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Wassertropfen

Grundwasser in Gefahr Das Schadstoffgedächtnis im Untergrund

Der Zustand des Grundwassers ist vielerorts besorgniserregend. Und das seit Jahren schon. Besonders Nitrat bedroht viele Grundwasserleiter, aber auch Pestizide oder Arzneimittel. Wasserwerke schlagen in immer kürzeren Abständen Alarm. Aufgrund der schlechten Nitrat-Werte hat die EU-Kommission ein Verfahren gegen Deutschland eingeleitet und droht mit Klage.

Informationen aus über 800 Mess-Stellen laufen beim Umweltbundesamt in Dessau zusammen. Erhoben werden die Werte vor Ort von den Unternehmen der Wasserwirtschaft. Tausende gibt es in Deutschland, kleine regionale Wasserwerke, aber auch große, städtische Versorger wie die Berliner Wasserbetriebe.

Spiegel der Industrialisierung

Die Grundwasser-Proben spiegeln immer auch Art und Grad der Industrialisierung einer Region wider. Die Berliner Wasserbetriebe kämpfen heute noch mit Grundwasser-Schäden aus dem vorletzten Jahrhundert. Aus einer Zeit, in der die chemische Industrie einen rasanten Aufschwung nahm, ohne dass sich jemand Gedanken um die Folgen für die Umwelt machte.

Ein Feld mit der Bioenergiepflanze "Durchwachsene Siphie" und eine Biogasanlage

Grundwasser-Proben spiegeln immer auch Art und Grad der Industrialisierung einer Region wider

Jahrzehntelang fand der staatliche Umweltschutz an der Wasser-Oberfläche statt. Die Behörden kümmerten sich um Flüsse, Seen – und das Trinkwasser. Erst im Jahr 2000, als in der EU die sogenannte Wasserrahmenrichtlinie verabschiedet wurde, geriet auch das Grundwasser verstärkt in den Fokus.

Die Wasserrahmenrichtlinie verpflichtet die EU-Staaten, fortlaufend über die Wasserqualität zu berichten und den Zustand zu verbessern. Ein sogenanntes "Verschlechterungsverbot" ist ein zentraler Bestandteil der Richtlinie. Die Grundwasserqualität Deutschlands liegt heute EU-weit auf dem zweitletzten Platz. Nur in Malta ist die Situation schlechter.

Nitratbelastung zu hoch

Nitrat ist eine Stickstoff-Verbindung und ein wichtiger Pflanzennährstoff. Es findet sich im Kunst-Dünger, aber auch im Kot und Urin von Hühnern, Schweinen und Rindern. Nitrat ist eigentlich ungiftig, kann aber im Magensaft zu Nitrit werden. Das kann bei Säuglingen zur Erstickung führen, zusätzlich steht der Stoff im Verdacht, Krebs auszulösen.

Nitrat

Brunnen mussten geschlossen werden, weil die Nitratbelastung zu hoch ist

Von der Nordsee bis zum Münsterland reicht das Einzugsgebiet des Oldenburg-Ostfriesischem-Wasserverbandes, das zwei geologisch unterschiedliche Regionen vereint. Im dünn besiedelten Norden schützt eine oberflächennahe Tonschicht das Grundwasser vor schädlichen Einträgen.

Im Süden dagegen, wo in der Region zwischen Oldenburg und Diepholz das Zentrum der deutschen Massentierhaltung liegt, fehlt die schützende Decke. Ausgerechnet dort, wo Jahr für Jahr Millionen Tonnen Gülle auf engstem Raum anfallen.

Schließen von Brunnen

Bereits 1987 musste der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband die ersten Brunnen schließen, weil die Nitratbelastung zu hoch war. Die laufend steigende Gülle-Fracht auf den Feldern, die längst nicht mehr von den Pflanzen aufgenommen werden konnte, hatte das Grundwasser erreicht. Der Wasserversorger musste reagieren. Man begann, auf der Oberfläche landwirtschaftlich genutzte Flächen zu kaufen, im Nahebereich der Brunnen, und diese aufzuforsten.

Kühe im Stall und Rohre einer Biogasanlage

Der Nitrat-Anstieg fällt zeitlich zusammen mit der Einführung des Energie-Einspeisegesetzes, das einen Bauboom bei den Biogasanlagen auslöste

Der Wasserversorger wurde zum Waldbesitzer. Um das Grundwasser vor den Güllefrachten zu schützen. Gleichzeitig installierte der OOWV mehrere hundert Mess-Stellen in den oberen Grundwasserschichten, zwei bis drei Meter unter der Oberfläche, um damit ein Frühwarnsystem einzurichten.

Bis 2002 sinken die Nitratwerte bis auf 77 Milligramm und das System scheint ein voller Erfolg zu sein. Doch plötzlich beginnen die Nitratgehalte im oberflächennahen Grundwasser wieder zu steigen. Von 77 Milligramm auf 93 Milligramm innerhalb von neun Jahren. Der Nitrat-Anstieg fällt zeitlich zusammen mit der Einführung des Energie-Einspeisegesetzes, kurz EEG, das einen Bauboom bei den Biogasanlagen auslöste.

