SWR2 Wissen

Hass auf Frauen – Von Hate Speech bis Femizid

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG

Patriarchale Denkweisen sind der Nährboden für mehr oder weniger offene Abneigung gegenüber Frauen bis hin zu unverhohlenem Hass und Gewalt, meinen viele Forscher*innen.

Audio herunterladen (26,7 MB | MP3)

Sexistisches Weltbild in Deutschland weit verbreitet

Laut der Leipziger Autoritarismus-Studie aus dem Jahr 2020 hat ein Viertel der Deutschen ein geschlossen sexistisches Weltbild. In digitalen Räumen wird das wohl am deutlichsten.

Männer wärmen sich hier an Frauenbildern der Fünfzigerjahre wie an einem Lagerfeuer, ergötzen sich an Quotenfrauen-Häme, Rabenmütter-Narrativen und verbreiten Drohungen gegen angeblich besonders unverschämte, dreiste, wichtigtuerische Frauen.

Jeden dritten Tag bringt ein Mann in Deutschland eine Frau um

Jeden dritten Tag bringt ein Mann in Deutschland eine Frau um – seine Partnerin, seine Ex-Frau, eine Bekannte. Die Zahl der Femizide ist gleichbleibend hoch. Das Profil der Täter und ihre Vorgehensweisen sind gut erforscht, oft werden diese Taten angekündigt. Häufig suchen Opfer im Vorfeld von Gewalttaten Schutz bei der Polizei, erstatten Anzeige, suchen Beratungsstellen auf. Und es passiert trotzdem.

Demonstrantinnen mit "Handmaid's Tale"-Kostümen und Schildern mit der Aufschrift "Ni una menos  Nicht Eine mehr" machen im Rahmen der Frauentagsdemo 2021 in Berlin auf Femizide aufmerksam (Foto: IMAGO, IMAGO / Bildgehege)
Demonstrantinnen mit "Handmaid's Tale"-Kostümen und Schildern mit der Aufschrift "Ni una menos / Nicht Eine mehr" machen im Rahmen der Frauentagsdemo 2021 in Berlin auf Femizide aufmerksam IMAGO / Bildgehege

Auffallend wenig ist darüber bekannt, ob und wie patriarchale Strukturen in Institutionen wirken. Die Sozialwissenschaft ist bisher zurückhaltend, wenn es darum geht, Geschlechter-Ungleichheit in jenen Einrichtungen zu erforschen, die das staatliche Gewaltmonopol garantieren. Überraschend einheitlich sind dagegen die Stimmen betroffener, überlebender Frauen unabhängig vom Delikt. Sie vermissen

  • Schutz
  • konsequentes staatliches Vorgehen und
  • Gerechtigkeit

Viele Verfahrenseinstellungen und Freisprüche für die Täter

Auf einhundert vergewaltigte Frauen kommt laut einer Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer aus dem Jahr 2019 ein verurteilter Täter. Die Zahl ist umstritten. Einig ist sich die kriminologische Forschung aber darüber, dass die Ursachen für Verfahrenseinstellungen und Freisprüche bei sexueller Gewalt unklar sind. Für gewöhnlich werden Tatumstände und Glaubwürdigkeit von Opfer und Täter untersucht, bisher gibt es keine Forschung zur Ermittlungsarbeit selbst, kritisiert Pfeiffer. D

Frauen des öffentlichen Lebens sollen sich laut Polizei „bei Twitter abmelden“

Comedy-Autorin Jasmina Kuhnke erzählt 2021 der Tageszeitung taz, die Polizei habe ihr empfohlen, sich bei Twitter abzumelden, nachdem ein Video mit ihrem Wohnhaus im Bild und dem Aufruf, sie zu massakrieren, aufgetaucht waren. Wünsche nach Personenschutz oder regelmäßigen Streifen vor der Wohnung seien nicht erfüllt worden. Kuhnke musste deshalb laut taz umziehen und ebenfalls Sicherheitsmaßnahmen aus eigener Tasche zahlen.

