Intersexuell (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Männlich, weiblich, intersexuell Gibt es Geschlechter - und wenn ja, wie viele?

SWR2 Wissen. Von Silvia Plahl

Menschen strikt nach "weiblich" und "männlich" zu kategorisieren, scheint sinnlos geworden zu sein. Während Facebook rund 60 Geschlechtsidentitäten von Transmann bis genderqueer anbietet, diskutieren Forscher darüber, ob die Trennung zwischen nur zwei Geschlechtern kulturell konstruiert ist. Fachleute aus Medizin, Pädagogik und Kulturanthropologie untersuchen, was durch die soziale Zuschreibung eines "Geschlechts" von vornherein manifestiert wird und was ein geschlechtsneutraler Blick offenbaren kann. Dabei geht es auch um die Enttarnung gesellschaftlicher Normen. Kritik und Gegenthesen dazu kommen vor allem aus der Biologie.

Dauer

Gender – "das Geschlecht". Es prägt die Eigenschaften und das Verhalten der Menschen und unterteilt sie in die großen Kategorien "weiblich" und "männlich". Die Amerikanische Philosophin Judith Butler stellte jedoch in den 1990er Jahren diese Aufteilung als "natürliche Absolutheit" in Frage.

Mit ihrem Buch "Das Unbehagen der Geschlechter" eröffnete sie eine Debatte darüber, wie wir Geschlecht definieren und wahrnehmen – und welchen Einfluss die Biologie, die Erziehung, das soziale Umfeld und auch ein gesellschaftliches System auf Mädchen und Jungen, auf Männer und Frauen, auf das Geschlecht und die Geschlechter haben.

Mann und Frau betrachten antike Bronzeskulptur (Foto: SWR, SWR - Jochen Sülberg)
Während Facebook rund 60 Geschlechtsidentitäten von Transmann bis genderqueer anbietet, diskutieren Forscher darüber, ob die Trennung zwischen nur zwei Geschlechtern kulturell und geschichtlich konstruiert ist SWR - Jochen Sülberg

Seither wird in den Wissenschaften, in den Medien, in der Politik über "das Männliche" und "das Weibliche" und eine Auflösung dieser Ordnung diskutiert. Kritiker warnen vor einer "geschlechtlichen Gleichmacherei", vor einer drohenden "politischen Geschlechtsumwandlung" oder der "Erfindung eines neuen Menschen".

Keine Absolutheiten

Menschen geschlechtlich zu betrachten impliziert, sie in ihrer Individualität voneinander zu unterscheiden – und sie gleichzeitig individuell und gleichberechtigt zu behandeln. Um welche Kriterien geht es dabei in der modernen Gesellschaft?

In den modernen westlichen Gesellschaften gleichen sich die klassischen Geschlechterrollen mehr und mehr an. Männer schieben auch Kinderwagen, Frauen leiten auch Vorstandssitzungen. Studien aus der Evolutionsbiologie zeigen, dass sich sogar typische körperliche Unterschiede angleichen: Männer verlieren an Muskelmasse, Frauen werden stämmiger, sie haben größere Gesichter.

Gesellschaftliche Erwartungen an die Geschlechter haben Macht (Foto: (privat) Katharina Schwarz -)
Das durch Chromosomen und Hormone definierte Sein auf der einen Seite – das kulturell und gesellschaftlich beeinflusste, sich entwickelnde und noch spezifischer definierte Sein auf der anderen Seite (privat) Katharina Schwarz -

Wie soll die Gesellschaft mit diesen neuen Entwicklungen umgehen? Im Englischen meint das Wort "gender" die psychologische oder soziale Dimension von Geschlecht, "sex" die biologisch definierte geschlechtliche Zuordnung eines Menschen.

Ein Geschlecht erlernen

Menschen werden mit einem biologischen Geschlecht geboren. Doch kann die Lebenswelt und die Art zu leben tatsächlich das menschliche Erbgut, das Gehirn und einzelne Körperfunktionen, etwa die Herzfunktion, verändern. Auch Medizinerinnen und Mediziner denken also darüber nach, was das biologische Geschlecht letztlich verkörpert.

Das durch Chromosomen und Hormone definierte Sein auf der einen Seite – das kulturell und gesellschaftlich beeinflusste, sich entwickelnde und noch spezifischer definierte Sein auf der anderen Seite. Zwischen diesen Polen bewegt sich die Wahrnehmung von Geschlecht und Geschlechtern.

