Ein älterer Mann wird an der Schilddrüse mit Ultraschall untersucht. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Autoimmunerkrankung Hashimoto Wenn die Schilddrüse sich selbst zerstört

SWR2 Wissen. Von Julia Smilga

Bis zu 10 Prozent der Bevölkerung hat das Hashimoto-Syndrom, eine chronische Entzündung der Schilddrüse. Die Beschwerden sind vielfältig, aber viele werden nicht richtig behandelt. Zur Therapie wird in der Regel ein Schilddrüsenhormon verschrieben, doch das reicht oft nicht aus. Jüngere Studien weisen zudem auf einen großen Nährstoffmangel bei Hashimoto-Patienten hin.

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Die Ursache für Hashimoto-Thyreoditis ist ein plötzlich auftretender Fehler im Immunsystem. Die eigene Schilddrüse wird als Fremdkörper angesehen und angegriffen. Abwehrzellen wandern dann in die Schilddrüse und zerstören sie.

Das verläuft meist unbemerkt, die Erkrankung wird oft erst Jahre später festgestellt, wenn die Schilddrüse bereits deutlich verkleinert oder ganz zerstört ist. Dann kann sie nicht mehr genügend Hormone ausschütten. Der Stoffwechsel arbeitet langsamer und die Leistungsfähigkeit der Erkrankten nimmt ab. Betroffene werden dauermüde, antriebslos, haben keine Lust mehr zu gar nichts, leiden unter depressiven Verstimmungen. Und sie nehmen stark zu. Hausärzte prüfen dann zuallererst den TSH-Wert im Blut.Hashimoto führt zu Antriebsschwäche, Müdigkeit und Lustlosigkeit.

Eine Frau sitzt depressiv vor ihrem Essen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Hashimoto führt zu Antriebsschwäche, Müdigkeit und Lustlosigkeit. Thinkstock -

Ein erhöhter TSH-Wert ist ein erstes Warnzeichen, dass die Schilddrüse nicht mehr richtig funktioniert

TSH steht für „Thyroidea – Stimulierendes Hormon“, sprich: „Schilddrüsenstimulierung“. TSH ist ein Steuerhormon der Hypophyse. Man kann es sich wie einen Laufburschen vorstellen, der vom Geschäftsinhaber in die Lagerräume geschickt wird, um für genügend Warennachschub zu sorgen. Erreicht der „Laufbursche“ TSH die Schilddrüse, beginnt sie sofort mit der Produktion des Hormons T 4, dem Thyroxin. Daraus stellt unser Körper wiederum T 3 her – das eigene stoffwechselaktive Schilddrüsenhormon, das von Organen und Gewebe gebraucht wird. Soweit also der Normalfall.

Doch wenn die Schilddrüse nicht genügend Hormone produziert, schickt die Hirnhangdrüse immer mehr „Laufburschen“, die die Hormonproduktion ankurbeln sollen. Der TSH-Wert steigt – und das gilt als erstes Warnzeichen: Die Schilddrüse funktioniert nicht richtig.

Zur Diagnose von Hashimoto reicht ein erhöhter TSH-Wert allerdings nicht aus

Ist der TSH-Wert erhöht, wird in der Regel eine Unterfunktion der Schilddrüse angenommen. Der Arzt verschreibt dann das künstliche Schilddrüsenhormon L-Thyroxin. Die Dosierung wird am Körpergewicht orientiert. Doch viele Hausärzte sind überfordert, da es keine einheitlichen Normwerte für TSH gibt. Während für manche Labore die Obergrenze von 2,5 Milliunits TSH pro Liter Blut gilt, liegt sie bei anderen bei 4,5.

Zudem lässt sich ein Hashimoto-Syndrom nicht allein mit dem TSH-Wert bestimmen. Dazu braucht es noch die Antikörperbestimmung im Blut. Sind die auch erhöht, wird die Schilddrüse mit Hilfe von Ultraschall-Sonographie untersucht. Erst diese Untersuchung kann zweifelsfrei zeigen, ob ein Hashimoto-Syndrom vorliegt.

Ärztin untersucht Patientin an der Schilddrüse. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Endokrinologen untersuchen die Schilddrüse mit Ultraschall-Sonographie. Eine typische Hashimoto-Schilddrüse wird in der Regel echoarm dargestellt. Thinkstock -

Hashimoto - eine "macht nix" Krankheit?

Hashimoto-Patienten werden in der Regel genau wie Patienten mit einer Schilddrüsenunterfunktion behandelt. Sie erhalten das Schilddrüsenhormon L-Thyroxin, das ihre Blutwerte wieder stabilisiert. Doch viele Betroffene schildern, dass sie sich trotz Top-Blutwerten weiter schlapp, müde, antriebslos und depressiv fühlen. Etwa 10 Prozent der Bevölkerung hat das Hashimoto- Syndrom, mehrheitlich sind Frauen davon betroffen.

Doch längst nicht alle leiden unter gesundheitlichen Einschränkungen. Und das obwohl geschätzt 10% der Bevölkerung Hashimoto haben. Aber nur 1 Prozent der Bevölkerung hat damit tatsächlich Probleme. Deshalb ist die Hashimoto-Thyreoiditis in den Augen der meisten Ärzte eine Art „macht nix-Krankheit“.

Deutschlandweit wird kaum zu Hashimoto geforscht

Einer der wenigen Ärzte, die sich der komplexen Erkrankung Hashimoto widmen, ist Dr. Johannes Dietrich. Er leitet die endokrinologische Ambulanz am Universitätsklinikum der Ruhr Universität Bochum und hat in Studien mit über 10.000 Probanden herausgefunden, dass jeder Mensch seine persönlichen Schilddrüsen-Wohlfühlwerte hat und dass dazu auch die Werte der freien Hormone T3 und T4 gehören. Doch sobald die Schilddrüse erkrankt und man mit der künstlichen Therapie beginnt, gehen diese ursprünglichen „Sollwerte“, also z.B. die vom Körper individuell benötigte Menge an T3 und T4, für immer verloren.

