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Steckt hinter der Entstehung des Lebens ein geheimnisvoller Schöpfungsakt? Aus Anlass des 90. Geburtstages wiederholte die SWR2 Aula im Jahr 2018 drei Vorträge des streitbaren Papst- und Kirchenkritikers Hans Küng aus dem Jahr 2006. Dem Theologen geht es dabei immer um die Frage: Lassen die modernen Naturwissenschaften noch Platz für das Prinzip "Gott". Hans Küng starb am 6. April 2021.

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Geht es um den Zufall oder um einen geheimnisvollen Plan?

Auf unserer Erde konnte sich schließlich nach Jahrmilliarden aus dem Tierreich sogar Leben mit Geist entwickeln: der Mensch. Überträgt man mit einem Zeitraffer die 13,7 Milliarden Jahre Geschichte des Kosmos auf ein einziges Jahr, dann entwickelt sich komplexeres Leben erst zu Beginn des zehnten Monats, der Mensch aber erst in den letzten Stunden des letzten Tages des Jahres. Die Frage, die angesichts dieser ungeheuren Entwicklung unausweichlich bleibt: alles vielleicht doch nach einem ganz bestimmten "Rezept" oder "Plan" für ein lebens- und geistfreundliches Universum? Alles wirklich reiner Zufall? (Hans Küng)

Die moderne Biologie kann diese Fragen nicht beantworten. Sie zeigt die Gesetzmäßigkeit der Selbstorganisation der Materie. Aber bei der Entwicklung des Lebens auf der Erde gibt es eine interessante Auffälligkeit: Es existierten kurz nach dem Urknall eine Symmetrie und "Harmonie" , die absolut unerklärlich sind und vielleicht doch auf ein metaphysisches Schöpfungsprinzip hinweisen könnten:

3,5 Milliarden Jahre hat die Evolution gebraucht, um Leben im heutigen Reichtum der Gestalten und Verhaltensweisen und schließlich sogar Leben mit Geist hervorzubringen.

Personen sitzen auf einer Bank in einem grünen Naturgarten (Foto: SWR, SWR -)
Die Harmonie und Gelassenheit der Natur SWR -

Eine erstaunliche Entwicklung: Wie musste da im Kosmos alles genau und keineswegs immer symmetrisch austariert sein, damit nach Milliarden Jahren einmal Leben entstehen konnte: die Feinabstimmung von Energie und Materie, von nuklearen elektromagnetischen Kräften, von Gravitationskraft und Energie durch Kernreaktion in unserer Sonne. (Hans Küng)

Der Mensch kann sich zwischen Sinnlosigkeit und Sinnhaftigkeit entscheiden

Jenseits der Theorien und Konzepte der Evolutions- und Molekularbiologie, bleibt immer die Frage nach dem Sinn des Ganzen:

Entweder ein Mensch sagt Nein zu einem Urgrund, Urhalt und Urziel des ganzen Evolutionsprozesses: Dann muss er die Sinnlosigkeit des ganzen Prozesses und die totale Verlassenheit des Menschen in Kauf nehmen. Oder ein Mensch sagt Ja zu einem Urgrund, Urhalt und Urziel: Dann darf er die grundlegende Sinnhaftigkeit des ganzen Prozesses und der eigenen Existenz zwar nicht aus dem Prozess selbst begründen, wohl aber darf er sie vertrauend voraussetzen. (Hans Küng)

Der Dialog zwischen Religion und Naturwissenschaft

Naturwissenschaft und Religion sind nach Küng keine Konkurrenten, die sich gegenseitig vorwerfen, mit falschen Konzepten und Argumenten zu arbeiten.

Eine Hand hält ein hölzernes Kruzifix (Foto: SWR, Foto: Colourbox.de -)
Foto: Colourbox.de -

Er fordert einen Dialog zwischen beiden, die sich auf folgende Weise ergänzen:

  • Religion kann die Evolution als Schöpfung interpretieren.
  • Naturwissenschaftliche Erkenntnis kann Schöpfung als evolutiven Prozess konkretisieren.
  • Religion kann so dem Ganzen der Evolution einen Sinn zuschreiben, den die Naturwissenschaft von der Evolution nicht ablesen, bestenfalls vermuten kann.
  • Gottes Geist wirkt nicht von oben oder außen als unbewegter Beweger in die Welt hinein. Vielmehr wirkt er als die dynamische wirklichste Wirklichkeit von innen im ambivalenten Entwicklungsprozess der Welt, den er ermöglicht, durchwaltet und vollendet. Er selbst ist Ursprung, Mitte und Ziel des Weltprozesses!
Hans Küng vor seinen gesammelten Werken (Foto: SWR, picture-alliance / dpa -)
Seine Bücher sind ein Welterfolg mit einer Millionenauflage. picture-alliance / dpa -

Hans Küng war Professor der Fundamentaltheologie, der Dogmatik und ökumenischen Theologie an der Universität Tübingen. Seine kritische Haltung gegenüber der Kirche und des Papstes hatte zur Folge, dass ihm 1979 die kirchliche Lehrbefähigung entzogen wurde. Eine neue wichtige Aufgabe übernahm er als Präsident der 1995 gegründeten "Stiftung Weltethos". Auf Betreiben Küngs errichtete im Jahr 2011 die Stiftung Weltethos ein Weltethos-Institut an der Universität Tübingen. Wie kaum ein Theologe seiner Zeit bestimmte Küng die öffentliche Diskussion über Christentum, Kirche sowie andere religiös-theologische Probleme. Hans Küng starb am  6. April 2021.

Bücher (Auswahl):
Der Herder-Verlag veröffentlicht eine auf 24 Bände ausgelegte Gesamtausgabe von Küngs Werken. Darunter sind z.B.:
- Theologie im Aufbruch (Hans Küng – sämtliche Werke). Hrsg. Stephan Schlensog. Herder-Verlag, 2018.
- Existiert Gott? (Hans Küng – sämtliche Werke). Hrsg. Stephan Schlensog. Herder-Verlag, 2016.

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