Preisbeispiel Rasierer in rosa für 1,49 Euro, in blau 99 Cent (Foto: © Colourbox.de / Thinkstock ( Montage SWR) -)
Fehlende Gleichberechtigung in kleinen Details, wie beispielsweise beim Preis von Einweg-Rasierern für Männer und Frauen © Colourbox.de / Thinkstock ( Montage SWR) -

Wie also mit menschlicher Verschiedenheit künftig umgegangen werden soll – damit befassen sich ganz unterschiedliche Disziplinen. Forschungen in der Medizin, in der Pädagogik oder auch in der Didaktik von Technik und Naturwissenschaften versuchen zu zeigen, was es bedeutet, sich als "typisch männlich" oder "typisch weiblich" zu fühlen und auch so behandelt zu werden – und was ein geschlechtsneutraler Blick bewirken kann. Einige Politikerinnen und Politiker reagieren darauf.

Sprachliche Verwirklichung

Im November 2015 beschloss die Partei Bündnis 90/Die Grünen, den so genannten Gender-Stern zu verwenden. Aus Politikerinnen und Politikern wurden Politiker*innen. Gesine Agena, frauenpolitische Sprecherin der Grünen, sieht darin mehr Geschlechtergerechtigkeit.

Der Stern spreche alle Menschen an, und die Partei verfolge damit eine Strategie der Gleichstellung. Die auch gleichen Lohn für gleiche Arbeit anstrebe oder die Ehe für alle. Der Genderstern soll das bisherige rein zweigeschlechtliche Denken auch sprachlich in Frage stellen und aufrütteln.

Schultafel mit dem Schriftzug "SEXUALKUNDE". Außerdem vielen bunten Männer- und Frauenfiguren. (Foto: Getty Images, Thinkstock - Montage: SWR)
Jahrelang wurde in Baden-Württemberg um sexuelle Vielfalt in der Erziehung gerungen Thinkstock - Montage: SWR

Eine Haltung, die zum Teil auf erbitterten Widerstand trifft. Jahrelang wurde in Baden-Württemberg um sexuelle Vielfalt in der Erziehung gerungen. Die damals noch grün-rote Landesregierung hat im neuen Bildungsplan festgelegt, "Respekt sowie die gegenseitige Achtung und Wertschätzung von Verschiedenheit zu fördern".

Bunte Gehirne

Es solle allen Schülerinnen und Schülern ermöglicht werden, "die eigene Identität zu finden und sich frei und ohne Angst vor Diskriminierung zu artikulieren". Mit dem zentralen Argument, dadurch finde eine Frühsexualisierung von Kindern statt, organisierte das konservative Aktionsbündnis "Für Ehe und Familie – Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder!" mehrmals Demonstrationen dagegen.

Aktuelle Studien legen dar, dass es eigentlich sinnlos ist, weiter strikt und ausschließlich nach "weiblich" oder "männlich" zu kategorisieren. Ein Hirnforscherteam aus Israel, der Schweiz und Deutschland hat gezeigt, dass zwar durchaus "typisch männliche" und "typische weibliche" Merkmale in den Hirnstrukturen auftreten – dass Frauen und Männer jedoch jeweils einen bunten "Mix", ein Mosaik aus typisch männlichen und typisch weiblichen Gehirnfacetten haben.

gender (Foto: © Colourbox.com -)
Aktuelle Studien legen dar, dass es eigentlich sinnlos ist, weiter strikt und ausschließlich nach „weiblich“ oder „männlich“ zu kategorisieren © Colourbox.com -

Ist ein Baby weder eindeutig männlich noch weiblich zuzuordnen, dürfen Ärzte seit November 2013 die Angabe im Geburtenregister frei lassen, diese Kinder gelten als "intersexuell". Es gibt aber noch unzählige andere geschlechtliche Varianten – die meisten von ihnen leben diese im Verborgenen und werden von einem Großteil der Gesellschaft gar nicht wahrgenommen. "Facebook" bietet mittlerweile rund 60 geschlechtliche Selbstbeschreibungen an.

Kleine Fortschritte

In den USA schickte Präsident Obama ein Schreiben an die Schulverwaltungen mit der Empfehlung, allen Kindern und Jugendlichen, gleich welchen Geschlechts zu erlauben, alle Toiletten zu benutzen. Ein aktueller Befund aus der groß angelegten Längsschnittstudie "Trans Youth Project" in USA und Kanada zeigte daneben, dass Transgender-Kinder sich wohlfühlen können und weniger Depressionen entwickeln, wenn ihre Eltern ihre wechselnden Geschlechtsidentitäten akzeptieren.

In Berlin soll ab Herbst 2016 ein städtisches Schwimmbad zwei Stunden im Monat nur für trans- und intersexuelle Menschen geöffnet werden, damit sie in geschütztem Raum und ohne abfällige Bemerkungen Sport treiben können. Doch das bedeutet nur sehr kleine Fortschritte in einem Lebensalltag voller Diskriminierungen.

