Bitte warten...

Gesund und fit mit 65 Plus Die zweite Berliner Altersstudie BASE II

Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamtes wird im Jahr 2030 etwa die Hälfte der Deutschen über 50 Jahre alt sein, fast jede dritte Person älter als 65. Doch immer noch fehlt es an Detailwissen über das Altern. Eine neue Studie untersucht nun über 2000 Probanden zu diesem Thema - und auch, ob man im Alter glücklich sein kann.

Selbsteinschätzung des Gesundheitszustandes, Fragebögen zur sozialen Situation, zur Sexualität, zum Schlafverhalten und zur Medikamenteneinnahme. Dann noch Blutdruckmessung, Blutentnahme, ein kurzer Gedächtnis- und Konzentrationstest. Das ist das Programm des ersten Untersuchungstages der Berliner Altersstudie, Teil II, auch genannt: "BASE II".

Oma und Mädchen

Glück ist keine Frage des Alters

Die neue Untersuchung ist keine Fortschreibung, sondern eine Weiterentwicklung der ersten Altersstudie. Außer Medizinern, Psychologen, Soziologen und Bildungsforschern sind diesmal auch Ernährungswissenschaftler und Genetiker beteiligt. 1.600 Probanden im Alter von 60 bis 80 Jahren durchlaufen die Testreihen. Dazu noch eine Vergleichsgruppe von 600 jüngeren Teilnehmern im Alter von 20 bis 35 Jahren.

Nicht nur Siechtum und Gebrechen

Lange Zeit war die Alternsforschung ein wissenschaftliches Nischenthema. Die zunehmende Spezialisierung im medizinischen Bereich ließ sie wenig attraktiv erscheinen. Der alternde Mensch galt vor allem als Patient, nicht als Forschungssubjekt. Das änderte sich mit der ersten Berliner Altersstudie: Elisabeth Steinhagen-Thiessen untersuchte gemeinsam mit 30 Kollegen von 1988 bis 1994 mehr als 500 West-Berliner im Alter von 70 bis 95 Jahren.

Ein Mann geht am Stock

Altern ist nicht immer einfach

Psychologen, Mediziner, Bildungsforscher und Soziologen lieferten damals ein erstes Bild über die Alterswelten in Deutschland. Die Studie, die bis 2009 lief, setzte international Maßstäbe: Sie war weltweit einzigartig in ihrer Breite und hat das Bild des Alterns grundlegend revidiert. Sie konnte zahlreiche Vorurteile über das hohe und höchste Alter entkräften. Bis dahin assoziierte man es vor allem mit Siechtum und Gebrechen. Doch in BASE I beurteilten knapp 30 Prozent der 70jährigen und älteren ihre körperliche Gesundheit als gut bis sehr gut, 38 Prozent als befriedigend. 70 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass sie das Gefühl hätten, ihre Geschicke vor allem selbst zu beeinflussen.

Intelligenz ist ein Kristall

Schon die Auswertung von BASE I hatte gezeigt, dass nicht alle Hirnfunktionen gleichermaßen von altersbedingten Abbauprozessen beeinflusst werden. Manche sind sogar bis ins hohe Alter erstaunlich stabil. Dazu zählt zum Beispiel das Allgemeinwissen, das Vokabular, was sich erweitert mit steigendem Alter, mit höherem Alter.

Eine Großfamilie sitzt vor einem Laptop

Es macht Sinn, das Gehirn bis ins hohe Alter zu trainieren

Man nennt das die kristalline Intelligenz, wohingegen die fluide Intelligenz, also biologisch relevante Funktionen, eher abnehmen, wie zum Beispiel die Verarbeitungsgeschwindigkeit, die Wahrnehmungsfähigkeit, aber auch das Merken von neuen Informationen, das ist etwas, was auch eng mit strukturellen Veränderungen im Gehirn steht.

Die heutige Wissenschaft ist damit beschäftigt, zu erforschen, was diese Prozesse beeinflusst. Warum gelingt es gut sechs bis acht Prozent der Älteren, ihre kognitive Leistungsfähigkeit aufrecht zu erhalten - sogar auf dem Stand von deutlich jüngeren Probanden?

Immer eine Frage des Lebensstils

Neueste Studien können zeigen, dass sich auch im Gehirn einer älteren Person, die körperlich sehr aktiv ist, bestimmte Strukturen noch verändern können. Man spricht hier von "Plastizität". Und diese Veränderung, also die Zunahme von Strukturen durch körperliche Aktivität, steht auch im Zusammenhang damit, dass kognitive Fähigkeiten besser ausgeprägt sind.

Ein älterer Herr sitzt vor einer Nintendo Wii

Wer rastet, der rostet? Stimmt das?

