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Glück Auf den Spuren eines Gefühls

Wie Lachfältchen, die sich in das Gesicht eines Menschen eingravieren, so hinterlässt das Glück auch Spuren im Gehirn. Darum wird es jetzt als Fach im deutschen Schulunterricht angeboten. Und laut neuster Forschung könnten sogar Erwachsene ihre Fähigkeit zum Glücklichsein noch verbessern. Brauchen Menschen heute Unterricht im Glück?

Kann man Glück lernen?

Kann man Glück lernen?

"Warme Dusche" heißt die Übung am Montagmorgen, die das Selbstbewusstsein der Schüler und Schülerinnen stärken soll. Denn jetzt gibt es das als Schulfach: Glück - jede Woche für zwei Stunden an 100 deutschen Schulen. Der Pädagoge Michael Leisinger unterrichtet neben Glück Betriebswirtschaftslehre und Sport und gehört zu den Glückslehrern der ersten Stunde – er selbst hatte "das Glück" von Ernst Fritz-Schubert ausgebildet zu werden, von dem Mann, der das Schulfach 2007 ins Leben gerufen hat.

Bring mir Glück bei!

Als Ernst Fritz-Schubert das Fach Glück 2007 ins Leben rief, war er noch Schulleiter an der Willy Hellpach Schule in Heidelberg. Heute ist er Leiter des Fritz- Schubert Instituts zur Persönlichkeitsentwicklung und "Glück" wird mittlerweile an rund 100 Schulen in ganz Deutschland unterrichtet. Denn für den Glückspionier steht fest: Glück kann man lernen.

Ernst Fritz-Schubert beim "Glücks-Unterricht"

Ernst Fritz-Schubert im "Glücks-Unterricht"

Dass dieser Ansatz funktioniert, beweist auch die Reaktion der Schüler und Schülerinnen der Theodor Frey Schule. Sie sind an diesem Montag morgen gelöst, entspannt und lachen viel. Was die Schüler und Schülerinnen der Theodor Frey Schule in Eberbach am Neckar da beschreiben, bestätigen auch die Recherchen des Wissenschaftspublizisten und Biophysikers Stefan Klein. Danach beginnt glücklich sein mit der Achtsamkeit und genau die wird im Glücksunterricht gefördert.

Spuren im Gehirn führen zum Glück

Wie Lachfältchen, die sich in das Gesicht eines Menschen eingravieren, der oft fröhlich ist, so würden auch Gefühle ihre Spuren im Hirn hinterlassen, schreibt Klein in seinem Buch "Die Glücksformel". Das sei die neurobiologische Begründung des guten Rats, positive Emotionen zu kultivieren. Der Wissenschaftspublizist bezieht sich dabei etwa auf die Experimente mit Blinden, die der spanisch-amerikanische Neurologe Alvaro Pascual-Leone gemacht hat.

Aufnahmen von aktiven Gehirnregionen

Glück hinterlässt Spuren im Gehirn

Bei Blinden verschieben sich die Grenzen bestimmter Hirnareale, wenn sie das fehlende Augenlicht durch den Tastsinn wettmachen. Für Stefan Klein beweist das: Anders als unsere Knochen, ist unser Gehirn eben nicht irgendwann ausgewachsen. Bezogen auf das Glücklichsein, bedeutet das, dass man mit den richtigen Übungen seinen Glückshormon- oder Dopamin-Spiegel steigern kann und damit auch seine Glücksfähigkeit. Und dabei gäbe es, anders als die Glücksforschung es in ihren Anfängen behauptet habe, keine natürlichen Grenzen.

Glück von Grenzen befreit

Grundannahme der Happiness-Set-Point Theorie ist, dass die Menschen quasi von Geburt an ein bestimmtes Glücksniveau besitzen und äußere Einflüsse das subjektive Wohlbefinden nur minimal beeinflussen. Diese These gilt mittlerweile als widerlegt, denn die Glücksforscher, also Psychologen, Soziologen, Neurophysiologen und in jüngster Zeit auch Wirtschaftswissenschaftler konnten nachweisen, dass verschiedene Faktoren wie soziale Aktivität, Sport, oder auch das Engagement für andere Menschen, die Lebenszufriedenheit und damit auch das Glücksempfinden ganz erheblich steigern können.

Eine nachdenkliche alte Frau

Wer hat ein glückliches Leben?

Dabei beschäftigt sich die moderne Glücksforschung nicht primär mit dem momentanen Glück, also dem affektiven Wohlbefinden, sondern mit der Lebenszufriedenheit. In den meisten Erhebungen geht es um kognitives Wohlbefinden, also um eine persönliche Bewertung der eigenen Lebenssituation.

30 Jahre Happy

"30 Jahre Happiness-Forschung" war im September 2013 Thema eines Kongresses in Berlin. Geladen hatte das DIW, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Elf namhafte Ökonomen, Psychologen und Sozialwissenschaftler waren u.a. aus Luxemburg, London und sogar aus Australien angereist, um auf der Berliner Konferenz ihre Erkenntnisse aus der Glücks- und Zufriedenheitsforschung zu präsentieren. Ein Beleg dafür, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Glück, vielfach gestützt auf das Datenmaterial des DIW, momentan Konjunktur hat.

