Unser künftig Brot (1/10)

Die Hightech-Öko-Landwirtschaft

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Noch ist der Bio-Landbau das Gegenmodell zur hochtechnisierten Agrarindustrie. Doch die Zukunft liegt in der Kombination aus Öko und Hightech.

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2000 Quadratmeter Ackerfläche stehen rein rechnerisch jedem Menschen zur Verfügung. Darauf wachsen weit mehr Getreide, Gemüse, Öl- und Zuckerpflanzen, als ein Mensch essen kann. Doch so wie die globale Landwirtschaft heute organisiert ist, verschwendet sie wertvolle Ressourcen, schadet Umwelt und Tieren, nimmt Armut und Hunger in Kauf. Weltweit wird nach Alternativen gesucht: Vielversprechend ist eine Kombination aus High-Tech und Hochleistungskulturen mit biologischem Landbau.

Biologische Landwirtschaft kann alle satt machen

Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau aus Frick in der Schweiz, ist einer der wichtigsten Vordenker der ökologischen Agrarwende. Ende 2017 hat der Wissenschaftler zusammen mit zehn weiteren Experten die Ergebnisse einer umfangreichen Modellrechnung zur Welternährung veröffentlicht. Das Ergebnis: Biologische Landwirtschaft kann alle zehn Milliarden Menschen satt machen, die nach aktuellen Prognosen 2050 auf der Erde leben werden.

Allerdings geht das nur dann, wenn die Äcker der Welt tatsächlich weitgehend zur menschlichen Ernährung und nur noch zu einem geringen Teil zur Kraftfutter- und Treibstoffproduktion genutzt werden. Urs Niggli sieht ein großes Potenzial im biologischen Landbau. Anders als viele Öko-Aktivisten glaubt er jedoch an ein Miteinander biologischer und konventioneller Agrarwirtschaft.

100 Prozent Ökolandbau sind utopisch

Heute beträgt der Ökolandbau nur ein Prozent der globalen Anbaufläche und auch ein Prozent des Marktes. Urs Niggli findet, dieser Anteil sollte weiter wachsen. Denn wenn wir dem Ökolandbau 30, 40, 50 Prozent Anteil geben, dann wird immer noch genug produziert und die Umwelt wird wesentlich weniger belastet.

Um mit biologischer Landwirtschaft die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren, braucht es nach dem Modell von Niggli eine Kombination ganz unterschiedlicher nachhaltiger Ansätze. Die ganze Landwirtschaft müsse nachhaltig werden. Heißt: Eine hochtechnisierte Landwirtschaft, die aber weniger Ressourcen verbraucht und die eigenen Abfälle besser verwertet.

Größerer Ertrag durch Anbau in Gewächshäusern

Doppelt so viel Ertrag mit dem halben Ressourcenverbrauch – das war vor 20 Jahren das Ziel der großen Forschungskooperation. Inzwischen wurde es für viele Gemüsesorten weit übertroffen. In den modernsten Gewächshäusern hat sich die Produktion pro Hektar verzehnfacht, gleichzeitig ist der Wasserverbrauch um 90 Prozent und der Stromverbrauch dank Solarenergie und Wärmespeichern auf Null gesunken.

Eines der größten Gewächshäuser Baden-Württembergs steht in Singen. (Foto: SWR, SWR -)
Eines der größten Gewächshäuser Baden-Württembergs steht in Singen. SWR -

Auch chemische Pflanzenschutzmittel sind kaum noch nötig, denn schädliche Pilze oder Insekten finden keinen Zugang zu den hermetisch abgeschlossenen Gewächshäusern. Die wenigen, die es trotzdem schaffen, werden mit ihren natürlichen Feinden, also Spinnen, Milben oder Nematoden, bekämpft.

Geringerer Einsatz von Herbiziden

Bisher habe man die Mechanisierung dafür genutzt, die Felder immer größer und eintöniger zu machen. Das ist der industrielle Gedanke. Mittlerweile kann die Präzisionslandwirtschaft mit Maschinen, die ganz exakt arbeiten, wieder Vielfalt in die Landschaft hineinbringen. So können z.B. Herbizide so präzise eingesetzt werden, dass nur noch ein Zehntel gebraucht werden. So können etwa Maschinen, die mit Sensoren und Kameras arbeiten, Unkraut von Kulturpflanzen unterscheiden.

