Eine Frau wehrt sich mit Händen vorm Gesicht. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Fritz Riemanns psychologischer Klassiker Grundformen der Angst

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SWR2 Wissen. Reihe: Ängste (1/3)

Der Psychoanalytiker Fritz Riemann erkannte vier Grundängste, die jeder von uns Kleinkind durchlebt. Sie formen unseren späteren Charakter. Riemanns Buch „Grundformen der Angst“ erschien vor über 50 Jahren. Es gehört bis heute zur psychologischen Ausbildung – und ist auch für Laien gut verständlich.

Dauer

Warum brauchen manche Menschen viel Nähe und andere fühlen sich davon eingeengt? Warum fühlen sich manche Menschen nur wohl, wenn alles genau geregelt ist und anderen schnürt das die Luft ab? Genau das versuchte der Psychoanalytiker Fritz Riemann zu ergründen.

Seine Überlegungen und Erfahrungen mit Patienten sammelte Riemann in einem Buch, das fast 1 Million Mal gedruckt wurde: Grundformen der Angst, das in 17 Sprachen übersetzt ist.

Die vier Grundängste

Es sind vier Grundängste, die Riemann bei seiner Arbeit mit Patienten ausgemacht hatte:

  • Die erste Angst bringt Menschen dazu, Distanz zu halten. Riemann sprach vom schizoiden Charakter.
  • Die zweite Angst lässt Menschen die Nähe zu anderen Menschen suchen. In der Psychologie wird das der depressive Charakter genannt.
  • Die dritte Angst bedingt, dass man Chaos und Veränderung nur schwer aushalten kann. Alles soll so bleiben wie es ist. Der zwanghafte Charakter.
  • Die vierte Angst verhindert, sich zu binden, Verantwortung im Leben zu übernehmen. Diese Menschen möchten im Hier und Jetzt leben. Die Zukunft interessiert sie nicht. Es sind die Wechsler, der hysterische Charakter.

Wir alle tragen in uns Wesenszüge dieser vielen Charaktere. Das ist normal, nichts Schlimmes oder Krankhaftes. Man könnte natürlich auf diesen Gedanken kommen, bei den Begriffen, mit denen die Psychologen hantieren: Depressive, schizoide, zwanghafte Struktur ... Diese Bezeichnungen sind eben aus klinischen Beobachtungen entstanden, sagt der Psychoanalytiker Karl König. Nähe-, Distanz-, Dauer- oder Wechsel-Typ klingt schon viel neutraler. Gemeint ist das Gleiche.

Angst: Ein mehrdimensionales System

Man stelle sich ein Koordinatenkreuz vor. Am oberen Balkenende steht der Dauer-Typ, am unteren Balkenende der Wechsel-Typ. Links steht der Nähe-Typ, rechts der Distanz-Typ. Dieses Koordinatenkreuz hat Christoph Thomann in die Fachwelt eingeführt. Es wird dort das Riemann-Thomann-Kreuz genannt.

Man kann es mit einer Landkarte vergleichen, die man für den Augenblick einer Kommunikation ausbreitet. Hier stehe ich, dort stehst du. Morgen, wenn wir mit anderen Menschen zu tun haben müssen wir unsere Positionen neu in diese Landkarte einzeichnen.

Eine Ebene tiefer: Die Angstebene

Doch erst wenn man auf eine Ebene tiefer geht, kann man den Konflikt lösen. Thomann nennt sie die Angstebene, man könnte sie auch die Ebene der inneren Not nennen, wo dann Gefühle völlig anders sind und wo man sich abgewiesen fühlt, ausgeliefert, betrogen, enttäuscht, hilflos, einsam, unverstanden, verletzt, zu kurz gekommen und so weiter.

Als Riemann sich vor über 50 Jahren daran machte, seine Erfahrungen und Erkenntnisse aus der analytischen Arbeit im Buch Grundformen der Angst zusammenzufassen, fragten die Hirnforscher noch nicht danach, wie Emotionen, Gefühle, Bewusstsein im menschlichen Gehirn entstehen. Insofern konnte Riemann von dieser Seite auch keine Ergänzung erfahren. Heute ist das anders.

Eingefahrene Hirnautobahnen

Psychologie und Hirnforschung vernetzen sich immer stärker. Einer, der dabei eine führende Rolle spielt, ist Gerald Hüther mittlerweile emeritierter Professor an der Uni in Göttingen und ehemaliger Leiter der neurobiologischen Präventionsforschung dort. Er untersucht schon seit vielen Jahren, wie sich Verschaltungen im Gehirn bilden, die dann von uns als Enttäuschung, Trauer und Wut aber auch als Freude, Zufriedenheit und innere Stärke erlebt werden.

Ein kleines Mädchen mit Schwimmring hüpft in das Becken in einem Schwimmbad. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Unser Gehirn muss quasi umlernen, doch neue Erfahrungen können das Gehirn im wahrsten Sinn des Wortes neu formen Thinkstock -

Erfahrungen, die ein Mensch macht, bilden in seinem Gehirn neuronale Muster. Je früher und je häufiger ein Mensch sie macht, umso tiefer prägen sich diese Muster ein. Gerald Hüther benutzt gerne das Wort von neuronalen Wegen, Landstraßen und Autobahnen. Die bilden sich bereits im Mutterleib. Und so geht es auch später weiter, vor allem mit schlechten Erfahrungen.

Das Gehirn lässt sich trotzdem neu begeistern

Bis sich die alten Verschaltungen im Gehirn auflösen und neue gebildet haben, braucht es viele, viele bessere neue Erfahrungen. Unser Gehirn muss quasi umlernen. So wie bei einem Rechtshänder, der seinen rechten Arm verloren hat und lernen muss, mit links zu schreiben. Neue Erfahrungen können das Gehirn im wahrsten Sinn des Wortes neu formen. Gerald Hüther nennt das die "Gießkanne der Begeisterung".

Fritz Riemanns "Grundformen der Angst" bleibt sein wichtigstes und bis heute wegweisendes Buch: Eine Charakterkunde, die erklärt, warum wir als Menschen eher dem Wechsel oder der Dauer zuneigen, warum wir eher Nähe suchen oder Distanz halten. Und in manchen Situationen so, in anderen unterschiedlich reagieren.

Was Wissenschaftler heute über Riemanns Buch denken:

Riemann hilft, die Andersartigkeit von anderen Menschen a) überhaupt zu checken und zu verstehen, b) vor allem zu akzeptieren und c) dann eventuell auch noch dahinter zu sehen, was könnte das für einen lebensgeschichtlichen Hintergrund haben, warum sieht für ihn die Welt ganz anders aus als für mich?

sagt der Psychotherapeut Christoph Thomann. Er setzt Riemanns Systematik auch heute bei der Klärung von Konflikten ein

Heute können wir auch verstehen, warum diese verschiedenen Kombinationen auftreten und wie sie entstehen, meint der Psychoanalytiker Karl König, der Riemanns Charakterkunde in einem eigenen Buch erweitert hat. Und Gerald Hüther ergänzt:

Im Grunde genommen ist es erstaunlich, wie Riemann damals schon die wesentlichen Grundzüge erkannt hat. Und das kann heute, nachdem wir in der Lage sind, tatsächlich diese Prozesse auch im Gehirn nachzuvollziehen, eigentlich alles nur bestätigt werden. Der war sehr weit für seine Zeit.

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