Bitte warten...

Lizenz zum Töten Henker und Scharfrichter

Kaum eine Tätigkeit hat einen schlechteren Ruf als die des Scharfrichters. Doch wie sieht die historische Wirklichkeit aus? Zum Beruf wurde das Henkersamt in Deutschland im 13. Jahrhundert. Und wer aus einer Henkersfamilie kam, dem gab man keine andere Arbeit mehr.

Richtbeil aus dem 18. Jahrhundert

Richtbeil aus dem 18. Jahrhundert

Fernand Meyssonnier, der letzte Henker von Frankreich, wählte seinen Beruf, weil bereits sein Vater Henker war. Mit ihm richtete er von 1953 bis 1957 im französischen Auftrag etwa 200 Menschen in der Kashba von Algier hin. Bis ins 17. Jahrhundert lässt sich das Henkersamt in seiner Familie zurück verfolgen.

Das ist in diesem Metier nichts Ungewöhnliches. Damals hatten die Scharfrichter keine andere Wahl, denn ihr Stand galt als "unehrlich". Damit waren schmutzige, blutige oder stinkende Tätigkeiten gemeint. Wer diesem Stand angehörte und kein "ehrliches" Handwerk ausübte, hatte weniger Rechte und wurde auch nicht in eine Zunft aufgenommen. Das galt ebenso für die ganze Familie und für seine Nachkommen.

Ein nachgebauter Galgen

Einmal Henker, immer Henker!

Im Auftrag ihrer Obrigkeit mussten im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit die Scharfrichter neben dem Henkersamt Tätigkeiten übernehmen, die kein anderer Bürger verrichten wollte: die Leerung der Kloaken, die Aufsicht über die Prostituierten, die Entsorgung des verendeten Viehs. Diese Arbeit machte aus ihnen Aussätzige, gleichsam "Unberührbare". Die sozialen Folgen waren teils gravierend.

Strick bringt Glück

Man blieb auf Abstand, denn diesen Männern mit der "Lizenz zum Töten" wollte man nicht zu nahe kommen. Auf der anderen Seite suchte man aber wieder die Nähe von diesen Menschen, denn sie handelten quasi unterm Ladentisch mit verschiedenen Arzneien, die sie aus den Bestandteilen der herrenlosen Leichen, der Hingerichteten entnahmen und verarbeiteten. Auch der Henkersstrick wurde als Glücksbringer verkauft.

Ein Narr hängt an einer Galgenkonstruktion und zwei Narren stehen dabei

Attrappe einer Guillotine bei einem Karnevalsumzug

Vorläufer der Scharfrichter gab es bereits in der Antike. In Athen und Rom zwang man Sklaven dazu, dieses Amt zu übernehmen. In den römischen Kolonien mussten Legionäre die Hinrichtungen vollstrecken. Ziel war es auch, potentielle Täter abzuschrecken und Vergeltung zu üben: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wichtigstes Motiv für den Vollzug der Todesstrafe aber war ein sakraler Gedanke. Denn mit dem Vollzug konnte die heilige Sphäre wiederhergestellt werden, welche die Verbrecher verletzt hatten.

Mord, Raub und Zauberei

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts war die Todesstrafe weitgehend unbestritten. Ab dem 13. Jahrhundert hielten es die Stadt- und Landesväter allerdings für nötig, das Scharfrichten als Beruf zu etablieren. Zum einen, weil man sich der stetig wachsenden Delikte in den Städten und auf den Landstraßen erwehren wollte – für schwere Verbrechen wie Mord, Raub, Zauberei, aber auch Diebstahl wurde die Todesstrafe verhängt. Zum anderen wollte man dem dilettantischen Gemetzel der Selbstjustiz ein Ende machen und den Vollzug der Strafe gleichsam „humanisieren“.

