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Herz auf Bestellung Chinas Transplantationssystem und der Westen

China liegt in der weltweiten Transplantationsstatistik auf dem zweiten Platz, hinter den USA. Doch das Land verdankt seine Spitzenposition einer Praxis, die international geächtet ist: Mehr als die Hälfte der 7.900 im Jahr 2012 verpflanzten Lebern und Nieren stammt von hingerichteten Gefangenen. Doch der Westen ist selbst tief in das System verstrickt.

Jahrelang hatte die chinesische Regierung Berichte über die Organentnahme bei Exekutierten als ausländische Propaganda abgetan. Bis die chinesische Gesundheitsministerin im November 2013 die selbst in überraschenden Offenheit gegenüber den Medien mitteilte.

Tatsächlich wurden in China bis heute mehr als 100.000 Organe bei getöteten Häftlingen entnommen – nach zurückhaltender Schätzung.
Ein Mensch stirbt, just in time, damit ein anderer weiterleben kann. Im chinesischen Transplantationssystem ist das möglich.

Töten mit Profit

Demonstration gegen den Organhandel in China.

Demonstration gegen den Organhandel in China.

Die Zahl der Hinrichtungen ist in China ein Staatsgeheimnis, wird aber auf knapp 4.000 im Jahr geschätzt. Statt wie früher per Kopfschuss, werden Gefangene heute oft in Hinrichtungsmobilen per Injektion getötet. Anderswo in der Welt lösen solche Meldungen Entsetzen aus. Was aber kaum jemand weiß: Der Westen ist tief in das chinesische System verstrickt. Nicht nur seine Patienten profitieren davon. Pharmafirmen versorgen den Markt in China mit Medikamenten gegen Organabstoßung. Westliche Berater der chinesischen Regierung geben vor, den Wandel in der Transplantationspraxis zu befördern, und verfolgen gleichzeitig geschäftliche Interessen in China. Westliche Kliniken und Ärzte unterstützen chinesische Transplantationszentren, ohne Fragen zu stellen. Immerhin, bei deutschen Funktionären ist mittlerweile durchgedrungen, dass ein Engagement in China heikel ist.

Kooperation mit Deutschland

Björn Nashan ist Cheftransplanteur in Hamburg und Präsident der Deutschen Transplantationsgesellschaft. Den Austausch mit China lehnt er nicht grundsätzlich ab. Er unterstützt den Kodex der Internationalen Transplantationsgesellschaft TTS zur Zusammenarbeit mit China. Dabei geht es unter anderem um die Frage, ob chinesische Chirurgen im Westen für die Transplantation weitergebildet werden dürfen.

Patient nach einer Lebertransplantation

Patient nach einer Lebertransplantation

Wo ist die Grenze zwischen Kooperation und Komplizenschaft? Das Deutsche Herzzentrum Berlin arbeitet mit zahlreichen Kliniken in der Volksrepublik zusammen, darunter auch Transplantationszentren. 500 Ärzte aus China hätten über die Jahre an der Arbeit in Berlin teilgenommen, verkündete der ärztliche Direktor Roland Hetzer im Mai 2012, bei der Eröffnung einer herzchirurgischen Tagung in Shanghai. Einige der chinesischen Chirurgen hätten ein komplettes Training über fünf Jahre in Berlin absolviert.

Partner in der Transplantation

Haben chinesische Ärzte auch in Deutschland das Handwerkszeug erlernt, das es ihnen erlaubt, in China Organe von Hingerichteten zu verpflanzen?

Nierenkranke in Taipeh

Nierenkranke in Taipeh

Engster Kooperationspartner der Deutschen ist das Chinesisch-Deutsche Herzinstitut in Shanghai, das im Jahr 2000 vom Deutschen Herzzentrum und dem Shanghai East Hospital gegründet wurde. Laut einer erst kürzlich aus dem Netz genommenen Webseite fungiert der chinesische Chirurg Liu Zhongmin als Executive Director der Klinik. Liu ist einer der Ärzte, die mehrere Jahre in Berlin ausgebildet wurden. Zu seinen Qualifikationen zählt die klinische Forschung zu "Herztransplantation, Kunstherz und kombinierter Herz-Lungen-Transplantation“.
Wie viele Herzen wurden insgesamt am Chinesisch-Deutschen Herzinstitut verpflanzt? Woher stammten die Organe? Auf diese schriftlichen Fragen gibt es von Liu keine Antwort. Auch Hetzer schweigt. Regeln für die heikle Kooperation mit China? Fehlanzeige.

Wie lange bis zur nächsten Hinrichtung?

Denn der internationale Organhandel mit China geht weiter, auch wenn die chinesische Führung sich offiziell um Reformen bemüht.

