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Eine Frau liegt tot auf dem Fußboden

Dem Täter auf der Spur Eine kurze Geschichte der Kriminalistik

Etwas Blut, ein Fingerabdruck, eine Stimmprobe - heute reichen nur wenige, manchmal mikroskopisch kleine Spuren aus, um Täter zu überführen oder Beschuldigte zu entlasten. Noch bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden in Europa Geständnisse durch Folter erzwungen. Mit hochmodernen Techniken versuchen heutzutage Stimmexperten, Rechtsmediziner oder Molekularbiologen Verbrechen aufzuklären, Tatorte zu analysieren, Abläufe zu rekonstruieren. Doch Spürnase, Kombinationsgabe und Experimentierfreude sind nach wie vor wichtig, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Das Trauma eines jeden Spaziergängers: Im Herbst 2011 findet ein Wanderer am Ufer eines Flusses die Überreste einer männlichen Leiche. Auch die Polizei ist zunächst rat- und machtlos: DNA-Analyse und Fingerabdrücke, die wichtigsten Mittel der Identifikation, greifen nicht. Sein rätselhafter Tod scheint dazu bestimmt zu sein, als ein weiterer ungelöster Fall zu enden. Doch stattdessen wird er dank neuester Methoden einen besonderen Entwicklungspunkt in der Geschichte der forensischen Wissenschaft markieren.

Christine Lehn ist forensische Biologin an der Universität München. Im Fall der unbekannten Leiche vom Flussufer kann sie der Polizei mit einem Hightech-Verfahren aus ihrem Labor helfen, das zu den interessantesten Neuerungen der letzten Jahrzehnte in der Kriminalistik zählt: Der Isotopenanalyse. Damit ist es möglich, geografische Herkünfte zu bestimmen.

Ein Umriss einer Leiche auf der Straße angezeichnet, mit dem Polizei-Absperrband

Die Spuren der Herkunft und Ernährung lagern sich im Körper ab

Die Polizei hat keine Anhaltspunkte. Wer war der Tote? Wo soll sie suchen? Christine Lehns Methode ist ihre letzte Chance, den Fall zu klären. Sie basiert auf einem Naturphänomen: Viele chemische Elemente kommen in mehreren stabilen Formen vor, sogenannten Isotopen. Und die Anteile dieser Isotope unterscheiden sich von Ort zu Ort. Mit unseren Nahrungsmitteln und durch die Luft, die wir einatmen, gelangen die Isotopen-Gemische in unseren Körper und lagern sich dort ab.

Ein Land für immer einatmen

So kann man aus dem Isotopenverhältnis Rückschlüsse auf die Herkunft eines Menschen ziehen. Das Verhältnis der beiden Wasserstoffisotope gibt zum Beispiel Auskunft darüber, ob jemand nahe am Meer oder im Gebirge gelebt hat. Kohlenstoff- und Stickstoffisotope können etwas über die Ernährung verraten.

In schwierigen Fällen muss man oft weitere chemische Elemente in die Isotopen-Analyse einbeziehen, z.B. Strontium und Blei. Die Verteilung der Bleiisotope kann sogar einzelnen Ländern zugeordnet werden, da sie sehr stark von der Industrialisierung und vom Verkehr geprägt wird. Aber selbst dann ergibt sich nicht immer ein klares Bild.

Rätsel gelöst

Aber woher kommt der Tote nun? Christine Lehn kann nur einen Hinweis geben – doch der soll entscheidend werden. Ihre Erklärung: Der Ermordete hielt sich zumindest lange Zeit in Deutschland auf und hat in dieser Zeit vor allem von asiatischen Produkten gelebt. Stammt er also aus einer Familie mit asiatischen Wurzeln? Mit dieser Hypothese gehen die Ermittlerinnen und Ermittler noch einmal an die Vermisstenkartei. Diesmal suchen sie gezielt nach einer asiatisch-stämmigen Person. Mit Erfolg!

Ein Beamter der Spurensicherung fotografiert einen Tatort.