Vielfältige Geschlechter zu denken, bedeutet auch auf sprachlicher Ebene die strikte Trennung in "er" und "sie" zu verlassen. Doch das Deutsche kennt für weitere Identitäten keine eigenen Pronomen.

Nutzen der Genderforschung

Es gibt immer mehr Menschen, die bereit dazu sind, neu über das Geschlecht nachzudenken und sich dem Unbekannten zu nähern. Andere reagieren mit Ablehnung. Die Partei Alternative für Deutschland AfD fordert sogar, die Förderung der Genderforschung an den Universitäten zu beenden.

Stattdessen nutzen die Fachbereiche bereits die Ergebnisse der Genderforschungen. Wenn es etwa darum geht, mehr Männer für soziale und pädagogische Berufe, mehr Frauen für technische Berufe zu interessieren. Oder auch ganz allgemein die hohen Hürden für mehr Fachkräfte in Naturwissenschaft und Technik etwas abzubauen.

Zwei Männer sitzen entspannt auf einer Bank im Park und umarmen sich. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Bilder können Denkmuster durchbrechen, ebenso das Spiel mit Symbolen, das Hinterfragen von zugedachten Rollen und angelegten Schablonen Thinkstock -

Helene Götschel unterrichtet an der Hochschule Hannover Physik im Maschinenbau. Ein immer noch männlich dominiertes und maskulin geprägtes Fach. Die Professorin hat an der Hochschule den Auftrag, aktuelles Gender-Wissen einzubringen und neue Lehrkonzepte zu entwickeln. Der Projekttag "Queere Vielfalt" gehört dazu – und eine gender-reflektierte Physikvorlesung.

Palette der Möglichkeiten

Das bedeutet: Irritieren mit dem Herkömmlichen – die große Palette der Möglichkeiten aufzeigen. Bilder können Denkmuster durchbrechen, ebenso das Spiel mit Symbolen, das Hinterfragen von zugedachten Rollen und angelegten Schablonen. In der Soziologie oder in der Bildung sind die Geschlechter meist im Blick, nimmt man sie individuell wahr, geraten allzu starre Aufteilungen ins Wanken. Anders ist es noch in der Medizin. Hier waren bis vor zehn Jahren ausschließlich Männer die Norm, in der Forschung, in der Lehre und bei Medikamentenstudien.

Die Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek leitet an der Berliner Charité das Institut für Geschlechterforschung in der Medizin und untersucht, wie unterschiedlich Menschen Krankheiten entwickeln und wie diese auch jeweils spezifisch behandelt werden sollten. Die Ergebnisse ihrer Arbeit fließen in die Universitätslehre ein. Gender-Kriterien sind ab dem 1. Semester mit einer Einführungsvorlesung fest im Medizinstudium verankert.

Buch zur Genermedizin (Foto: SWR, SWR -)
Die Studien des Instituts zur GenderMedizin gelten als wegweisend, sie stoßen in Forschung und Lehre auf breites Interesse und werden weltweit aufgegriffen - zudem können sie Leben retten SWR -

In der Kardiologie wie in der Arbeitsmedizin oder der Neurologie lernen die Studierenden später, wie verschieden sich eine Erkrankung bei Frauen und Männern zeigt und wie unterschiedlich sie therapiert werden muss. Im 5. Semester wird thematisiert, wie Geschlechterunterschiede entstehen, biologisch und soziokulturell.

Bessere Definitionen retten Leben

Dieses Wissen hat elementare Auswirkungen. Es kann Fehlbehandlungen und unnötige Nebenwirkungen von Medikamenten verhindern und unter Umständen ein Leben retten oder verlängern. Die Studien des Instituts zur GenderMedizin gelten als wegweisend, sie stoßen in Forschung und Lehre auf breites Interesse und werden weltweit aufgegriffen.

2012 startete das Team der Charité eine eGender-Plattform, einen Online-Weiterbildungspool mit der aktuellen Faktenlage. Derzeit nutzen 80 Medizinerinnen und Mediziner die Plattform auf Deutsch, 120 auf Englisch. Unter ihnen sind vor allem Hausärztinnen und Hausärzte.

Die Berliner Professorin ist davon überzeugt: Wenn Medizin sich weiterentwickeln will, müsse sie sich noch stärker an viel genauer definierten Zielgruppen orientieren. Die jetzt langsam aufgeschlüsselten Kategorien "Männer" und "Frauen" dienten dabei nur als Endpunkte, als Extremvariablen.

"Geschlecht" taugt dann womöglich nur noch zum Arbeitsbegriff, zum Hilfsmittel, um Menschen besser zu verstehen und ihnen gerecht zu werden. Definitionen sind nötig, Zuschreibungen und Festlegungen jedoch überflüssig. Denn je nach Alter und Lebenslage kann "weiblich", "männlich" oder "weiteres" morgen schon wieder anders sein als heute.

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