SWR2 Wissen Halluzinationen - Ursachen und Therapien

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Von Julia Beißwenger

Stimmen im Kopf, vertraute Gerüche oder Verstorbene, die plötzlich erscheinen – viele Menschen haben Halluzinationen. Die Gründe dafür sind vielfältig, eine Erkenntnis jedoch ist relativ neu.

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Entzündungen als Ursache für Halluzinationen

Entzündungen im Gehirn können für Halluzinationen sorgen. Ausgelöst werden sie dann durch Viren oder Bakterien, die in das Gehirn gelangen. Theoretisch könnte das fast jedes Bakterium und jedes Virus, sagt Harald Prüß von der Charité in Berlin. Der Neurologe erforscht, wie Halluzinationen und Psychosen durch solche Entzündungen entstehen.

Autoimmunerkrankungen besonders gefährlich

Wenn das Immunsystem, das den Körper eigentlich vor Viren und Bakterien schützt, den eigenen Organismus angreift und dabei Nervenzellen zerstört, können Mediziner wie Prüß bei Betroffenen die gleichen Symptome beobachten, die sonst bei einer Schizophrenie auftreten. Diese Erkenntnis, dass einzelne Antikörper die Hirneiweiße angreifen und zu schweren Krankheiten mit Halluzinationen führen können, haben die Forscher erst seit wenigen Jahren. Das hat Folgen für die Betroffenen.

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Patienten mit Halluzinationen falsch behandelt

Der Berliner Neurologe Harald Prüß schätzt, dass etliche Patienten in der Vergangenheit vermutlich wie psychisch Kranke behandelt wurden, obwohl sie eigentlich unter einer Entzündung im Gehirn litten. Um das künftig auszuschließen, sollte man bei frisch auftretenden Halluzinationen immer zunächst das Blut oder Hirnwasser der Patienten untersuchen, sagt Prüß deshalb. Noch werde dies nicht flächendeckend getan. Das soll sich in den nächsten Jahren aber ändern.

Wirksame Mittel gegen Entzündungen

Im Falle einer Entzündung, in deren Zusammenhang Trugwahrnehmungen auftreten, können Blutwäsche und Medikamente in der Regel schnell helfen. Das ist oft aber nur möglich, wenn die Krankheit auch frühzeitig erkannt wird. Eine Entzündung ist zudem nur bei etwa einem Prozent aller Betroffenen der alleinige Auslöser für quälende Halluzinationen. Sehr viel häufiger treten sie nach wie vor bei psychiatrischen Krankheiten auf.

Entzündungen im Gehirn können Halluzinationen hervorrufen (Foto: dpa/picture-alliance -  CHROMORANGE / Knut Niehus)
Entzündungen im Gehirn können Halluzinationen hervorrufen dpa/picture-alliance - CHROMORANGE / Knut Niehus

Halluzinationen meistens eine psychiatrische Krankheit

Schizophrenie ist eine der häufigsten Diagnosen bei Menschen mit Halluzinationen. Auch schwere Depressionen können vergleichsweise oft die Ursache für täuschende Wahrnehmungen sein. Daneben können vorübergehende Trugwahrnehmungen bei vielen anderen Krankheiten auftreten, etwa in Verbindung mit einer so genannten Borderline-Persönlichkeitsstörung, als Begleiterscheinung eines Hirntumors oder bei einer Demenz.

Jeder Siebte kennt Halluzinationen

Menschen mit Halluzinationen sehen Dinge, die sonst niemand sieht, riechen, fühlen oder hören etwas, das für andere nicht da ist. Bei Drogen sind die Sinnestäuschungen oft erwünscht, doch viele Menschen haben Halluzinationen ganz ohne Rauschmittel. Bis zu 15 Prozent aller Befragten haben laut Studien solche außergewöhnlichen Wahrnehmungen schon einmal erlebt.

Nicht alle Menschen leiden unter ihren Visionen

Halluzinationen müssen nicht gleich schaden. Seltsame Gerüche können interessant sein, vertraute Gestalten oder Stimmen freundliche Begleiter im Leben. In solchen Fällen gelten Halluzinationen nicht als Krankheit, sagen Ärzte. Wenn die Sinnestäuschungen jedoch Angst machen, weil sie Betroffene zum Beispiel bedrängen und beschimpfen, müssen Psychologen und Mediziner helfen. Betroffene organisieren sich zudem immer häufiger selbst, wie etwa im Netzwerk Stimmenhören. Ihre Botschaft: Wer Halluzinationen hat, ist nicht verrückt. Die Sinnestäuschungen seien für viele Menschen ein alltägliches Phänomen.

Halluzinationen können verschiedene Ursachen haben (Foto: dpa/picture-alliance -)
Halluzinationen können verschiedene Ursachen haben dpa/picture-alliance -
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