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Kleine Menschen mit großen Gefühlen Gewaltfreie Erziehung

Etwa 40 Prozent der deutschen Eltern erziehen ihre Kinder immer noch mit Klapsen und Herunterputzen. Dabei haben Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Doch die Umsetzung fällt immer noch schwer. Hier setzt die Methode der gewaltfreien Kommunikation an: sie fragt zuerst nach dem Grund jedes kindlichen Verhaltens, sei es noch so provozierend.

Die Überraschungseier an der Kasse, der Sonntagabend vor der Schulwoche, das Chaos im Kinderzimmer..

Die Überraschungseier an der Kasse, der Sonntagabend vor der Schulwoche, das Chaos im Kinderzimmer..

Eigentlich darf man sein Kind nicht mehr schlagen - aber tatsächlich tun es laut einer Umfrage in Deutschland immer noch fast die Hälfte aller Eltern. Am Morgen, wenn das Kind nicht zur Schule will, am Abend, wenn es nicht aufräumt, wenn es in den Augen der Erwachsenen etwas Gefährliches tut oder frech ist, gibt es manchmal eine Ohrfeige oder einen Schlag auf den Po. Fast zehn Prozent der Eltern wenden regelmäßig schwerere Formen der Misshandlung an. Obwohl es seit dem Jahr 2000 im Bürgerlichen Gesetzbuch heißt:

"Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig."

"Ein Klaps hat noch niemandem geschadet"

Hartnäckig hält sich dieser Spruch. Viele glauben, sie müssten "ein Machtwort" sprechen und schreien ihre Kinder an. Obwohl sich die meisten Eltern vornehmen, klug, souverän und gelassen mit den Kleinen umzugehen, kann doch fast jeder von einer eigenen Entgleisung erzählen. Vom schlechten Gewissen danach, dem Ärger über sich selbst, von der verlorenen Zeit und den verlorenen Nerven.

Das elterliche Züchtigungsrecht wurde erst vor dreizehn Jahren abgeschafft

Das elterliche Züchtigungsrecht wurde erst vor dreizehn Jahren abgeschafft

Wieweit können Eltern Rücksicht nehmen auf die Befindlichkeiten ihrer Kinder in einem stressigen, terminregierten Alltag? Ist eine gleichberechtigte Beziehung überhaupt denkbar? Schließlich haben die Eltern nicht nur das Recht, in vielem für ihr Kind zu entscheiden, sondern auch die ausdrückliche Pflicht, für ein gutes Aufwachsen zu sorgen. In einer einfühlsamen, kindgerechten Art.

Sind so kleine Hände

Welche Möglichkeiten hat mein Kind schon, die Welt wahrzunehmen, sich auszudrücken, sich zu beherrschen, zurückzustecken? Was kann ich von ihm noch nicht erwarten? Welche Entwicklungsschritte macht es gerade hin zu mehr Selbständigkeit? Welches Bedürfnis hat es?

Angebote zur Förderung der Erziehung sollen Wege aufzeigen

Angebote zur Förderung der Erziehung sollen Wege aufzeigen

Die Methode der "gewaltfreien Kommunikation" setzt genau hier an: sie fragt nach dem guten Grund jedes kindlichen Verhaltens, sei es noch so provozierend. Denn in jeder kleinen Nervensäge steckt auch jemand, der beginnt, die Welt zu entdecken und hinter kindlicher Aggressivität verbergen sich häufig Trauer und Enttäuschung. Statt schimpfen und ausrasten also: einen Schritt zurücktreten. Beobachten, zuhören, nachfragen. Gefühlsexplosionen auffangen, denn sie gehören zum Großwerden.

Kinder sind kleine Menschen mit großen Gefühlen

In seiner Wut verstanden zu werden, das entlastet das Kind. Einfühlung entspannt auch die Eltern. Was will, was kann und was braucht ein Kind in welchem Alter? Wie kann man sein Quengeln, Nörgeln, Schreien übersetzen? Welche Unterstützung brauchen Eltern, um einen wertschätzenden Umgang mit dem Kind und mit sich selbst zu üben?