Misogynie und Rassismus in der Literatur

2021 erschien Jasmina Kuhnkes Roman "Schwarzes Herz", in dem es um Rassismus und Misogynie geht. In den sozialen Medien nennt sich Kuhnke "Quattromilf". In einem Thread lesen u. a. Pegah Ferydoni und Natascha Strobl Auszüge aus dem Buch:

Pimmelgate offenbart ungleiche Strafverfolgung je nach Geschlecht

Der Vergleich: Im Juni 2021 durchsuchen Polizeibeamte die Wohnung eines Twitter-Users. Einer seiner Tweets hatte sich auf die Genitalien des Hamburger Innensenators Andy Grote bezogen und so die Ermittlungen ausgelöst. Die Angelegenheit zog sich bis Oktober 2021, immer wieder entfernte die Polizei Aufkleber und Plakate mit ein und demselben Satz. Der Twitter-User hatte geschrieben „Andy du bist so 1 Pimmel!“

Die Freiheit, nicht aufgrund des eigenen Geschlechts öffentlich gedemütigt zu werden, ist demnach ein männliches Privileg.

Misogynie in Institutionen, Bürokratie und Gesellschaft

Die amerikanisch-australische Moralphilosophin Kate Manne entwickelt in ihrem Buch „Down Girl“ eine Definition von Misogynie, die es möglich macht, unterschiedliche Ausprägungen von Frauenverachtung zu benennen. Misogynie, so Manne, sei eingeschrieben in soziale Verhältnisse, genauso wie in Institutionen und bürokratische Mechanismen einer ganzen Gesellschaft. Und sie reiche von den subtilen hin zu den dreisten, von den chronischen zu explosiven Anfeindungen durch einzelne Männer.

Kate Manne betont den rationalen Kern der Frauenverachtung: Gehe man davon aus, dass Führungspositionen, Einfluss, Geld, Status und so weiter nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen, dann sei es für Männer rational, Frauen von der Konkurrenz um diese Güter auszuschließen. Damit grenzt sich die amerikanische Philosophin bewusst gegen emotionalisierende und psychologisierende Deutungen der Misogynie ab.

Wenn Männer über Vergewaltigung lachen

Die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth schildert im Jahr 2021 gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, wie riskant es gewesen sei, sich als Frau in der Politik gegen männliche Mehrheiten zu äußern. Wie verletzend es auch für sie war, als viele Männer im Bundestag laut lachten, als eine Abgeordnete 1983 erstmals forderte,Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen.

Umwelt Die Szene der "Klimaleugner"

Die Leugner der Klimakrise sind gut organisiert. Donald Trump hört auf sie, die AfD ebenfalls. Doch wer steckt wirklich dahinter?  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

„Problem gelöst!“ steht 2019 in großen Druckbuchstaben auf dem Heck eines SUVs. Die Aussage ist Teil eines ganzen Sticker-Ensembles. Unterhalb der Kofferraumklappe kleben zwei geflochtene Zöpfe und damit unmissverständlich klar wird, wer hier gemeint ist, steht daneben noch ein: „Fuck you Greta“. Gleich mehrere dieser sogenannten Bumper-Sticker werden im sächsischen Vogtland ab 2019 spazieren gefahren.

Weiße Männer überrepräsentiert unter Klimaleugnern

Schon 2011 veröffentlichte die Fachzeitschrift Global Environmental Change eine Studie, wonach weiße Männer in der Gruppe derjenigen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen, überrepräsentiert sind.

Die amerikanische Politologin Cara Daggett von der Virginia Tech University gab diesem Identitäts-Konzept 2018 einen Namen: Petro-Maskulinität. Ihr Alter Ego ist das Auto, ihr Leistungsmerkmal: Schadstoffemissionen. Ihr Feindbild sind junge Frauen.

