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Ein Eisbär sitzt vor einem Camp in Grönland.

Unterwegs im Nationalpark Nordostgrönland Am Ende der bewohnten Welt

Der Nationalpark Nordostgrönland ist eine menschenleere, arktische Wildnis, von einem mächtigen Eisschild bedeckt. Wie rasch sein Eis schmilzt, versuchen Forscher zu errechnen. Für Grönlandfahrten bleibt nur ein schmales Zeitfenster: etwa sechs Wochen im Hochsommer. Denn die meiste Zeit ist diese Küste – eine der einsamsten der Welt – von einem dichten Packeisgürtel umschlossen. Mechthild Müser erzählt von der Reise nach Grönland.

Auf fast 80 Grad nördlicher Breite bahnt sich das Expeditionsschiff "FRAM" seinen Weg vom Spitzbergen-Archipel zur Küste Nordostgrönlands. Eis treibt auf dem bleigrauen Meer. Das Schiff der Hurtigruten – der norwegischen Postschiff-Reederei – pflügt durch die weiß, blau und türkis schimmernden Schollen. An Bord sind etwa 200 Passagiere. Erwartungsvoll starren ein paar dick Vermummte, darunter auch ich, in den gespenstischen Nebel, der plötzlich den Horizont verschluckt, als die "FRAM" den kalten Ostgrönlandstrom erreicht.

Noch führt keine Straße in den 1974 gegründeten Nationalpark Nordostgrönland, noch ist dieser bei weitem größte Nationalpark der Welt nichts als arktische Wildnis

Noch keine Straße nach Nordostgrönland

Die Fläche des arktischen Meereises soll sich in den letzten 35 Jahren halbiert haben, sagen Glaziologinnen und Glaziologen: eine Folge des Klimawandels, der hier in der Arktis rasanter voranschreitet als irgendwo sonst. Werden in Zukunft mehr Schiffe, mehr Menschen hierher kommen? Noch führt keine Straße in den 1974 gegründeten Nationalpark Nordostgrönland. Noch ist dieser bei weitem größte Nationalpark der Welt nichts als arktische Wildnis. Eine Fläche, fast dreimal so groß wie die Bundesrepublik, zum größten Teil von einem bis zu 3.400 Meter dicken Eisschild bedeckt, ein Relikt der letzten Eiszeit, die vor 11.000 Jahren endete.

Der Anthropologe und Arktisführer Louis Chartres erklärt: Historisch konnten Menschen nur soweit im Norden leben, wie die Baumgrenze reichte. Wo es Bäume gab, konnten sie Feuer machen – und wir brauchen Feuer um zu überleben. Aber die Inuit haben es geschafft, Feuer so hoch in den Norden zu bringen, weil sie Robbenfett in Lampen und Öfen verbrannten. Sie konnten heizen, sie konnten kochen, aber sie lebten hauptsächlich von rohem Fleisch. Es ist sehr ungewöhnlich, dass sie so hoch im Norden überleben, wo keine Bäume gedeihen. Das heißt ja auch: es gibt keinen Baustoff. Kajaks haben sie aus Treibholz gebaut, das hier sehr kostbar ist, aus Knochen und aus Häuten, die sie über die Rümpfe gespannt haben, eine beeindruckende Überlebenstechnik.

Grönland

Die frühesten Inuit-Kulturen waren, aus Alaska und Kanada kommend, vor etwa 2.500 Jahren nach Grönland eingewandert – zu einer Zeit, als die Temperaturen etwas höher lagen als heute

Menschen folgten ihrer Beute

Die frühesten Inuit-Kulturen waren, aus Alaska und Kanada kommend, vor etwa 2.500 Jahren nach Grönland eingewandert – zu einer Zeit, als die Temperaturen etwas höher lagen als heute. Die Menschen waren den Routen ihrer Beutetiere gefolgt, vor allem den mächtigen Moschusochsen. Füchse, Schneehühner und Gänse fingen sie mit Fallen, Robben und Wale harpunierten sie u.a. von Kajaks aus. Aus deren Knochen stellten sie Werkzeuge und Waffen her. Aus Flintstein fertigten sie Pfeil- und Harpunenspitzen. Archäologinnen und Archäologen entdeckten Überreste sogenannter "Erdhäuser": mit Steinen ausgemauerte Kuhlen im Boden, die mit Gerüsten aus Walknochen und Treibholz überdacht und mit Fellen oder Grassoden gedeckt waren.

