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Große Versuchstiere Schweine, Pferde & Schafe für die Forschung

In deutschen Forschungslabors experimentieren Wissenschaftler nicht nur mit Nagern. Für viele medizinische Fragen bedarf es größerer Versuchstiere wie Pferde, Schweine, Hunde und Schafe. Ethisch besteht kein Unterschied - emotional jedoch durchaus. Am Versuchsgut der Universität München leben Tiere für die Forschung: Schweine, Rinder und in einem eigenen Haus Tausende von Mäusen.

Ein Schwein guckt durch mehrere Schweine in Rückansicht in die Kamera

Rund 16.000 Versuchsschweine leben in Deutschland

Früher war hier mal ein Bauernhof und einiges ist noch so wie damals. Sogar das alte Taubenhaus ist noch da. Im ehemaligen Wohngebäude sind heute Büros und Labors untergebracht. Und die Ställe sind da, wo sie schon immer waren. Darin leben 200 von rund 16.000 Versuchs-Schweinen in Deutschland. Schweine sind die landwirtschaftlichen Nutztiere, die mit Abstand am häufigsten in der Forschung verwendet werden. Ärzte entwickeln mit Hilfe dieser Tiere zum Beispiel neue Techniken der Unfallchirurgie. Auch Hirnoperationen werden zuerst an Schweinen ausprobiert. Am Versuchsgut der Universität München sollen die Schweine bei der Diabetesforschung helfen.

Zuckerkranke Gen-Schweine

Eine Frau spritzt sich Insulin in den Bauch

Diabetiker können von den Versuchen profitieren

Die Forscher im Münchner Versuchsgut haben die Tiere gentechnisch verändert. Und deshalb haben sie Diabetes. Mit den Schweinen können Wissenschaftler Versuche machen, die mit zuckerkranken Menschen nicht möglich wären. Zum Beispiel wollen sie potenzielle neue Diabetes-Medikamente testen. Und ein Bild gebendes Verfahren entwickeln, das sichtbar macht, wie weit die Krankheit fortgeschritten ist – das kann man bisher nämlich nur sehr ungenau, an Hand von Laborwerten sagen. Schweine eignen sich für diese Forschung besonders gut. Denn ihr Zuckerstoffwechsel ist dem von Menschen viel ähnlicher als etwa der von Mäusen.

Mein Gehirn, Schwein Gehirn

Außerdem ist der Hirnaufbau von Schweinen dem von Menschen ähnlich, so dass sich Untersuchungen gut übertragen lassen. Neurochirurgen vom Universitätsklinikum Heidelberg ist es gelungen, bei Schweinen Hirnblutungen auszulösen und zu beobachten, was genau im Gehirn passiert. So wollen die Behandlung von Menschen verbessern, die zum Beispiel nach einem schweren Unfall Hirnblutungen haben. Dabei müssen die Schweine aber nicht leiden: Es ist eine Situation wie bei einer Intensivbehandlung eines Menschen. Das Schwein wird aus einer natürlichen Umgebung zunächst einmal in denn Tierstall der Klinik gebracht und nach einigen Tagen der Eingewöhnung in eine tiefe Narkose versetzt, bei der es weder Schmerz noch Unruhe spürt.

Wertvolle Ergebnisse für die Medizin

präpariertes Gehirn in einer Hand mit blauen Gummihandschuhen

Das Gehirn der Schweine ist unserem sehr ähnlich

Die Versuchsreihe hat gezeigt: Das Hirngewebe wird am wenigsten geschädigt, wenn das Blutgerinnsel so schnell wie möglich durch eine Operation entfernt wird. Auch ein anderes Experiment brachte eine verbesserte Behandlungsmöglichkeit für Patienten. Es ging um die Frage, wie der Hirndruck von außen über längere Zeit hinweg zuverlässig gemessen werden kann. Wichtig wäre das zum Beispiel, damit ein Arzt weiß, wie lange er einem Patienten nach einem Schädel-Hirn-Trauma Bettruhe verordnen muss. Für den Versuch wurden Schweinen eine Sonde unter die Kopfhaut eingepflanzt, die den Messwert laufend an einen Arzt sendet. Dass diese Versuche geklappt haben und dass die Sonde auch bei Menschen funktioniert, ist  ein Fortschritt für die Neuro-Intensivmedizin. Und für die Mediziner Gelegenheit, im Laufe des einjährigen Versuchs eine richtige Beziehung zu den Schweinen aufzubauen.

Sterbehilfe für Versuchsschweine

Was nach Ende der Versuchsreihen passiert, ist im Tierschutzgesetz vorgeschrieben – und zwar unabhängig von der Tierart: Ein Tierarzt untersucht, ob die Versuchstiere ohne Schmerzen weiterleben können. Bei den hirnoperierten Schweinen wäre das nicht möglich gewesen. Deshalb wurden sie unter Narkose, also schmerzfrei getötet, wie das bei den allermeisten Versuchstieren der Fall ist. Obwohl gerade dieses Töten den Wissenschaftler oft schwer fällt, führen sie die Experimente durch, weil diese einen medizinischen Fortschritt für Menschen bringen sollen. Auch das Tierschutzgesetz schreibt vor, dass der Nutzen, den Wissenschaftler von einem Versuch erwarten, das Leid der Tiere überwiegt. Nur dann wird der Tierversuch genehmigt.