Organhandel

Mitglieder der Falun-Gong-Bewegung demonstrieren in Hong Kong

Die Broker von cntransplant.com werben im Internet ganz unverhüllt um neue Kunden. Auf die Mail eines fiktiven deutschen Patienten namens Hartmut Schmidt, der angeblich dringend eine Niere braucht, meldet sich innerhalb weniger Stunden ein Arzt.

Der fiktive Patient aus Deutschland hakt nach. Er möchte wissen, wie lange er auf eine Niere warten muss und ob er ein gutes Organ bekommen wird, doch die chinesischen Organhändler lassen sich keine Details zur Herkunft der Organe entlocken. Auch über die Namen der behandelnden Ärzte schweigen sie. Stattdessen schlagen sie unserem Patienten vor, er solle für den ersten Medizincheck nach China kommen.

Herzen von Falun-Gong

Es gibt einen weiteren, noch schlimmeren Verdacht. Man könnte ihn für die Spinnerei eines Thrillerautors halten, wenn da nicht der kanadische Anwalt David Matas und der ehemalige kanadische Staatssekretär David Kilgour wären. Akribisch haben sie seit 2006 Fakten gesammelt.

Organe_China

David Matas David Kilgour präsentieren das Ergebnis ihrer Recherchen.

Ihr Bericht mit dem Titel Bloody Harvest legt nahe, dass in China Häftlinge aus Arbeits- oder Umerziehungslagern für Organe getötet werden – Menschen, die gar nicht zum Tode verurteilt sind. Es geht vor allem um Angehörige der Falun-Gong-Bewegung, die buddhistische Meditationstechniken praktiziert und in China verfolgt wird, ohne je gewalttätig geworden zu sein.

Nach Aussage von Manfred Nowak, Professor für Völkerrecht an der Universität Wien, sind die Vorwürfe der beiden Kanadier "gut recherchiert und sehr schwerwiegend". Nowak war bis zum Jahr 2010 UN-Sonderberichterstatter über Folter. Im Namen der Vereinten Nationen bat er die chinesische Regierung um genaue Angaben, woher all die transplantierten Organe stammen. Die Volksrepublik China, sagt Nowak, habe alle Vorwürfe stets als Propaganda zurückgewiesen – jedoch nie entkräftet.

Berater mit eigenen Interessen

Michael Millis ist einer von mehreren westlichen Beratern der chinesischen Regierung in Transplantationsangelegenheiten, seit mehr als zehn Jahren schon. Mehrmals im Jahr reist er nach China und hält dort Vorträge über Lebertransplantation. Er hat eine Kooperation seiner Universität Chicago mit dem Peking Medical Union College initiiert. Er hat an seiner Universität chinesische Gastärzte in der Transplantationsmedizin weitergebildet. Millis dürfte einer der besten westlichen Kenner des chinesischen Transplantationssystems sein. Über eines allerdings möchte er unter keinen Umständen sprechen.

Falun-Gong-Anhänger demonstrieren in Taipeh

Falun-Gong-Anhänger demonstrieren in Taipeh

Denn Michael Millis hat geschäftliche Interessen in China. Wie unabhängig berät er dann die chinesische Regierung? Wie viel Kritik kann er sich erlauben? Hat er mit seinen chinesischen Partnern beispielsweise die mutmaßliche Organentnahme bei Falun-Gong-Anhängern diskutiert? Millis findet, wichtige Schritte in diese Richtung seien schon getan. Mehrmals verkündete sein Freund Huang, der ehemalige Vize-Gesundheitsminister, China wolle „die Abhängigkeit von den Organen Exekutierter“ beenden. 2010 startete Huang gemeinsam mit dem chinesischen Roten Kreuz ein Pilotprojekt zur bürgerbasierten freiwilligen Organspende.

Freiwillige für Geld

Was Millis nicht erwähnt: Das Pilotprojekt nahm erst Fahrt auf, als das chinesische Rote Kreuz die Angehörigen von Verstorbenen im Gegenzug für eine Organspende finanziell zu unterstützen begann; Geld für Organe zu bezahlen widerspricht den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Internationalen Transplantationsgesellschaft TTS.

Eingangsschild des «China Organ Transplant Response System»

Eingangsschild des "China Organ Transplant Response System"

Dennoch ist China seinem Ziel - internationaler Anerkennung - näher gekommen. In der Erklärung von Hangzhou kündigte die chinesische Gesundheitsministerin Li Bin im November 2013 an, China wolle ab Mitte 2014 gar keine Organe hingerichteter Häftlinge mehr verwenden. Auch der Organhandel solle unterbunden werden.

Doch erst 38 von über 160 Transplantationszentren erklärten sich bereit, auf Organe von Gefangenen zu verzichten. Insbesondere Militärkrankenhäuser handeln nach ihren eigenen Regeln. Im April 2014 entschließen sich deshalb führende TTS-Mitglieder zu einem außergewöhnlichen Schritt. Sie veröffentlichen einen Brief an den chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Die für Juni 2014 geplante internationale Konferenz in Peking – ist seitdem auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

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