Johannes Dietrich hat deshalb mit Hilfe von verschiedenen mathematischen Modellen und Computersimulationen ein Berechnungsverfahren entwickelt, mit dem er diesen persönlichen Sollwert für T4 und T3 rekonstruieren kann. Viele seiner Patienten hat er mit Hilfe der Tablettendosierung auf diese für sie individuell berechneten Werte eingestellt. Und ihnen ging es danach bedeutend besser. Allerdings sei das Verfahren noch experimentell und bisher nicht für die breite Praxis anwendbar, so Dietrich.

Anatomische, dreidimensionale Darstellung eines menschlichen Oberkörpers. Farblich hervorgehoben ist die Schilddrüse. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Dr. Johannes Dietrich berechnet mit mathematischen Modellen und Computersimulationen die persönlichen Schilddrüsen Wohlfühlwerte von Hashimoto-Patienten. Das Verfahren ist jedoch noch experimentell und nicht für die breite Praxis anwendbar. Thinkstock -

Schlägt die Schilddrüsentherapie nicht an, heißt es oft die Psyche sei schuld

Sandra H. ist ein Beispiel dafür. Sie leidet seit ihrer Jugend an einer Schilddrüsenunterfunktion, die Folge sind Schlafstörungen und Müdigkeit. Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter nehmen die Beschwerden zu. Sie kommt kaum mehr vom Sofa hoch, ist permanent erschöpft. Alles ist ihr zu viel. So verliert Sandra auch ihren Job als Computerspezialistin. Sie wird depressiv und kommt schließlich wegen Suizidgefahr in die geschlossene Psychiatrie. Nach der Entlassung fragt sie sich, ob die Schilddrüsenproblematik vielleicht an ihrem plötzlichen psychischen Zusammenbruch schuld sein könnte. Doch ihre Ärztin verneint. Ihre Einstellung mit L-Thyroxin sei gut, schuld sei eindeutig ihre Psyche.

Zu den wenigen Ärzte, die Hashimoto umfassender therapieren, reisen Betroffene aus ganz Deutschland

Sandra recherchiert selbst in einschlägigen Internetforen und schöpft den Verdacht, dass es doch ihre Schilddrüse ist, die die Probleme verursacht. Irgendwann findet Sandra einen Spezialisten, von dem sie sich Hilfe erhofft. Sie fährt 350 km weit nach Neu-Ulm zum Nuklearmediziner Steffen Glatz. In seine Praxis kommen Hashimoto-Patienten nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus halb Europa. Im Internet wird Glatz als Geheimtipp gehandelt.

Spezialisten messen bei Verdacht auf Hashimoto auch die Nährstoffdichte im Blut

Steffen Glatz versichert, er mache gar nichts Revolutionäres. Über das Normalprogramm hinaus messe er einfach noch einige Spurenelemente im Blut, die seiner Erfahrung nach am häufigsten zu niedrig sind. Denn Glatz hat beobachtet, dass seine Hashimoto-Patienten oft unter gravierenden Nährstoffmängeln leiden. L-Thyroxin allein kann dann die vielfältigen Beschwerden nicht lindern.

Am häufigsten stellt er fest, dass bei Hashimoto-Patienten der Vitamin D Spiegel im Keller ist und die Eisenwerte viel zu niedrig sind. Auch der Selen-Wert ist oft erniedrigt. Außerdem prüft Glatz auch die selten erhobenen Werte der Folsäure, die Biotin-Konzentration und das Serotonin.

Bei Sandra H. stellt Glatz einen großen Mineralstoff-Mangel fest. Sandra beginnt sofort mit hochdosierten Vitamin D und anderen Zusatzsstoffen, auch ihre L-Thyroxin-Dosierung wurde nach oben angepasst. Sie merkt schon bald den Unterschied in der Lebensqualität. Und ist wütend, dass kein Arzt sie bis dahin ernst genommen hatte.

vitamin D Pille gelb (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Der Vitamin D-Wert im Blut ist bei Hashimoto-Patienten oft im Keller. Thinkstock -

Eine Meta-Studie bestätigt den Zusammenhang zwischen Nährstoffmangel und Risiko der Hashimoto-Entwicklung.

2017 kommt eine chinesisch-britische Überblicksstudie zu dem Ergebnis: eine hohe Jodzufuhr kann zu Hashimoto führen. Auch Selen- und Eisenspiegel seien essentiell für eine gesunde Schilddrüsenfunktion. Diese waren bei vielen Hashimoto-Patienten unterhalb der Normwerte. Eisenmangel beispielsweise blockiert den Stoffwechsel der Schilddrüse. Hatten sich die Eisenwerte bei Patienten mit Hashimoto später durch die Behandlung normalisiert, verbesserten sich die Konzentrationen der Schilddrüsenhormone und zahlreiche Symptome verschwanden.

Selen sorgt für die Umwandlung des Vorstufenhormons T4 in das aktive Hormon T3. Einige Studien zeigten: 200 Mikrogramm Selen täglich reduzierten die Höhe der Schilddrüsenantikörper signifikant, dabei verbesserte sich die Stimmungslage der Patienten. Auch ausreichend hohe Vitamin D- Spiegel sind notwendig, damit die Schilddrüsenrezeptoren und das Immunsystem optimal funktionieren. Die Wissenschaftler ziehen dass Fazit: Hashimoto-Patienten sollten standardmäßig auf Selen-, Eisen- und Vitamin D- Mangel kontrolliert werden.

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