Viele Eltern wollen perfekt sein

Viele Eltern wollen perfekt sein

Es ist wichtig, die Welt aus den Augen des Kindes sehen - nicht ganz leicht, angesichts der täglichen kleinen Katastrophen. Der Klassiker: das Überraschungs-Ei an der Ladenkasse. Das Kind hat es schon in der Hand, fängt an, es neugierig auszupacken, oder brüllt, bis es eins bekommt.
Das ist frustrierend, und diesen Frust lassen zum Beispiel Dreijährige voll heraus. Doch man sollte nicht nachgeben. Denn gleichzeitig ist es so, dass dieses Lernen, dass man bestimmte Dinge nicht immer sofort bekommen kann, etwas sehr Wichtiges für jedes Kind ist.

Ich will nicht in die Schule

Klassiker Nummer 2: der Aufbruch am Morgen in Schule oder Kita. Das Kind sträubt sich. Die Mutter oder der Vater kann es genervt greifen und auf den Autositz zerren. Die gewaltlose Alternative sind mögliche Fragen an das Kind:

Kann man Wut auch mal wegtrösten?

Kann man Wut auch mal wegtrösten?

Was ist heute besonderes los? Hat das Kind Angst? Braucht es noch eine kurze Kuscheleinheit, brennt etwas auf der Seele, was erst noch geklärt werden will? Ist noch etwas fertigzuspielen? Ist das Bummeln vielleicht ein Ausdruck davon, dass es zeigen will: ich habe im Kindergarten gelernt eine Schleife zu binden? Hat das Kind ein anderes Zeitbewusstsein?

Imitiert es vielleicht unser eigenes Bummeln?

Dieser "zweite Blick" fällt schwer, denn er ist in der Erziehungspraxis noch wenig eingeübt. Leichter scheint es immer noch vielen, hart durchzugreifen. In Worten oder Taten.

Es kostet Mut, um Hilfe und Beratung zu bitten

Es kostet Mut, um Hilfe und Beratung zu bitten

Nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz gibt es eine Reihe von Angeboten, die Eltern in Anspruch nehmen können, die meisten sind kostenlos. Familienbildung, das sind Gruppenkurse zu Erziehungsfragen in Bildungsstätten oder Ämtern, die "Hilfen zur Erziehung" oder "Familienhilfe", bei der einzelne Helfer Kinder und Eltern im Alltag unterstützen, aber auch Therapien verschiedener Art. Dahinter steht der Gedanke, dass Eltern mit Erziehungs- und Gewaltproblemen eine zweite Chance haben sollen. Denn erst ein gutes Jahrzehnt ist es her, dass das elterliche Züchtigungsrecht abgeschafft wurde. In vielen Köpfen lebt es noch.

Machtworte bleiben über Generationen

Doch das Problem der Scham und Abwehr bleibt. Oft vergeht zu viel kostbare Zeit, bevor endlich Hilfen angenommen werden.

Das Täter-Opfer-Verhältnis kann sich stets wiederholen

Das Täter-Opfer-Verhältnis kann sich stets wiederholen

Und oft sind es die "Gespenster im eigenen Kinderzimmer", die erst einmal verstanden und vertrieben werden müssen. Wenn jemand in seiner Kindheit bereits Täter-Opfer-Verhältnisse gespeichert hat, weil er sie selbst erlebt hat, dann kann es sein, dass er später in Zuständen, wo er sich hilflos fühlt, genau in das gegnerische Verhalten hinein springt. Dass er genau das tut, was zum Beispiel sein Vater zuvor mit ihm getan hat. Diese Wiederholung von Verhaltensmustern muss oft erst von den Eltern selbst erkannt werden, um aus dem Muster ausbrechen zu können.

Worte und Taten

Und auch Worte können für ein Kind ein Schlag ins Gesicht sein, ein Treffer unter die Gürtellinie, den wir ihnen verpassen, oft ohne es zu merken. Eine Herabwürdigung, eine Bloßstellung vor anderen, eine negative Unterstellung. Dem setzen Erziehungsberater eine „wertschätzende Kommunikation“ entgegen, ein Gespräch mit dem Herzen. Und mit einem gewissen Spielraum.

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