In Danmarkshavn betreibt heute eine Handvoll Dänen die nördlichste Wetterstation an dieser Küste, in einem grauen, auf Stelzen gebauten Holzhaus. Plötzlich steigt aus der Station ein weißer Wetterballon in die Höhe, an dem eine Sonde baumelt. Nach wenigen Sekunden hat ihn der Nebel verschluckt. Bis zu 30 Kilometer Höhe kann er aufsteigen. Seine Sensoren messen Temperatur, Windrichtung und -geschwindigkeit, Luftdruck und Feuchtigkeit.

Grönland

Wird der Nationalpark das menschenleere Reservat bleiben, das er heute ist? Ein schwer zu erreichendes, unberührtes, wildes Land, das Sehnsüchte anfacht?

Das ist die einzige nicht militärische Station im Nationalpark: Sie wird von einer internationalen, zivilen Luftfahrtorganisation finanziert. Mit diesem Ballon messen sie Wetterdaten auf verschiedenen Höhen. Damit kann ein Flugzeug unterwegs von Europa nach Nordamerika – wenn es auf der günstigsten Höhe fliegt – Kerosin sparen.

Die letzten zwölf Abenteurer

Bjarki Friis diente dreieinhalb Jahre bei der dänischen Sirius-Patrouille, der Hundeschlitteneinheit des dänischen Militärs: Zwölf junge, kerngesunde und abenteuerlustige Männer – die Hüter des Nationalparks und der dänischen Souveränität in diesem abgelegenen Teil Grönlands. Sie sind mit Entbehrung und Kälte vertraut und wissen, was zu tun ist, wenn sie Eisbären begegnen. Sie dürfen sie vertreiben, aber nicht erschießen – außer in Notwehr. Die Sirius-Patrouille baut u.a. Schutzhütten und legt entlang der Küste Depots mit Proviant und Hundefutter an. Jeweils zu zweit sind die Männer wochenlang in Schnee und Eis unterwegs – mit einem Schlitten, einem sturmfesten Spezial-Zelt, Proviant und 13 Schlittenhunden.

Bjarki Friis erklärt: Die Sirius-Patrouille wurde im Zweiten Weltkrieg gegründet, um zu verhindern, dass Deutschland Wetterstationen in Nordostgrönland errichtete. Denn mit einer Wetterstation hier lässt sich das Wetter in Europa vorhersagen. Das war strategisch wichtig für die Alliierten – und für die Deutschen. Deswegen schickten die Dänen einige Trapper hierher, nähten ihnen militärische Abzeichen an und sagten: Ihr seid jetzt die nordostgrönländische Schlittenpatrouille.

Grönland

In Danmarkshavn betreibt eine Handvoll Dänen die nördlichste Wetterstation an dieser Küste

Feuer mit erfrorenen Fingern machen

Unser nächster Halt ist Aalborghus. Auf bemoostem Geröll stehen zwei Hütten, die von der Sirius-Patrouille mit Proviant versorgt und unterhalten werden. Überall die gleiche Vorratspalette: Tomaten in Dosen, Konservensuppen, Müsli, auch als Müsliriegel, Schokolade und andere Süßigkeiten, Chips, Tee, Limonaden und Säfte. Kein Alkohol. Die Öfen sind zum Anfeuern vorbereitet. Auf den Tischen liegen geöffnete Streichholzschachteln, aus denen dicke, gut zu greifende Streichhölzer herausragen. Selbst mit erfrorenen Fingern soll man hier noch Feuer machen können. Aalborghus hat sogar ein Plumpsklo mit eingebauter Sauna.

Die nächste Nacht ist hart mit 9-10 Windstärken, vor dem Shannon-Kanal breitet sich ein dichter Gürtel Meereis aus. Die Naturgewalten ziehen einen vorläufigen Schlussstrich unter unsere Fahrt, verweisen uns in die Schranken, die schon viele Polarreisende vor uns erlebt haben. Kapitän Rune Andreasson kann die Situation nur meistern, indem er stundenlang in einer kleinen geschützten Zone auf und ab fahren lässt.

Grönland

Die Vegetationsperiode dauert hier im Norden Grönlands kaum länger als acht Wochen im Jahr. Arktische Zwergweide, deren Stamm nur die Dicke eines Daumens erreicht, erhebt sich nur wenige Zentimeter über den Boden.

Auf den Sturm folgt Ruhe – wie ein großes Aufatmen. Die Sonne wärmt, der Himmel leuchtet tiefblau. Eisberge ragen wie Sahnehäubchen aus der glitzernden See. Postkartenpanorama, mit dem Werbebroschüren locken. Endlich.
Und dann die Überraschung: Ein Eisbär! schallt die Stimme des Kapitäns durch die Bord-Lautsprecher. Erst sehe ich nur einen blasgelben Punkt auf dem Eis. Als die FRAM sich nähert, wird der Bär erkennbar, er räkelt sich gemächlich, richtet sich auf, schnuppert neugierig mit hoch gereckter Nase – und wendet sich ab. Ein Schiff passt nicht in sein Beuteschema.