Tierversuche müssen begründet werden

Tierversuch in einem Labor mit einer weißen Maus.

Auch Versuche mit Mäusen sind umstritten

Wenn Tierversuche beantragt werden, müssen die Forscher genau begründen, weshalb sie eine bestimmte Tierart für geeigneter halten als eine andere. Die Tierschutzbeauftragten der Forschungseinrichtungen beraten die Wissenschaftler, wenn diese einen Tierversuch beantragen. Das führt dazu, dass nur solche Anträge gestellt werden, die auch Aussicht auf Genehmigung haben: "Tierschutzwidrige" Versuche seien deshalb in den letzten drei Jahren nicht beantragt worden, schreibt das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe. Die Behörde habe in den Jahren 2011 bis 2013 genau 14 Anträge auf Versuche mit Großtieren genehmigt, darunter waren 825 Schweine. Vorher wird eine Ethikkommission gehört, in der auch Tierschützer sitzen. Diese bestätigen, dass bei Großtieren nicht anders entschieden wird als bei Mäusen oder Kaninchen.

Großtiere für die Forschung

Schafe, Rinder, Hunde - von diesen Tieren werden in Deutschland jeweils einige tausend pro Jahr für die Forschung genutzt. Außerdem ein paar hundert Pferde, Katzen, Ziegen. An diesen Zahlen hat sich in den letzten Jahren nicht viel geändert. Mit zwei Ausnahmen: Experimente mit Hunde spielen eine immer geringere Rolle. Und Rinder werden immer wichtiger – selbst wenn nur jedes zweitausendste dieser Tiere der Forschung dient. Tierschützer werfen den Wissenschaftlern vor, sie machten es sich mit den Großtieren vor allem einfach: da muss man nicht mit der Pinzette arbeiten wie bei einer Maus, sondern einfach mit der Hand.

Spielt die Größe eine Rolle?

Clevere Schafe

Schafe eignen sich für orthopädische Versuche

Einige Forscher vertreten die Ansicht, dass es sogar sinnvoller sei, Tiere für Versuche zu halten, um mit den Ergebnissen Behandlungsmöglichkeiten für Menschen zu entwickeln, als die Tiere zum Beispiel zu essen. Es gehe eben nicht ohne Tierversuche. Selbst wenn man das grundsätzlich bejaht, stellt sich aber die Frage: Ist es wirklich egal, ob Wissenschaftler mit Mäusen experimentieren oder beispielsweise mit Pferden? Besteht in ethischer Hinsicht keinerlei Unterschied? Lässt sich nicht doch eine Rangfolge finden, nach der sich der moralische Wert eines Lebewesens bemisst? Zumindest ist es nicht rein an der Größe festzumachen. Trotzdem ist die allgemeine Empörung heftiger, wenn ein größeres Tier getötet wird. Die Affenforschung ist zum Beispiel heftig umstritten, wie die Versuche des Bremer Zoologen Andreas Kreiter, der Makakenaffen in einer Apparatur festschnallt, was nach Meinung von Tierschützern erhebliches Leid für die Tiere bedeutet. Wenn dagegen im Zoo Seehunde mit lebenden Fischen gefüttert werden, schauen die meisten von uns fasziniert zu, ohne zu protestieren. Es geht also mehr um die emotionale Nähe - ein Hund ist uns näher als eine Ratte, in einem Menschenaffen finden wir Ähnlichkeiten, in einem Meerschweinchen nicht.

Wer leidet mehr?

In Großbritannien fordern Tierschützer daher, keine Experimente an Hunden oder Katzen mehr durchzuführen. Deutsche Tierschützer haben sich dieser Kampagne aber nicht angeschlossen: Sie finden, weil jedes Tier gleich viel leide, egal ob Maus, Hund oder Schwein, sollte es auch mit keinem Tier Versuche geben. Die Leidensfähigkeit eines Tieres – sie ist ein sinnvoller Maßstab, um Tierversuche moralisch zu beurteilen. Und wenn eine Maus wirklich nicht weniger leidet als ein Hund, sind Versuche mit diesen beiden Tierarten aus ethischer Sicht grundsätzlich gleich zu bewerten. Vorausgesetzt, die Versuchstiere werden artgerecht gehalten. Das ist gesetzlich vorgeschrieben, bei größeren Tieren allerdings deutlich aufwändiger. Ein Tierversuch ist insgesamt am ehesten dann vertretbar, wenn er ein aussagekräftiges Ergebnis liefert, also eines, das auf Menschen möglichst übertragbar ist. Was wiederum für größere Tiere spricht.

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