Bitte warten...

Schlau dank Grüntee? Neue Studie - kritisch hinterfragt

Eine gute Nachricht für alle Teetrinker: Grüner Tee ist gut fürs Gedächtnis. Das behaupten jedenfalls Forscher der Universität Basel. Und sie wecken sogar die Hoffnung, dass diese Erkenntnisse sogar Demenz-Kranken helfen könnten. Zu schön um wahr zu sein?

Promis, Tiere, Sex und Skandale – aus diesen Zutaten bastelt sich die Boulevardpresse ihre Geschichten. Auch in der Wissenschaft gibt es ein paar Standard-Zutaten für populäre Schlagzeilen. Eine Zutat ist: Grüner Tee, eine andere lautet: "Veränderungen im Gehirn nachgewiesen". Hunderte Studien belegen inzwischen: Fast alles verändert das Gehirn: Vokabeln lernen verändert das Gehirn, ebenso Musizieren, Sport, Meditieren, Nikotin – man kann sagen: Denken beeinflusst das Gehirn.

Nicht-Denken beeinflusst das Gehirn erst recht. Kurz: Leben, egal wie, beeinflusst das Gehirn. Und jetzt schließt sich der Kreis, denn beim Grünen Tee ist es ganz ähnlich. Hunderte von Studien belegen: Grüner Tee hat eine positive Wirkung. Er soll vor Parkinson, vor Alzheimer, vor Fettsucht, vor Herzerkrankungen schützen und sogar vor Krebs.

Hilft grüner Tee gegen alles?

Grüner Tee wird oft als Wunderwaffe angepriesen

Grüner Tee wird oft als Wundergetränk angepriesen

Wir fassen also zusammen: Grüner Tee verändert alles, und alles verändert das Gehirn, ergo muss logischerweise Grüner Tee auch das Gehirn verändern. Ich will das nicht ins Lächerliche ziehen. Es gibt viele gute Gründe, Tee zu trinken. Er hat weniger Kalorien und ist billiger als Bier. Und macht nicht so müde. Aber bevor ich jetzt auf Stammtisch-Niveau abrutsche, halte ich mich lieber an die Wissenschaft. Die erste Frage, die sich da stellt ist ja: Warum werden all diese Wohltaten fast immer nur dem grünen Tee zugeschrieben? Die Wissenschaft glaubt, den Wunderwirkstoff identifiziert zu haben.

Fühl Dich wohl mit Phenol

Grüner Tee - bitter und wohl recht gesund

Grüner Tee - bitter und wohl recht gesund

Es handelt sich um Phenole, insbesondere das Epigallocatechingallat. Und das ist tatsächlich vor allem im Grünen Tee drin, denn Schwarzer Tee ist fermentiert, und beim Fermentieren geht das schöne Epigallocatechingallat zum Teil verloren. In der neuen Studie wiederum erweist sich das Epigallocatechingallat nun auch als gut für die Nerven.

Es baut oxidativen Stress ab und wirkt antitoxisch. Mit anderen Worten: Eine Dosis Grüner Tee ist Wellness für Neuronen. Sie können sich richtig schön entspannen und werden kontaktfreudiger gegenüber anderen Nerven – und das ist gut fürs Gedächtnis. Die Basler Forscher sagen, sie konnten diese Veränderung sowohl direkt im Gehirn messen und in Versuchen auch zeigen, dass sich das Arbeitsgedächtnis der Teetrinker verbessert. So steht das da in der Pressemitteilung.

Molke mit Schuss

Teezeremonie

Teezeremonie

Vor lauter Freude brühe ich mir also einen Tee, lehne mich zurück und schaue mir die Studie im Original an. Ach – die Versuchspersonen haben gar keinen Tee getrunken, sondern nur ein Molkegetränk mit Tee-Extrakt. Wie stillos! Denke ich und blicke verträumt auf meine dampfende Tasse. Dann war ich gespannt, wie stark war der Effekt, an wie viel Dutzend Probanden diese Effekte gemessen wurden: Ach – nur an einem Dutzend. In Zahlen: 12. Da muss ich doch kurz lachen und verschütte dabei fast die halbe Tasse über die Studie. Also – wenn 12 Versuchspersonen reichen sollen, um statistisch eine Gedächtnis-Wirkung von grünem Tee zu belegen, dann muss die Wirkung ja fantastisch sein.


Alles nur Teeorie!

Nun ja - also es war so: Jeder der 12 – übrigens nur männlichen – Versuchspersonen bekam vier Mal im Abstand von jeweils einer Woche dieses … Molke-Getränk. Mal enthielt es Extrakt von grünem Tee, mal nicht. Dann wurde mit ihnen ein Gedächtnistest durchgeführt. Und am Ende zeigte sich: Der durchschnittliche Unterschied zwischen der Leistung mit Tee und ohne Tee beträgt sage und schreibe ein Siebtel, also sagenhafte 14 Prozent.

Als Teetrinker würde ich sagen: das ist vielleicht ein bisschen dünn. Doch die Wissenschaftler sehen das anders: Die Forschungsresultate hätten großes Potenzial, die Behandlung von psychischen Störungen wie Demenz zu verbessern. Teetrinken gegen die Vergesslichkeit? Das wäre so schön – doch leider leider ist das bis auf weitere weder grüne noch schwarze, sondern nur graue "Teeorie".
PS: Die Studie der Basler Forscher wurde finanziert von der Firma Rivella - bekannt für ihre Molke-Erfrischungsgetränke ...

Weitere Themen in SWR2