Mahlzeit

Wenig später treibt ein zweiter Eisbär an uns vorbei. Die Scholle, auf der er steht, ist blutverschmiert, er hat wohl gerade eine Robbe gefressen. Nach dem Sturm kommen die Tiere der Arktis wieder aus der Deckung: Eine Raubmöwe jagt einem Eissturmvogel einen Fisch ab, dann treibt ein Walross auf einer Scholle vorbei.

Grönland

Die Tierwelt Grönlands ist erstaunlich reich: Eisbären, Polarwölfe und Polarfüchse streifen durch die Tundra

Die Tierwelt Grönlands ist erstaunlich reich: neben Moschusochsen und Eisbären streifen Polarwölfe und Polarfüchse durch die Tundra. Auch Schneehasen, Lemminge und Hermeline sind hier zuhause. Ebenso rund 200 Vogelarten wie Lummen, Kormorane, Papageientaucher, Schneehühner und Schneeeulen. Und mehr als 700 Insektenarten, vor allem blutsaugende Stechmücken, Spinnen, Hummeln und sogar Schmetterlinge.

Die Inuit sind die einzigen Menschen, die heute noch im Nationalpark Nordostgrönland jagen dürften, sie seien für dieses Klima auch besonders prädestiniert, sagt der Anthropologe Louis Chartres: Ihre Körper sind an das Leben hier bestens angepasst. Inuit haben mehr Schweißdrüsen im Gesicht andere Menschen, das macht es ihnen möglich zu schwitzen, ohne dass ihre Kleidung feucht wird. Sie haben auch etwas, was man den Jäger-Reflex nennt, d.h. sie können Blut in ihre Hände pumpen, um sie warm zu halten, wenn sie ohne Handschuhe arbeiten, so dass sie nicht so schnell Erfrierungen kriegen wie wir. Und sie haben braunes Fettgewebe – wir dagegen haben weißes. Ihr Fett hat einen Stoff in sich, der sich selbst verbrennt, um sie warm zu halten.

Grönland

Wie begräbt man Menschen hier? Das ist schwierig wegen des Dauerfrostbodens. Normalerweise häuft man deshalb Steine auf sie.

Grönland ist reich an Bodenschätzen

Doch der Nationalpark Nordostgrönland wartet nicht mit Inuit-Namen auf, alle Inseln, Fjorde und Siedlungsplätze erinnern an europäische Polarexpeditionen, an Schiffe, Entdecker und Kartografen. Carl Koldewey, nach dem eine langgestreckte Insel benannt ist, hatte mit seinem Topografen Julius Payer lange Strecken des Küstenverlaufs kartiert. Als größten Erfolg aber verbuchte er die Entdeckung eines weit verzweigten Fjordsystems. Den breitesten Arm benannte er nach seinem Förderer: dem österreichisch-ungarischen Kaiser Franz-Joseph.

In diesen Kaiser-Franz-Joseph-Fjord laufen wir mit der "FRAM" ein. Eine Parade von Eisbergen empfängt unser Schiff, langsam, majestätisch driften sie mit der Strömung, als könnte sie nichts tangieren. Erst im südlich angrenzenden König-Oskar-Fjord wird das Wetter milder, die mächtigen Gebirgsketten zu beiden Seiten lassen das Herz jedes Geologen und jeder Geologin höher schlagen.
Grönland hat alles an Bodenschätzen, was man sich nur wünschen kann. Es gibt Gold, es gibt Silber, es gibt Blei, Zink, Uran, und ganz wichtig natürlich, seltene Erden. Ob Grönland den Begehrlichkeiten standhält?

Grönland

Je rascher die Gletscher schwinden, umso zugänglicher werden die Reichtümer, die seit Millionen Jahren in den Gebirgen ruhen

Wird der Nationalpark das menschenleere Reservat bleiben, das er heute ist? Ein schwer zu erreichendes, unberührtes, wildes Land, das Sehnsüchte anfacht? Je rascher die Gletscher schwinden, umso zugänglicher werden die Reichtümer, die seit Millionen Jahren in den Gebirgen ruhen. Noch sind Meteorologen und die Sirius-Patrouille die einzigen Menschen im Nationalpark, insgesamt nicht mehr als 35 Leute. Gelegentlich gesellen sich in den Sommern ein paar Forscherinnen, Forscher und Touristen dazu. Doch das könnte sich – zumindest im Küstenstreifen – schnell ändern. Dann wäre eines der letzten großen Naturreservate der Erde verloren.