Reisanbau in Bangladesch (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)

Jenseits der Monsanto-Welt Grüne Gentechnik gegen den Welthunger

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Gentechnisch veränderte Nahrungsmittel – deutsche Verbraucher wollen davon nichts wissen. Doch in armen Ländern könnten sie helfen, die Ernährung zu sichern. Angesichts der bisherigen Erfahrungen allerdings genießt die Gentechnik keinen guten Ruf: In Südamerika wird fast nur noch gentechnisch veränderte Soja angebaut. Riesige Monokulturen, über denen Flugzeuge Glyphosat versprühen. Und die Patentierungspraxis von Konzernen wie Monsanto hat das Misstrauen in die Technik insgesamt eher noch gefördert. Zu Unrecht.

Dauer

Fardapur, ein Dorf nahe der Stadt Aurangabad im indischen Bundesstaates Maharashtra. Seit 30 Jahren baut Rudesh Nair hier Baumwolle an - auf einem Teil seiner damals zwei Hektar Land. "Jahr für Jahr fraßen mir Raupen einen Großteil meiner Baumwollpflanzen weg, obwohl ich Insektizide spritzte wie verrückt", erzählt er.

Die BT-Baumwolle anpflanzenden Bauern wie Rudesh Nair sind stolz auf ihre LandwirtschaftObstgärten (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Die BT-Baumwolle anpflanzenden Bauern wie Rudesh Nair sind stolz auf ihre Landwirtschaft/Obstgärten SWR - Thomas Kruchem

Das hat auch seiner Gesundheit geschadet: Der Wind wehte ihm regelmäßig den Sprühnebel ins Gesicht; die Nase brannte, oft war ihm so schlecht, dass er nicht essen konnte.
Das ist jetzt anders: seit 2003 verwendet er gentechnisch verändertes Saatgut, BT-Baumwolle mit eingebautem Raupenschutz. "Ich war misstrauisch, kaufte aber einen Sack und war begeistert: Ich hatte praktisch keine Probleme mit Raupen mehr." Im folgenden Jahr stieg er komplett auf BT-Baumwolle um. Das Grundwasser sei jetzt sauberer als früher, sagt Nair, die Böden seien fruchtbarer, seine Familie könne ordentlich essen.

Weniger Pestizide dank Gentechnik

Kein Einzelfall: Ohne BT-Baumwolle müssten sieben Millionen indische Kleinbauern weiter Pestizide gegen Raupen spritzen; sie müssten sich selbst, das Trinkwasser ihrer Kinder, die Umwelt vergiften. – Auch die BT-Baumwolle hat der umstrittene US-Konzern Monsanto entwickelt. Es enthält Gene eines Bakteriums. Sie produzieren Proteine, die für Schädlinge wie die Raupe des Baumwollkapselbohrers giftig sind. Anderen Insekten macht das Protein nichts aus. Nach langjährigen Sicherheitsprüfungen wurde BT-Baumwolle in den USA, China und Pakistan, 2002 in Indien zugelassen.

BT-Baumwollpflanzen (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
BT-Baumwollpflanzen SWR - Thomas Kruchem

"Der Einsatz von Pestiziden hat sich seit 2002 durch den Einsatz von BT-Baumwolle halbiert", hat der Agrarökonom Matin Qaim von der Universität Göttingen heraus gefunden. Auch die Kosten für das genveränderte Saatgut halten sich im Rahmen: Monsantos Patente gelten in Indien nicht. Indische Unternehmen könnten eigene BT-Produkte auf den Markt bringen – es lohnt sich für sie jedoch kaum, da die Lizenzen von Monsanto günstiger sind.

Kein Heilsbringer

Zwar warnt auch Qaim davor, grüne Gentechnologie blauäugig als Heilsbringer zu betrachten. Die Praxis der Soja-Monokulturen in Südamerika, auf die große Mengen Glyphosat aufgebracht werden, hält er für den falschen Weg. Die Massen-Anwendung des immer gleichen Pflanzenschutzmittel provoziert geradezu die Entstehung von Resistenzbildungen. Und genau wie die konventionelle Pflanzenzucht könnten auch gentechnisch veränderte Nahrungsmittel unbeabsichtigte Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Allerdings: Gentechnisch veränderte Nahrungsmittel werden – gerade wegen der großen Bedenken – sehr viel intensiver geprüft.

