lebt der restliche Körper ja ganz offensichtlich noch weiter.

Das höchste Gremium

Eine Frage wie geschaffen für den Deutschen Ethikrat. Das höchste Gremium für moralisch-ethische Definitionen, das auch die Bundesregierung berät. Im Januar 2015 veröffentlichte das Gremium eine ausführliche Stellungnahme zum Thema Hirntod.

Die Grundthese der Experten hat sicher viele Mediziner überrascht: Nicht etwa der Verlust von Denken, Fühlen und der eigenen Persönlichkeit begründet für das Gremium den Hirntod. Tot sind diese Patienten, weil sie ohne Gehirn nicht überlebensfähig sind.

Ist ein menschlicher Organismus ohne intaktes Gehirn wirklich nicht dauerhaft überlebensfähig? Die spektakulären Studien des amerikanischen Neurologen Shewmon scheinen genau das Gegenteil zu beweisen. Seine Fallsammlung zeigt: Hirntote können Monate, manchmal sogar Jahre, überleben. Ein Kind kam sogar in die Pubertät. Doch alle blieben im Stadium des tiefen Komas. Keiner fand – auch nicht zeitweise – den Weg zurück ins Leben.

Für die Mehrheit der Angehörigen wäre das eine Katastrophe. Statt einer schnellen, klärenden Diagnose: quälende Unsicherheit, falsche Hoffnungen und Schuldgefühle. Tatsächlich zeigt sich immer deutlicher, dass sie es sind, die in dieser Situation die eigentlichen Patienten darstellen. Wird ihnen nicht professionell beigestanden, droht ihnen eine lebenslange psychische Belastung, ein posttraumatisches Stresssyndrom.