Biogas ohne Maß

Hunderte Anlagen, die auf Basis nachwachsender Rohstoffe Energie erzeugen, entstanden in der Region. Jede von ihnen produziert als Reststoff sogenannte Gärreste, die genauso nitrathaltig sind wie Gülle. Deutschlandweilt fielen – so die Schätzungen - im Jahr 2000 rund zwei Millionen Tonnen Gärreste an.

Karte: Gebiete in Baden-Württemberg mit hoher Nitratbelastung im Grundwasser

Gebiete in Baden-Württemberg mit hoher Nitratbelastung im Grundwasser

Im Jahr 2011 waren es bereits 84 Millionen Tonnen. Wie sie zu entsorgen sind, dafür gibt es bis heute keinerlei Vorschriften. Der Acker als Deponie. Auf dem es schon lange nicht mehr um Pflanzendüngung, sondern nur noch um Reststoffentsorgung geht. Ohne Rücksicht auf steigende Nitratwerte.

Zwar gibt es in Deutschland die sogenannte Düngeverordnung, die die Ausbringung der Gülle regelt. Für den Grundwasserschutz ist die aber ein untaugliches Instrument, da sind sich alle Wasserversorger einig, denn was darin steht, ist entweder nicht kontrollierbar oder ohnehin nicht mit einer Strafe bewehrt.

Fehlende Bilanzen

Das sieht auch Professor Friedhelm Taube so. Der Agrarwissenschaftler an der Universität Kiel hat einmal ausgerechnet, was die vielen neuen Biogasanlagen für ein landwirtschaftlich geprägtes Bundesland wie Schleswig-Holstein Gülle-mäßig bedeuten. Diese Daten müssen darum von den Landwirten gemeldet werden, fordert Taube. Und weiß auch schon wie.

Ein Landwirt ist mit seinem Trecker unterwegs und düngt ein Stoppelfeld.

Mit Hilfe einer Hoftorbilanz könnte man diejenigen Landwirte, die zu viele Nährstoffe auf ihren Äckern ausbringen, entlarven und gegebenenfalls bestrafen

Jeder Landwirt sollte künftig eine sogenannte Hoftorbilanz erstellen. Erfassen, was an Nährstoffen auf den Hof gelangt und was ihn wieder verlässt. Ein Blick auf Rechnungen und Lieferscheine reicht, argumentiert der Agrarwissenschaftler.

Mit Hilfe einer Hoftorbilanz könnte man diejenigen Landwirte und Landwirtinnen, die zu viele Nährstoffe auf ihren Äckern ausbringen, entlarven und gegebenenfalls bestrafen. Eine solche Sanktionierung werde derzeit auch im Wissenschaftlichen Beirat Agrarpolitik des Bundeslandwirtschaftsministeriums intensiv diskutiert, so Taube.

Wiederkehr der Giftstoffe

Heute ist die Empfindlichkeit der Geräte in den Wasserlabors so gewachsen, dass damit hunderte von Stoffen in einem Gang analysiert werden können. Auch solche, die in den allerkleinsten Mengen vorkommen: Diese sogenannten Spurenstoffe lassen sich im Milliardstel- oder auch Nano-Gramm-Bereich nachweisen.

Und so findet man heute Arzneimittel, Desinfektionsmittel, Röntgen-Kontrastmittel oder Inhaltsstoffe von Reinigungs- und Waschmitteln, aber auch Pestizide im Grundwasser. Und immer wieder gibt es Überraschungen bei den Untersuchungen in den Labors.
Bundesweit tauchten beispielsweise plötzlich in städtischen Regionen verstärkt Biozide im Grundwasser auf. Die Pflanzenkiller werden aus Dachbahnen und Fassadendämm-Materialien freigesetzt, wo sie mal die Durchwurzelung, mal die Besiedlung mit Pilzen verhindern sollten.

Das stille Gedächtnis

Alle nicht-abbaubaren Stoffe finden sich früher oder später im Grundwasser wieder. Noch heute ist darin eines der am häufigsten gemessenen Pestizide, Atrazin, ein Stoff der schon vor mehr als 20 Jahren verboten wurde, vorhanden. Denn wenn Stoffe erst einmal ins Grundwasser gelangt sind, dann bleiben sie auch sehr lange darin.

Trinkwasser

Grundwasser hat ein stilles, aber langes Schadstoffgedächtnis

Seit 2000 gibt es die Wasserrahmen-Richtlinie der EU. Im nächsten Jahr (2016) müssen die Fortschritte im Grundwasserschutz gemeldet werden. In den letzten acht Jahren aber ist die Zahl der Biogas-Anlagen gewaltig angestiegen, von 2.000 Anlagen auf knapp 8.000. Das bedeutet Millionen Tonnen zusätzliche Gär-Reste. Ihre Nitrat-Fracht ist derzeit auf dem Weg Richtung Grundwasser. Und das Grundwasser hat ein langes Schadstoffgedächtnis.

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