Das Problem ist auch: Bisher wurde die Gentechnik nur bei wenigen Pflanzen eingesetzt, bei denen es sicher kommerziell für die Firmen lohnt: Mais, Soja, Raps und Baumwolle. Es gibt aber auch andere Ansätze: Außerhalb der Stadt Hyderabad liegen die Gebäude und Versuchsfelder des Internationalen Instituts für Nahrungsmittelpflanzen der halbtrockenen Tropen, kurz ICRISAT.

In unterschiedlichen Räumen des ICRISAT-Treibhauses wachsen Keimlinge (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
In unterschiedlichen Räumen des ICRISAT-Treibhauses wachsen Keimlinge SWR - Thomas Kruchem

Etwas abseits, hinter einem Zaun, residiert die Abteilung für Gentechnik. Ihr Leiter Kiran Sharma begleitet den Besucher ins Labor und ins Treibhaus. Es ist nur durch eine Luftschleuse zugänglich, die Tür gesichert mit einem Code.

Gentechnik gegen den Hunger

Maniok, Sorghum, Erdnüsse, Strauch- und Kichererbsen sind in Sharmas Treibhaus zu sehen – Pflanzen, an denen die Konzerne der Agrarindustrie kaum arbeiten. Denn dies sind Nahrungsmittelpflanzen der Armen; sie bergen keine Gewinnaussichten für die Unternehmen. Für Millionen armer Bauern weltweit indes könnte sich die gentechnische Weiterentwicklung dieser Pflanzen als Rettung vor Hunger und Krankheit erweisen. Aflatoxine zum Beispiel sind gefährliche Pilzgifte, die für die Hälfte aller Leberkrebsfälle in Afrika verantwortlich sind. Lassen sich Erdnüsse so verändern, dass sich auf ihnen keine Aflatoxine bilden?

Wie können wir Mosaik-Viren auf Maniok bekämpfen? Solchen Fragen geht das Institut nach. Die Forschungsergebnisse sind frei verfügbar. Sie gelten als öffentliches Gut. Das Institut meldet somit - im Gegensatz zur Praxis von Unternehmen wie Monsanto - auch keine Patente an. Man habe schon gute Erfolge erzielt, berichtet Sharma stolz; einige gentechnisch veränderte Pflanzen testet er jetzt auf streng abgeschirmten Versuchsfeldern.

Der Biologe Kiran Sharma ist Direktor des ICRISAT-Gentechnik-Zentrums (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Der Biologe Kiran Sharma ist Direktor des ICRISAT-Gentechnik-Zentrums SWR - Thomas Kruchem

Ob die Pflanzen je irgendwo zugelassen werden allerdings, steht in den Sternen. Sharma beklagt die "Sicherheitshysterie" in vielen Ländern. Malawi und Tansania seien zwar durchaus interessiert an ICRISATs aflatoxinresistenten Erdnüssen – doch fehlten dort alle Voraussetzungen, um komplexe Zulassungsverfahren nach den strengen Standards des so genannten "Cartagena-Protokolls" durchzuführen.

Gentechnik und das Völkerrecht

Für dieses völkerrechtlich bindende Regelwerk hat sich Greenpeace energisch eingesetzt. Genveränderte Pflanzen seien gefährlich – auf dem Acker für das Ökosystem, als Nahrungsmittel für die menschliche Gesundheit, meint Greenpeace-Experte Dirk Zimmermann: "Es ist sehr schwierig, gentechnisch veränderte Pflanzen mit abschließender Sicherheit zu prüfen." Und er ist überzeugt, dass gentechnisch veränderte Pflanzen unterm Strich keinen zusätzlichen Nutzen bringen – deshalb lohne es sich auch nicht, die Risiken überhaupt erst einzugehen.