Die Spurensicherung am Tatort ist nur eines von vielen möglichen Beweismitteln

Auch für Christine Lehn und ihre Kollegen am Institut für Rechtsmedizin an der Uni München ist das ein wichtiger Erfolg. Denn nicht alle Ermittler und Ermittlerinnen trauen bislang dieser Methode, sind oft aus Unkenntnis skeptisch. Und so ist die Aufklärung des Falles ein weiterer Etappensieg, um die Isotopenanalyse als ein forensisches Mittel der Kriminalistik zu etablieren.

Nachweis des Kindsmordes

Zwar war es bereits im 16. Jahrhundert unter Kaiser Karl V. Praxis, bei der Rechtsprechung Ärzte hinzu zu ziehen, wenn medizinische Fragen auftauchten. Doch die wissenschaftliche Untersuchung möglicher Todesursachen entwickelte sich erst später. Geradezu ein Meilenstein der forensischen Medizin war der Fall Anna Voigt.

Am 8. Oktober 1681 machen einige Bewohnerinnen und Bewohner des kleinen Städtchens Zeitz, unweit von Leipzig, eine grausige Entdeckung. Mit blutigen Wunden am Kopf in einem Garten vergraben finden sie die Leiche eines Neugeborenen. Unerwartet kommt dieser Fund nicht. Die Nachbarn der 15jährigen Anna Voigt haben gezielt nach dem Leichnam des Kindes gesucht.

Erster Atemzug

Sie hatten bemerkt, dass die Schwangerschaft der Anna Voigt verging, ohne dass ein Kind zur Welt gebracht wurde. Das kann für die Nachbarn nur eines bedeuten: Kindsmord. Und das ist ein Kapitalverbrechen, das zu dieser Zeit mit dem Tode bestraft wird. Doch Anna Voigt bestreitet die Kindstötung. Sie behauptet, sie habe das Kind tot entbunden und nur aus Angst vor der Schande einer unehelichen Beziehung heimlich vergraben.

Messer mit Blut an der Klinge liegt auf Asphaltboden.

Kindsmord wurde früher mit dem Tod des Täters oder der Täterin bestraft

Der Arzt Johannes Schreyer wird von Anna Voigts Vater beauftragt, die Unschuld der Tochter zu beweisen. Kein leichtes Unterfangen, zu viele Indizien sprechen für einen Mord. Doch der gebildete und wissenschaftlich interessierte Mann lässt sich nicht beirren, auch nicht durch die Kopfwunden des Säuglings. Die Verletzungen kann er als Folge der langen Eisenstangen erklären, mit denen die Nachbarn den Boden abgesucht hatten. Aber woher weiß er, dass das Kind bereits tot war, als es geboren wurde?

Probe der Lunge

Er macht die sogenannte "Lungenprobe", mit der er feststellen kann, ob das Kind in seinem Leben bereits geatmet hat oder nicht. Damit rettet das Leben der Anna Voigt. Stadtarzt Schreyer begnügte sich bei der Untersuchung des toten Kindes also nicht mit den üblichen Handgriffen, sondern wandte neueste wissenschaftliche Erkenntnisse an. Er las gelehrte Studien aus Fachzeitungen, verfolgte aktuelle medizinische Abhandlungen auch aus dem Ausland.

Bis Mitte des 18. Jahrhunderts herrschten freilich brutalere Methoden der "Ermittlung". Tatverdächtigen wurden unter Folter Geständnisse abgepresst. Sachbeweise, die Grundlage jeder Kriminalistik, hatten gegenüber dem Geständnis kaum einen Wert. Ohne die Bestätigung durch einen Zeugen oder eine Zeugin waren Spuren wie blutige Messer, vergiftete Nahrung oder andere Indizien fast wertlos.

Beweissicherung

Sicherung von Fingerabdrücken

Indizien statt Folter

Erst Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Folter in Europa offiziell als Mittel der Gerichtspraxis abgeschafft. Zunächst in Preußen, später folgten neben den deutschen Kleinstaaten auch Österreich, Bayern und Württemberg. Das Schlusslicht bildete 1851 der schweizerische Kanton Glarus. Die Abschaffung der Folter nötigte die Kriminalisten zu einer Strategieänderung.