Bewegung, Ernährung oder soziale Kontakte. Wie genau sogenannte "Lebensstil-Faktoren" das kognitive Altern beeinflussen, ist noch nicht wirklich verstanden. Hier soll BASE II genauere Erkenntnisse liefern.

Neue Erkenntnisse aus der Neurobiologie zeigen, dass sich auch unser Entscheidungsverhalten und die Fähigkeit, sich in neuen Umgebungen zu orientieren, mit zunehmendem Alter verändern. Dann schaut man, welche Unterschiede auf genetischer Ebene, auf DNA-Sequenzebene liegen vor in Menschen, die sich in einer bestimmten Ausprägung unterscheiden, wie eben die Gedächtnisleistung oder der Immunzellstatus oder Anfälligkeit für Erkrankungen.

Regeln des Glücks

Einer der Hauptbefunde in BASE I war die Einsicht, das Wohlbefinden im Lebensgang relativ stabil bleibt. Man nennt dies das Wohlbefindens-Paradoxon des Alters, weil man durchaus erwarten würde, dass sich die negative Altersunterschiede darstellen, man diese aber in der Regel gar nicht so vorfindet. Das zeigt, dass die menschlichen adaptiven und selbstregulativen Prozesse sehr robust sind.

Senioren beim Kochen

Ältere Menschen leben im Alter oft gesundheitsbewusster

Wissenschaftler versuchen seit Jahren dieses Wohlbefindens-Paradoxon zu ergründen. Was beeinflusst die Lebenszufriedenheit im Alter? Vermutlich spielen sozio-ökonomische Faktoren eine Rolle, eine gute materielle Absicherung etwa. Oder das Lebensumfeld: eine gute soziale Einbettung, die Möglichkeit Pflegedienste oder "Essen auf Rädern" in Anspruch zu nehmen, weil sich dadurch die Selbständigkeit aufrechterhalten lässt. Natürlich ist auch die Gesundheit ein wichtiger Faktor. Allerdings betrage die Varianz hier nur zehn Prozent, so Gerstorf, das sei nicht viel. Ein weiterer Prädiktor für Wohlbefinden im Alter sei die sogenannte "Kontrollüberzeugung". Einfach ausgedrückt: Das Gefühl, alles im Griff zu haben.

Selbstbestimmen oder Loslassen

Ein anderer, wesentlicher Faktor ist die unglaubliche Anpassungsleistung des Menschen. Das "Loslassen können" gewissermaßen. Dass Dinge, die typischerweise das Wohlbefinden früher beeinflusst haben, zum Beispiel die Fähigkeit, einen Marathonlauf zu meistern: Wenn später körperliche Einschränkungen vorliegen, können sich die meisten Menschen auf andere Quellen des Wohlbefindens konzentrieren und weiterhin ihr Glück darin finden.

Ein alter Mann

Das Ende der "Reise" ist dann meist doch eher beschwerlich

Die Wissenschaftler konnten jedoch auch zeigen, dass das Wohlbefinden kurz vor dem Lebensende sinkt. Sie stellten fest: Innerhalb eines Zeitfensters von drei bis fünf Jahren vor dem Lebensende nahm das Wohlbefinden erheblich ab. Die Wissenschaftler rätseln noch, woran das liegt. Und: Was Ursache und was Wirkung ist. Sind kurz vor dem Tod Verluste, Einbußen und kognitive Abbauprozesse so groß, dass die Anpassung erlahmt?

Den heutigen Tag genießen

Eine andere Perspektive wäre, dass möglicherweise diese selbstregulativen Mechanismen fehleranfälliger werden, nicht mehr so robust sind wie sie das Zeit unseres Lebens waren. Ein drittes Erklärungsmuster ist, dass die ganzen Quellen von Wohlbefinden, also die Aktivitäten, denen man normalerweise nachgeht, am Lebensende tatsächlich zu stark eingeschränkt sind.

Neue Alte sind heute viel jünger

Die neuen Alten von heute scheinen gesünder zu altern als ihre Vorgänger. Eine neue Seniorengeneration. Während in der ersten BASE-Studie Anfang der 90er Jahre noch sehr stark die Kriegsgeneration vertreten war, kommen nun die meisten Probanden aus der Nachkriegsgeneration. Eine verbesserte Ernährung und Fortschritte in der medizinischen Versorgung haben ihren Alterungsprozess mit beeinflusst.
Erste Daten zur Ernährungssituation zeigen, dass sich die jetzigen Probanden ausgewogener ernähren als die vorherige Untersuchungsgruppe. Auch die körperliche Aktivität in der Freizeit scheint zugenommen zu haben. Gesünder und mobiler ist die neue, alternde Generation.

Weitere Ergebnisse der aktuellen Altersstudie BASE II sind bald zu erwarten.

Weitere Themen in SWR2