Frauen, die vermeintlich aus der Reihe tanzen

Rahel Jaeggi zählt zu den bedeutendsten Philosophinnen im deutschsprachigen Raum. 2009 wurde sie die erste Philosophie-Professorin an der Humboldt-Universität Berlin.

Patriarchale Lebensformen und Denkweisen sind für Jaeggi Nährboden für mehr oder weniger offene, mehr oder weniger stark ausgeprägte Abneigung gegenüber Frauen bis hin zu unverhohlenem Hass und Gewalt. Davon betroffen seien insbesondere Frauen und Mädchen, die als aufsässig, nachlässig oder aus der Reihe tanzend wahrgenommen werden, meint die US-amerikanische Philosophin Kate Manne.

Doch das ist nicht alles. Denn neben Kuhnke, Süssmuth, Daggett, Jaeggi und Manne machen sich immer mehr Menschen stark für Solidarität. Und spielen nicht mehr mit bei Ungerechtigkeit, Schweigen und Gewalt, sondern klagen Frauenhass, Femizide und strukturelle Gewalt offen an.

Diskussion Beschimpft, bedroht, beleidigt – Wer schützt uns vor dem Hass im Netz?

Es diskutieren:
Jagoda Marinic, Schriftstellerin, Heidelberg
Prof. Dr. Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler, Universität Tübingen
Dr. Jan Christian Sahl, Jurist und Mitbegründer von "HateAid", Berlin
Gesprächsleitung: Doris Maull  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Renate Künast zu neuem Netzwerkdurchsetzungsgesetz "Wir könnten viel weiter sein"

Die Grünen-Politikerin und frühere Verbraucherschutz-Ministerin weist im SWR2 Tagesgespräch auf Schwächen des erweiterten Netzwerkdurchsetzungsgesetzes hin. Renate Künast hat sich selbst in der Vergangenheit meist erfolgreich gegen Hasskommentare und Beleidigungen gewehrt: "Ein gutes Netzwerkdurchsetzungsgesetz plus Schwerpunktstaatsanwaltschaft und gute Beratungsstellen – das alles kann helfen."
Beim vorliegenden Netzwerkdurchsetzungsgesetz, dass in seiner ersten Form 2017 in Kraft trat, habe man aber „vieles vergessen“, so Künast. "Es war handwerklich schlecht gemacht. Man hat unter Innenminister Seehofer schon wieder versucht, eine Vorratsdatenspeicherung umzusetzen, mit dem Ergebnis, dass wir viel weiter sein könnten", bemängelt Künast.  mehr...

SWR2 Aktuell SWR2

Porträt zum 80. Geburtstag Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit – Warum Männer hassen

In seinem Werk „Männerphantasien“ sucht Klaus Theweleit nach dem Ursprung männlicher Gewalt und Dominanz über Frauen. Er wurde damit zu einem Pionier der Männer- und Gewaltforschung in Deutschland.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Femizid

Deutsche weniger emanzipiert als gedacht Autorin Carolin Haentjes über „Femizide – Frauenmorde in Deutschland“

„Die häufigsten Femizide passieren in Paarbeziehungen aus Besitzanspruch“, sagt Carolin Haentjes, Co-Autorin vom Buch „Femizide – Frauenmorde in Deutschland“. Der gefährlichste Ort für Frauen ist ihr Zuhause. 2018 kamen 50.000 Frauen weltweit in den eigenen vier Wänden gewaltsam zu Tode. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau durch ihren (Ex-)Partner getötet. Und mindestens jeden zweiten Tag versucht ein Mann, seine (Ex-)Partnerin zu töten. Die Lockdown-Situationen in der Corona-Pandemie haben die Gefährdung von Frauen durch Partner, Väter, Brüder weiter verschärft.
Dass bei einer solchen Tat noch Begriffe wie „Familientragödie“ fallen, liege häufig daran „dass wir uns einfach schwer daran tun, dass Deutschland noch nicht so emanzipiert ist, wie wir gerne glauben würden“, so Haentjes. Aber nicht nur die Bevölkerung tue sich schwer daran, den Mord an Frauen aufgrund ihres Geschlechts anzuerkennen, auch die Behörden und die Politik.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gesellschaft Land der Berge – Land der Frauenmorde: Warum gibt es in Österreich so viele Frauenmorde?