Nichts ist individueller als ein Fingerabdruck. Die kleinen Rillen in der Haut sind einmalig und unveränderlich. Selbst bei eineiigen Zwillingen sind sie nicht identisch. Markus Mathis ist Daktyloskop am Polizeipräsidium Darmstadt, das heißt Experte für Fingerabdrücke. Er überführt Verbrecher anhand der einmaligen Rillen an Händen und - wie sein außergewöhnlichster Fall zeigt - auch an Füßen.

Per Fuß erwischt

Denn der Fall ist wie folgt: Die Polizei hat zwei Verdächtige verhaftet, die mit Drogen handeln sollen. Sie sitzen in U-Haft, aber die Beweislage ist dünn. Was die Polizei jedoch weiß: Die Drogen wurden in einer leer stehenden Wohnung verpackt, deren Boden mit Malerfolie ausgelegt war. Darauf: Barfußabdrücke.

Die Fuesse von Drillingen schauen in Neu-Anspach im Hessenpark aus einem Kinderwagen hervor (Foto vom 18.08.12).

Ein Fußabdruck ist genauso einzigartig wie ein Fingerabdruck

Findet der Experte zwölf Übereinstimmungen, gilt das als Beweis, dass der Abdruck vom Täter oder von der Täterin stammt. So auch im Fall der barfüßigen Drogendealer. Das erste Fußgutachten der Daktyloskopen aus Darmstadt hat sie überführt.

Verbrecherfotos schießen

Eine für die Kriminologie wichtige Entwicklung war der Einsatz der Fotografie im 19. Jahrhundert. Führend auf diesem Gebiet war der Franzose Alphonse Bertillon. Der Kriminalist und Anthropologe wurde durch sein System der Körpervermessung bekannt, der nach ihm benannten "Bertillonage". Bertillon setzte hier Maßstäbe, die bis heute im kriminalpolizeilichen Erkennungsdienst erhalten geblieben sind, etwa die Portrait- und Profilaufnahmen nach einer Verhaftung.

Seit Bertillon hat sich die Polizeifotografie rasant entwickelt. Der neueste Schrei: ein 3D-Laser-Scanner, mit dem man beispielsweise einen Tatort optisch erfassen und am Bildschirm reproduzieren kann. Das Gerät bewegt einen Laserstrahl horizontal und vertikal und erfasst dabei vollständig die Umgebung.

Im Mordfall Bögerl wird erneut ein Massengentest durchgeführt

In manchen Fällen wird ein Massengentest einer Bevölkerungsgruppe durchgeführt

Falsche Täterin

Um Verbrechen hinreichend aufzuklären und Täterinnen sowie Täter zu überführen, aber auch, um Beschuldigte zu entlasten, müssen die Wissenschaften stets auf dem neuesten Stand sein. Das bedeutet auch, dass man die eigenen Forschungsansätze und Vorgehensweisen immer wieder kritisch hinterfragt. Denn Fehler können weitreichende Folgen haben.

Wattestäbchen für DNA-Probe

Wättestäbchen für DNA-Probe

Ein Beispiel: Jahrelang verfolgt die Polizei ein Phantom. Immer wieder, so ergeben DNA-Analysen, kann dieselbe Täterin an den unterschiedlichsten Orten in Deutschland und im benachbarten Ausland zuschlagen. Von einfachen Einbrüchen über schwere Körperverletzungen bis hin zu Mord – kaum ein Delikt lässt die Frau aus. Bis sich schließlich herausstellt, dass die Polizei jemanden jagt, den es gar nicht gibt – jedenfalls nicht so, wie man es sich dachte.

Skepsis muss bleiben

Die Wattestäbchen, mit denen die Ermittlerinnen und Ermittler die Spuren wie Haut-, Fett-, Haar- oder Speichelpartikel für die DNA-Überprüfung aufnehmen, waren verunreinigt. Bei der Herstellung hatte eine Mitarbeiterin der Produktionsfirma ihre eigene DNA hinterlassen. So zeigt die Geschichte der Kriminologie, dass man trotz hochmoderner Technologien nach wie vor Menschen mit Spürnase, Kombinationsgabe und Experimentierfreude braucht. Und mit einer gesunden Skepsis gegenüber der eigenen Routine.