Gesucht: Talent zum Töten

Hexe beim Schärensprung im Trierer Stadtteil Biewer

Hexen sind heute beliebt als Verkleidung in Narrenzeiten

Die Scharfrichterei als qualifizierter Lehrberuf, das kam im 13. Jahrhundert auf. Man musste eine Ausbildung absolvieren und mit 16 Jahren die Meisterprüfung. Damit wurde eine gewisse Arbeitsqualität etabliert. Mit dem Beruf waren mitunter auch Privilegien verbunden. Manche Städte zahlten bei öffentlichen Hinrichtungen eine repräsentative Amtstracht, wodurch die hoheitliche Funktion des Amtes betont werden sollte. Oder einer Henkersfamilie wurde ein Amt wie das des Abdeckers als Monopol zugesprochen. Die Obrigkeit wollte sich ihre Scharfrichter bei Laune halten – und das galt vom Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit.

Peinliches Verhör

Im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit waren die Aufgaben eines Scharfrichters äußerst vielfältig: vom "peinlichen Verhör", wie die Folter genannt wurde, über das Hinrichten mit Schwert, Strang und Rad bis zur Säuberung der Richtstätte reichten die Tätigkeiten. Neben handwerklichem Geschick waren auch umfangreiche Kenntnisse der menschlichen Anatomie dafür notwendig. Zimperlich durften Scharfrichter, Gehilfe und Familie bei ihrem Geschäft nicht sein. Die Scharfrichter waren dennoch keine sadistischen und blutrünstigen Zeitgenossen.

Betrunkene Henker

1960 befand sich hier die letzte und einzige zentrale Hinrichtungsstätte der DDR

1960 befand sich hier die letzte und einzige zentrale Hinrichtungsstätte der DDR

Henker mussten ein redliches Leben führen. Das waren oft sehr fromme Leute, die regelmäßig in die Kirche gingen, was auch von ihnen erwartet wurde. Wurden sie auffällig mit Trunksucht, Pöbeleien, Gewalttätigkeiten wurden sie hart bestraft, denn ein Henker sollte richten und nicht selbst Anhaltspunkte der eigenen Richtung geben. Und da haben wir viele Beispiele aus ganz Deutschland, wo Henker, die aufgrund ihrer Trunksucht – so eine Art Berufskrankheit der Henker – auffällig wurden und entsprechend abgestraft von den Berufskollegen.

Frauen hauen auch

Die Ausbildung fand in der Familie statt. Man wusste von Kindesbeinen an: ich werde in diesen Beruf einsteigen. Und so übten die kleinen Henker mit einem Holzschwert: an aufgesteckten Kohlköpfen, an Hunden, an Kälbern. Den Nachwuchs stellten vor allem die Jungen und Männer. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Frauen auch selbst hingerichtet haben und als Henkerinnen auftraten.

Vollzug der Todesstrafe in Teheran, Iran, 2007. Verurteilte werden in dergleichen Stadt exekutiert, in der sie ihre Tat begangen haben

Vollzug der Todesstrafe in Teheran, Iran, 2007

Die Hinrichtungen waren vor allem im 16. und 17. Jahrhundert ein Spektakel, das sich kaum einer entgehen lassen wollte. Die breite Akzeptanz dieses "Theater des Schreckens" ist mit unserem heutigen Verständnis von Humanität und Menschenwürde nicht mehr nachvollziehbar. Schaulust und Rachegelüste erklären sie nur zum Teil. Doch damals verstand man die Welt im Gleichgewicht einer göttlichen Ordnung. Und wenn dieses Gleichgewicht durch ein Kapitalverbrechen gestört wurde, musste eine Sühne das wieder in die Balance bringen.

