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Aus Anlass des 90. Geburtstages wiederholte die SWR2 Aula im Jahr 2018 drei Vorträge des streitbaren Papst- und Kirchenkritikers Hans Küng aus dem Jahr 2006. Der Theologe fragt darin, ob die modernen Naturwissenschaften wie Astrophysik oder Molekularbiologie noch Platz lassen für das Prinzip "Gott" und ob sich Wissenschaft und Religion verbinden lassen. Im ersten Teil geht es um die Theorie vom Urknall. Hans Küng starb am 6. April 2021.

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Küng zeigt sich in diesen Vorträgen als Universalgelehrter, der weiß, wie die modernen Naturwissenschaften "ticken" und der sich kritisch mit den Konzepten und Modellen der Astrophysik, der Molekular- und Evolutionsbiologie und der Hirnforschung auseinandersetzt. Er fragt, wo die Grenzen der jeweiligen Disziplinen sind, was man etwa mithilfe der Urknalltheorie erklären kann und was nicht. Jenseits dieser Grenzen des Erklär- und Messbaren kommt für Küng die Theologie ins Spiel, die Frage nach Gott.

Die Grenzen der Wissenschaft

Die Naturwissenschaft sitzt auf "Inseln des Wissens und hat nur ein eingeschränktes Bild vom Kosmos. Nach den Messungen der Weltraumsonde WMAP steht fest: Wir kennen nur 4 Prozent des Weltalls; nur so viel nämlich besteht aus gewöhnlicher, sichtbarer Materie, also aus Sternen, Planeten, Monden! Und der unbekannte Rest? Der besteht aus 23 Prozent Dunkler Materie und 73 Prozent Dunkler Energie". Das heißt: Das Universum ist für uns Menschen immer noch ein großes Rätsel. 

Was war vor dem Urknall?

"Wissenschaftliche Methoden können auch mit ständig zunehmender Reichweite und Raffinesse nicht in Erfahrung bringen, was vor diesem Zeitpunkt war". Und genau da setzt das religiöse Denken ein, die Frage nach einem Anfang von Allem und einem metaphysischen Urgrund alles Wirklichen. 

Wann kommt Religion ins Spiel?

"Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Dies ist nach dem großen Mathematiker und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz die Grundfrage der Philosophie, ja, dies ist die Ur-Frage des Menschen, die der Naturwissenschaftler nicht beantworten kann. Hier geht es nicht um einen Lückenbüßer-Gott , um "God of the Gaps".

Goldene Taube vor dunklem Hintergrund (Foto: SWR, Foto: Colourbox.de -)
Foto: Colourbox.de -

Hier stößt der Mensch auf das Urgeheimnis der Wirklichkeit, das Juden, Christen, Muslime und Gläubige mancher anderer Religionen mit dem viel missverstandenen, viel missbrauchten Namen "Gott" bezeichnen". 

Das uneingeschränkte  "Ja!"  zu Gott

"Wie wird es mir gewiss, dass "Gott" nicht nur eine Hypothese, eine "Idee", sondern "Wirklichkeit" ist? Nicht durch theoretische Operationen der reinen Vernunft. Allerdings auch nicht nur durch irrationale Gefühle oder pure Stimmungen. Vielmehr auf Grund einer vertrauenden, rational verantwortbaren Grundentscheidung und Grundeinstellung. Das Ja zu Gott ermöglicht ein radikal begründetes Grundvertrauen zur Wirklichkeit. Denn wer Gott bejaht, weiß um den Urgrund, das Urgeheimnis der Wirklichkeit; er weiß, warum er der Wirklichkeit von Welt und Mensch trotz aller Fraglichkeit im Grunde vertrauen kann."

Hans Küng vor seinen gesammelten Werken (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
Seine Bücher sind ein Welterfolg mit einer Millionenauflage. picture-alliance / dpa -

Hans Küng war Professor der Fundamentaltheologie, der Dogmatik und ökumenischen Theologie an der Universität Tübingen. Seine kritische Haltung gegenüber der Kirche und des Papstes hatte zur Folge, dass ihm 1979 die kirchliche Lehrbefähigung entzogen wurde. Eine neue wichtige Aufgabe übernahm er als Präsident der 1995 gegründeten "Stiftung Weltethos". Auf Betreiben Küngs errichtete im Jahr 2011 die Stiftung Weltethos ein Weltethos-Institut an der Universität Tübingen. Wie kaum ein Theologe seiner Zeit bestimmte Küng die öffentliche Diskussion über Christentum, Kirche sowie andere religiös-theologische Probleme. Hans Küng starb am  6. April 2021.

Bücher:
Der Herder-Verlag veröffentlicht eine auf 24 Bände ausgelegte Gesamtausgabe von Küngs Werken. Darunter u.a.:
- Theologie im Aufbruch (Hans Küng – sämtliche Werke). Hrsg. Stephan Schlensog. 2018.
- Existiert Gott? (Hans Küng – sämtliche Werke). Hrsg. Stephan Schlensog. 2016.

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