Damit das eigene Zuhause nicht länger ein gefährlicher Ort für Frauen bleibt, dafür setzt sich seit langem das Projekt „Stopp: Stadteile ohne Partnergewalt” in Wien ein. Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Österreich das einzige Land in der EU ist mit mehr Frauen- als Männeropfern. 25 Millionen Euro will die Regierung in diesem Jahr zusätzlich für den Gewaltschutz investieren. Viel zu wenig, kritisieren Frauenverbände. Wichtige Anlaufstellen und Frauenorganisationen seien chronisch unterfinanziert und das Problem der Gewalt gegen Frauen würde von der Politik nicht ernst genommen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Schwerer Schlag für die Frauenrechte: Die Türkei tritt aus der Istanbul Konvention aus

Die Istanbul-Konvention sei ein Meilenstein gewesen, nicht nur international zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, sondern auch zur Prävention, erklärt Delal Atmaca, Bündnisrätin im Bündnis Istanbul-Konvention und Geschäftsführerin des Dachverbands der Migrantinnenorganisationen, in SWR2, anlässlich des Ausstiegs der Türkei aus dem Abkommen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Körperliche und digitale Gewalt

Kriminalität Konzepte gegen häusliche Gewalt – Was tun, wenn er prügelt?

In Deutschland gibt es zu wenig Plätze in Frauenhäusern für gewaltbedrohte Frauen und ihre Kinder. Neue Ansätze fordern, zudem verstärkt auf Prävention und Täterarbeit zu setzen.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Gesellschaft Sexualisierte Gewalt im Sport – Wie Vereine Belästigung und Missbrauch verhindern

Viele Sportlerinnen und Sportler erleben sexualisierte Gewalt – oft durch Trainer, die auf Kumpel machen. Sportverbände sind sensibilisiert. Die meisten Vereine aber könnten viel mehr tun.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Sexuelle Gewalt So können Kinder besser vor sexueller Gewalt geschützt werden

Sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen ist weit verbreitet und stellt in der Gesellschaft noch immer ein großes Tabu dar. Eine aktuelle Studie zeigt: Jedes 5. Kind könnte schon einmal betroffen gewesen sein. Wie können wir Kinder besser schützen?  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Gesellschaft Cyberstalking – Was tun gegen digitale Gewalt?

Häufig sind Frauen die Opfer von Cyberstalking: Sie werden digital beleidigt und bedroht. Obwohl der Stalking-Paragraf verschärft wurde, ist es schwer, die Täter zu belangen.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Literatur

Buchkritik Patriarchen mit Partyhütchen und Pappnase: „Down Girl. Die Logik der Misogynie“ von Kate Manne

Der philosophische Blick von Kate Manne bleibt leider an der Oberfläche. Und erreicht, weil sich die Autorin auf die privilegierten „weißen“ Menschen dieser Welt fokussiert, nur eine kleine gebildete Elite.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Soraya Chemaly Speak out! Die Kraft weiblicher Wut

Wut gilt als unweibliches Gefühl. Mädchen sollen vor allem „lieb“ sein. Ein falscher Weg. Die US-amerikanische Journalistin und Aktivistin Soraya Chemaly will die Wut nun für Frauen produktiv machen.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Biografien Frauen im Porträt

Lebenswege mutiger und engagierter Frauen zum Hören und Lesen. Von Herrscherinnen, Wissenschaftlerinnen sowie Frauen aus Kunst und Literatur, Wirtschaft und Gesellschaft. Von der Antike bis in die Gegenwart.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
ONLINEFASSUNG