Hightech-Öko-Landwirtschaft schließt auch Gentechnik ein

Damit rüttelt Niggli an einem Grundsatz, der bisher vor allem in der deutschen Bioszene in Stein gemeißelt ist. Er fordert die Fortschritte in der molekularbiologischen Forschung nicht einfach zu verbieten.

Globale Landwirtschaft im Miniaturmaßstab: das Projekt Weltacker

In Berlin haben Aktivisten die globale Landwirtschaft im Miniaturmaßstab nachgebaut. Sie nennen ihr Projekt " Weltacker". Die eingezäunte Fläche misst 2.000 Quadratmeter, etwa ein Drittel eines Fußballfelds. Und damit entspricht sie genau der Agrarfläche, die jedem Erdbewohner in seinem ganzen Leben im Durchschnitt zur Verfügung steht.

Zur Zeit wächst nur auf fünf Prozent der Weltacker-Fläche Gemüse

Auf dem Acker sind zwei Drittel der Fläche mit Energiepflanzen wie Weizen, Mais, Reis und Soja bebaut. Davon ist ein Großteil für die Futtermittelproduktion bestimmt. Frederike Hassels, Mitarbeiterin des Projekts ist sicher, dass über 12 Milliarden Menschen satt würden - also über 50 Prozent mehr als die heutige Weltbevölkerung - wenn auf dem großen Rest ausschließlich Pflanzen für die menschliche Ernährung angebaut werden. Und zwar nachhaltig, also ohne Kunstdünger, Chemie oder Gentechnik.

Sie versichert: Wir haben mit dem Weltacker den Realitäts-Check gemacht und festgestellt: Es ist heute schon mehr als genug da für alle.

Warum müssen dann trotzdem so viele Menschen hungern?

Der Berliner Weltacker-Gärtner Gerd Carlsson nennt dafür drei Gründe:

  • 2. wird der Acker immer stärker nicht zur Nahrungsmittelerzeugung, sondern zur Energiegewinnung genutzt. In Deutschland werden mittlerweile 20 Prozent der Fläche zur Energiegewinnung genutzt. Das sind Flächen, die anderswo fehlen. Auf der anderen Seite werden große Mengen an Futter importiert aus Südamerika, Sojaschrot hauptsächlich.
  • 3. Wir verzehren zu viel tierische Produkte.

Besonders anschaulich wird der enorme Verbrauch der Massentierhaltung im sogenannten Flächenbuffet des Weltackers. Das sind Abschnitte auf dem Acker, auf denen die nötigen Zutaten für bestimmte beliebte Gerichte wachsen.

Die Fläche für eine Portion Spaghetti Bolognese ist fünfmal größer als die für Spaghetti Napoli

Der Unterschied entsteht durch das Fleisch in der Bolognese. Der Mehranteil ist Soja für die Futtermittelproduktion für die Tiere, aus denen dann die Bolognese-Sauce gemacht wird.

Wer noch Parmesan-Käse über die Spaghetti streut, verbraucht damit noch einmal so viel Fläche wie für die Tomatensauce nötig war. Jedenfalls dann, wenn die Milchkühe, so wie es in Industrieländern heute Standard ist, nicht das Gras auf einer Weide gefressen haben, sondern Kraftfutter im Stall.

Wenn alle Menschen mehr Gemüse und weniger Fleisch essen, kann die Weltbevölkerung ernährt werden

Die Weltacker-Aktivisten sind überzeugt: wir müssen unsere Essgewohnheiten ändern: weniger Fleisch und mehr Gemüse auf dem Teller hilft die ganze Welt zu ernähren.

Zwei Kühe im Stall, eine streckt die Zunge raus (Foto: SWR, SWR - Angelika Endriss-Zorn)
Mehr Gemüse und weniger Fleisch essen lautet die Forderung von Experten, wenn alle Menschen auf diesem Planeten auch in Zukunft ernährt werden sollen. SWR - Angelika Endriss-Zorn

42 Kilo Fleisch verbraucht jeder Mensch im Jahresdurchschnitt, in Deutschland sind es rund 60 Kilo. Höchstens 25 Kilo wären mit einer nachhaltigen Landwirtschaft vereinbar.

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