Höchststrafe auf Magie

Kein anderes Delikt beschäftigte die Henker so intensiv wie der Vorwurf der Zauberei und Magie. Die Strafe war der Feuertod, eine Hinrichtungsart, die nicht zufällig gewählt wurde. Grundgedanke dieser Strafe war es, den Verbrecher für seine abscheuliche Tat vom Erdboden verschwinden zu lassen. Der Grundgedanke galt der reinigenden Kraft des Feuers, das alles Böse verzehrte. Der dabei entstehende Rauch und mit ihm die Bosheit des Missetäters wurden vom Wind fortgetragen. Hexen verbrannte man deshalb oft auf Anhöhen, wo der Wind freien Zugang hatte.

Zweifel am höchsten Richter

Stacheldrahtzaun einer Gefängnismauer

Nicht immer wurden Urteile und Strafen hinter Gittern vollzogen

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte ein Umdenken ein, das Zweifel an der Todesstrafe als Ausdruck göttlichen Willens anmeldete. Das auf Vernunft gegründete Weltbild der Aufklärung verdrängte zusehends religiöse Legitimationen. Gleichzeitig setzte sich die Auffassung durch, dass die grausamen Inszenierungen nicht der Abschreckung dienten – im Gegenteil. Statt Affektkontrolle würde der Gewaltkonsum während der Hinrichtungen lediglich zu Abstumpfung und Verrohung führen. Bestes Beispiel hierfür waren die Schreckensjahre der Französischen Revolution, als Tausende unter der Guillotine starben.

Der Gedanke der Besserung, der Resozialisierung war geboren. Allerdings mit einer ganz anderen strafrechtlichen Zielsetzung und ethischen Verortung als heute. So wurde strikt unterschieden zwischen unverbesserlichen Straftätern und jenen, die man mit Arbeit belehren könnte. So entstanden die ersten Strafanstalten und die Urteile wurden mehr und mehr nicht mehr öffentlich vollzogen, sondern hinter Gefängnismauern.

Der 1. Oktober 1946. Ein Sprecher des internationalen Militärtribunals in Nürnberg verliest die Urteile gegen führende Vertreter des sogenannten "Dritten Reiches". Angesichts der schrecklichen Kriegsverbrechen sollte ein Exempel statuiert werden. Für die meisten im Nürnberger Prozess verurteilten Hauptkriegsverbrecher bedeutete dies den Tod durch den Strang.

Henker haben auch Gefühle

Todeszelle in einem Gefängnis in Texas

Todeszelle in einem Gefängnis in Texas

Die politische Überzeugung, so scheint es, spielte bei der Berufung ins Henkersamt wohl eine geringere Rolle als die "professionelle Erfahrung". Die Geschichte lehrt etwas anderes, wie das Beispiel von Charles Henri Sanson zeigt. Der Henker von Paris richtete während der Französischen Revolution fast 3000 Menschen mit der Guillotine hin. Er beschrieb seine Haltung detailliert: Er hatte Depressionen, Magenverstimmungen und eine Nierenentzündung, ging widerwillig zu Hinrichtungen ging und war verzweifelt. Für Psychologen ist ein solches Verhalten keine Überraschung. Nur wer das Gefühl in sich aufrecht erhält, letztlich für eine höhere Ordnung zu arbeiten, wird als Henker weniger Belastung empfinden.

Immer noch zu viele Tote

Die Todesstrafe wurde im Grundgesetz 1949 und in der DDR 1987 abgeschafft. Doch noch immer haben mehr als 50 Länder die Todesstrafe in der Verfassung verankert und vollziehen sie zum Teil noch. Darunter die USA, China und der Iran. In Europa ist Weißrussland das letzte Land, das sie noch praktiziert.

China steht an der Spitze der Henker-Staaten

China steht an der Spitze der Henker-Staaten

Zwar gibt es die Todesstrafe in immer weniger Staaten. Die Zahl der Hinrichtungen nimmt in diesen Ländern aber zu. Vor allem aus politischen Gründen: wegen angeblicher Spionage oder sogenannter Verbrechen gegen den Staat. Das gilt besonders in Diktaturen. Aber auch in Demokratien wie den USA steigt die Zahl der Todesurteile.

Weitere Themen in SWR2