Für dies völkerrechtlich bindende Regelwerk hat sich Greenpeace energisch eingesetzt. Genveränderte Pflanzen seien gefährlich – auf dem Acker für das Ökosystem, als Nahrungsmittel für die menschliche Gesundheit, meint Greenpeace-Experte Dirk Zimmermann: "Es ist sehr schwierig, gentechnisch veränderte Pflanzen mit abschließender Sicherheit zu prüfen." Und er ist überzeugt, dass gentechnisch veränderte Pflanzen unterm Strich keinen zusätzlichen Nutzen bringen – deshalb lohne es sich auch nicht, die Risiken überhaupt erst einzugehen.


Der Freiburger Molekularbiologe Peter Beyer schüttelt angesichts dieser pauschale Ablehnung nur den Kopf. Mit zornesrotem Kopf zeigt er Videoaufnahmen, auf denen philippinische Studenten ein eingezäuntes Reisfeld stürmen und die Pflanzen ausreißen – so genannten Goldenen Reis. Goldener Reis ist, wie BT-Baumwolle, genverändert. Peter Beyer hat ihn mitentwickelt.

Auf solchen Testfeldern des IRRI auf den Philippinen wird auch der genveränderte goldene Reis getestet (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Auf solchen Testfeldern des IRRI auf den Philippinen wird auch der genveränderte goldene Reis getestet SWR - Thomas Kruchem

Dieser Reis enthält viel Provitamin A – eine Vorstufe von Vitamin A. Unter Vitamin A-Mangel leiden bis heute 200 Millionen Kinder weltweit. Hunderttausende erblinden oder sterben Jahr für Jahr, weil sie keinen Zugang haben zu Vitamin A-reichem Gemüse oder Fleisch, keinen Zugang zu Vitamin A-Tabletten von Hilfsorganisationen. Mit Goldenem Reis, den Millionen Bauern selbst anbauen und vermehren könnten, wäre das Problem weitgehend gelöst in Asien, meint Beyer. Seit über 20 Jahren arbeiten Beyer und das Internationale Reisforschungsinstitut IRRI auf den Philippinen daran.

Goldener Reis

Ein mühsames Geschäft. Immer wieder verzögern bürokratische Hürden die Feldversuche. Und auch technisch ist der Weg zu marktfähigen Sorten des Goldenen Reises weit. 2014 dachte man, endlich eine für die Philippinen geeignete Linie zulassungsreif zu haben. Doch dann zeigte sich in Versuchen, dass der Goldene Reis 15 Prozent weniger Ertrag bringt. "Es hat sich dann herausgestellt: Es wurde nicht diesbezüglich die beste Linie ausgesucht. Glücklicherweise hatten wir bessere Linien in Parallelentwicklung - so dass ich hoffe, dass wir ungefähr 2016 mit diesen besseren Linien diese Feldversuche überstehen können."

Obst und Gemüse, Quellen von Vitamin A, sind teuer in südasiatischen Ländermn wie Indien, Bangladesch und den Philippinen (Foto: SWR, SWR - Thomas Kruchem)
Obst und Gemüse, Quellen von Vitamin A, sind teuer in südasiatischen Ländermn wie Indien, Bangladesch und den Philippinen SWR - Thomas Kruchem

Solche Verzögerungen, verbunden mit der Unsicherheit, treiben allerdings die Kosten in die Höhe. "Keine kleinere Firma kann unter diesen Bedingungen überlegen.", sagt Qaim. "Und auch kein öffentliches Forschungsinstitut wird in der Lage sein, unter diesen Bedingungen irgendwas auf den Markt zu bringen. Die einzigen, die diese Finanzmittel und diesen langen Atem haben, sind die Monsantos dieser Welt". Und die picken sich nur die kommerziell interessantesten Produkte heraus – wie Soja und Mais. Das Soja wird überwiegend als Tierfutter verwendet, der Mais als Energiepflanze. Früchte, die zur Bekämpfung des Hungers wichtiger sind – wie Kartoffeln, Hirse oder Kassava – bleiben außen vor. Und so werden noch viele Kinder an Vitamin A-Mangel erblinden und sterben, bevor der goldene Reis zugelassen wird – gegen den Greenpeace derzeit einmal mehr philippinische Behörden mobilisiert.

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