Sind Sie jetzt glücklich? Oder jetzt?

schokolade

Wenn sonst nichts hilft - Glückshormone aus der Schokolade

Jürgen Schupp ist Ökonom und Soziologe und leitet das Sozio-Ökonomische Panel, kurz SOEP. Dahinter verbirgt sich die größte und am längsten laufende, multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland.

Seit 1984 werden jährlich mehr als 10.000 Personen zu ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Auf einer Skala von 0 bis 10 müssen die Probanden angeben, wie zufrieden sie derzeit alles in allem mit ihrem Leben sind. Die Zahl null bedeutet "ganz und gar unzufrieden", zehn hingegen steht für "ganz und gar zufrieden". Dabei geht es eben nicht um das affektive Wohlbefinden, also nur um ein Abfragen der Gefühle.

Ein wichtiges Thema – die Midlife Crisis. Es gibt sie offenbar wirklich. Aber eine Studie der London School of Economics mit 23 000 Teilnehmern hat ergeben, dass der Mensch bei der Vorhersage seines Wohlbefindens in einem bestimmten Alter systematisch Fehler macht. Das Wissen über altersgemäße Vorhersagefehler könnte also helfen, die Erwartungen anzupassen, wichtige Entscheidungen im Leben zu optimieren und dementsprechend weniger zu leiden, wenn sich bestimmte Erwartungen nicht erfüllen.

Arm bleibt unglücklich

Obdachloser

Arme Menschen sollen glücklich sein?

Wie stark die persönliche Zufriedenheit von der materiellen Sicherheit abhängt, erforscht Conchita d´Ambrosio, Professorin für Volkswirtschaft an der Universität Luxemburg. Sie wollte herausfinden, ob Menschen sich an ein geringeres Einkommen oder an Armut gewöhnen können, also nach einer gewissen "Frustphase" wieder zufriedener werden. Doch das Ergebnis zeigt, dass man sich nicht an Armut gewöhnt. Armut fängt schlecht an und bleibt schlecht, die Betreffenden gewöhnen sich demnach auch nicht nach einer gewissen Zeit an ihre Situation.

Die Frage nach einer Optimierung der Lebenszufriedenheit in einer Gesellschaft hat auch die OECD beschäftigt, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Drei Jahre nach Konstituierung der Stiglitz-Komission, im Mai 2011, legten die Genfer den "Better Life Index" vor. Eine Statistik, die auf insgesamt elf Kriterien aufbaut, darunter Wohnqualität, Arbeit, Work-Life Balance und Gesundheit.

Zwei Männer sitzen an Spielautomaten

Glück bedeutet heute mehr als Wohlstand

Um die Bürger der verschiedenen Staaten direkt einzubeziehen, ist das Ganze als interaktives Portal angelegt. Seit 2011 haben mehr als 24.000 Menschen den Statistikern ihre Einstellungen und den Grad ihrer Lebenszufriedenheit mitgeteilt. Die OECD will mit dem "Better-Life-Index" verstehen, auf welchen Gebieten die Politik in Zukunft verstärkt aktiv werden muss, um den Bürgern in den einzelnen Staaten ein besseres Leben zu ermöglichen.

Reich ist nicht gleich glücklich

Das klingt alles gut und richtig – dennoch bleibt die Frage, wie sich dieses Bewusstsein in zentralen Bereichen des Alltags niederschlägt, etwa im Arbeitsleben. Auch die Politik hat mittlerweile reagiert. Vor zwei Jahren hat Angela Merkel die Enquete-Komission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität - Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft" eingesetzt.

Mann hält Hände vor sein Gesicht

Wenn der Alltag aus den Fugen gerät ...

Ein umständlicher Titel - dennoch hat die Kommission nach Meinung des Nürnberger Volkswirtschaftsprofessors Karl-Heinz Ruckriegel grundsätzlich positive Arbeit geleistet. Und weil er von dieser Einschätzung zutiefst überzeugt ist, stellt Karl-Heinz Ruckriegel eine sehr dezidierte Forderung auf –das Recht auf Glücklichsein gehört in die Verfassung.

Eine Pflicht zum Glück – Wilhelm Schmid, Philosoph mit Fachgebiet Lebenskunstphilosophie hält davon absolut gar nichts. Grundsätzlich unterscheidet er drei Formen des Glücks: Das Zufallsglück, das Wohlfühlglück und ein "drittes Glück", das für ihn darin besteht, einverstanden zu sein damit, dass das Leben seine guten und seine nicht so guten Seiten hat, dass es Hochs und Tiefs gibt. Aus der Fähigkeit damit leben zu können, entwickele sich eine Gelassenheit und Heiterkeit, die eine gute Grundlage für das Leben sei.

Recht auf Unglück!

Ganz wichtig nach Meinung von Wilhelm Schmid: Auch das Unglücklichsein gehört zum Leben. Darüber hat der Philosoph ebenfalls ein Buch geschrieben. Der Titel: "Unglücklichsein – eine Ermutigung".

Ein alter Mann

Unglücklichsein gehört auch zum Leben

Die Forscher, die zum Berliner Kongress "30 Jahre Happiness-Forschung" gekommen sind, glauben dennoch an die Fortschritte ihrer Wissenschaft. Schließlich suchen die Forscher Stefan Klein, der Lehrer Ernst-Fritz Schubert und seine Schüler Tag für Tag sehr engagiert nach dem Glück und der Lebenszufriedenheit. Und da gibt es sicher immer etwas Neues zu lernen.

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