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Helikopter-Eltern Gespräch mit Josef Kraus zu seinem neuen Buch

Sie erziehen ihre Kinder dreisprachig und kutschieren sie regelmäßig zum Ballettunterricht. Wenn Eltern ihre Sprösslinge fördern, ist das ja eigentlich gut. Viele kreisen dabei aber wie Überwachungshubschrauber um den Nachwuchs. In seinem neuen Buch "Helikoptereltern - Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung" kritisiert Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, diesen Elterntypus. SWR2 Impuls hat mit dem Pädagogen gesprochen.

Helikopter-Eltern erwarten oft sehr viel von ihrem Kind

Helikopter-Eltern erwarten oft sehr viel von ihrem Kind

Sie haben das Buch Ihren eigenen Eltern gewidmet. Das waren wohl keine Helikopter-Eltern?

Josef Kraus

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes

Meine Eltern waren durchaus streng. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, je mehr sie geprägt wurden durch den Umschwung in der Pädagogik in den 70er, 80er Jahren, desto liberaler sind sie geworden. Meine Mutter hat sich irgendwann einmal Sorgen gemacht, dass sie zu streng war und nach der modernen Pädagogik aus mir nichts hätte werden können.

Welche Gesichter hat die von Ihnen kritisierte Helikoptererziehung?

Gottlob sind ja nicht alle Eltern Helikoptereltern. Allerdings nimmt der Anteil zu, wahrscheinlich demnächst ein Fünftel aller Eltern, die es oft zu gut meinen. Die ihre Kinder bei drei Tropfen Regen, ich übertreibe, mit dem Geländewagen in die Schule fahren würden, sich über das Gewicht des Schulranzens beschweren, die bei Note Drei mit dem Anwalt drohen, sich über die Anzahl der zu lernenden Vokabeln beschweren. Mir wurde berichtet, dass die gleichen Erfahrungen auch Busfahrer, Verkäuferinnen, Kinderärzte, Kindergartenerzieherinnen, Pfarrer machen.

Ist es nicht das größere Problem, dass Lehrer immer mehr Erziehungsaufgaben der Eltern übernehmen müssen?

Das ist schon richtig. Die Eltern, die Gesellschaft delegieren immer mehr Erziehungsaufgaben, zu denen sie laut Grundgesetz verpflichtet wären, an die Schulen. Das sind Eltern, die ihre Kinder verwahrlosen lassen, die kann man fünf oder zehn Mal zu einem Gespräch bitten, die kommen nicht, und das ist eine sehr frustrierende Arbeit für die Schulen. Die explosivste Zunahme sieht man aber bei den Eltern die sich um alles kümmern.

Welche Folgen hat es denn für Kinder, wenn sie ständig von ihren Eltern "umschwirrt" werden?

Balletkurs

Balletkurs an einer Grundschule

Sie werden nicht selbstständig. Wir haben Menschen, die bis ins vierte Lebensjahrzehnt noch am Rockzipfel von Mama hängen oder Bumerangkids, also Kinder, die einmal flügge geworden sind, aber dann nach Hause zurückkehren. Die Hochschulen bieten inzwischen ja auch schon Elternabende an. Die Unselbstständigkeit, die Unmündigkeit, die wir jungen Eltern anerziehen, macht mir Sorge. Den jungen Leuten raubt man im Grunde die Möglichkeit mit Frustrationen umzugehen, das Glückserlebnis, dass man selbst etwas geschafft hat. Man lässt Eigeninitiative und Eigenverantwortung nicht mehr zu.

Wie zeigt sich die Unselbstständigkeit der Kinder, zum Beispiel in der Schule?

Das sieht man bei Jugendlichen, die mit 14 noch in die Schule gebracht werden; die per Handy nach der ersten Stunde zu Hause anrufen, weil sie ihre Trinkflasche vergessen haben; wo die Mutter in die Schulsprechstunde kommt, weil sie nicht verkraften kann, dass ihr Sohn und sie- im Plural gesprochen! - eine Vier bekommen haben.

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen sind für dieses Helikopter-Phänomen verantwortlich?

Vater hält kleines Kind, das am Klavier sitzt.

Früh übt sich, wer ein Meister werden muss

Das hat zum einen mit der veränderten Familienstruktur zu tun. Es geht um  die Zahl der Kinder, die immer geringer wird, statistisch gesehen liegen wir bei 1,36 pro Paar. Und auf dieses eine Kind projiziert sich natürlich der ganze Ehrgeiz, der ganze elterliche Narzissmus. Dieses eine Kind muss alles bekommen, was man selbst damals nicht bekommen hat. Als weiterer Grund kommt hinzu, dass den Eltern von Stiftungen, von der Politik eingeflüstert wird, dass ihr Kind unterhalb des Masters gar keine Chancen im globalen Haifischbecken hat. Zusätzlich haben wir eine Inflation an Ratgeberliteratur, die die Eltern verunsichert und dadurch Teil des Problems ist.

Vieles ist unsicherer geworden, zum Beispiel die Verkehrswege zur Schule, der Leistungsdruck steigt zusehends, man will die besten Startbedingungen für die Kinder schaffen. Haben Sie nicht auch Verständnis für diese Eltern?

Ja, aus psychologischer Sicht ist das verständlich, aber faktisch sind die Verkehrswege sicherer geworden. Zu recht ist auch der Leistungsdruck , auch in Zusammenhang mit dem G8, beklagt worden. Insgesamt denke ich aber, es ist ein gefühlter Stress und gar nicht vergleichbar mit Nordkorea, Japan oder Peking. Ich denke, wir packen unsere Kinder zu sehr in Watte, wir könnten ihnen mehr zutrauen und vielleicht auch mehr zumuten.

Was raten Sie Eltern jetzt?

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Ich rate ihnen, alle pädagogischen Ratgeber über Bord zu werfen und sich an drei Grundsätzen zu orientieren. Erstens, dass Erziehung am besten in einer herzlichen aber auch Orientierung bietenden Familie gelingt. Zweitens, muss bewusst werden, dass es immer eine Gratwanderung zwischen Lenken und Führen, Gelassenheit und Wachsenlassen ist. Und drittens, da es in der deutschen Debatte darüber so bierernst zugeht, fordere ich ein bisschen mehr Leichtigkeit und Humor in der Erziehung, Humor ist ein wunderbares Mittel zur Lebensbewältigung und er signalisiert zugleich Herzenswärme.

Das Buch "Helikoptereltern - Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung" von Josef Kraus erscheint im Rowohlt Verlag.

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