Computerbild eines weiblichen Kopfes mit deutlich gemachtem Gehirn (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Muskelspiele der Neuronen Moden und Metaphern in der Hirnforschung

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Die Hirnforschung gibt vor, objektiv zu sein. Aber sie lässt sich auch leiten von kulturellen Trends, von Moden, von Konzepten und Metaphern. Der Wissenschaftsjournalist Matthias Eckoldt hat dazu ein Buch geschrieben: "Eine kurze Geschichte von Gehirn und Geist".

Herr Eckoldt, stimmt das: Die Hirnforschung wird von Metaphern geleitet, ist also fast so etwas wie eine Geisteswissenschaft?
Ganz sicher wird die Hirnforschung von Metaphern geleitet. Wir erinnern uns ja z.B. alle noch leibhaftig an diese Idee, dass das Gehirn ein Muskel ist. Und daraufhin musste das Gehirn ins Fitnessstudio, man muss seitdem Gehirnjogging machen und die Kinder müssen dann schon drei Sprachen im Kindergarten lernen - und die Alten müssen im Altenheim Sudoku spielen. Und das geht dann immer so eine Zeit, bis dann eine neue Idee kommt und dann sagt man jetzt zum Beispiel, dass das überhaupt nicht funktioniert mit dem Gehirn als Muskel - dass das völlig an der Funktionsweise des Gehirns vorbei geht. Und dass man eher sowas wie Begeisterung streuen muss, damit die Komplexität zunimmt.

Also der Muskel suggeriert ja auch, der würde dicker werden und leistungsfähiger, wenn man den trainiert, wie sie gesagt haben, mit Gehirnjogging. Ist dass alles nur Quatsch?
Da muss man natürlich ein bisschen vorsichtig sein, alles gleich in Bausch und Bogen zu verdammen. Es sind natürlich Aspekte drin. Also wenn man trainiert, dann stabilisieren sich natürlich auch einige Synapsen. Aber sozusagen das hochzurechnen: Das Gehirn ist wie ein Muskel. Das als Gesamtmetapher zu nehmen. Oder: Das Gehirn funktioniert wie ein Chemiebaukasten - was die Konsequenz hatte, dass 20 Prozent der US-amerikanischen Angestellten an Universitäten dann Ritalin nehmen. Und in Verkennung dessen, dass man mit Ritalin natürlich dann hochkonzentrierte Leistungen vollbringt, aber die dann eben nur noch mit Ritalin vollbringt - ist dass immer nur ein kleiner Teilaspekt. Und die Metapher verleitet dann dazu, das hochzurechnen und dann wird es falsch.

Wissen Sie, von wem das Zitat ist: "Das Gehirn, jenes blumenkohlähnliche Organ". Ich glaub das war Wilhelm Busch, oder?
Ja, Wilhelm Busch oder Ringelnatz.

Blumenkohlröschen liegen auf einem Holzbrett neben einem Messer. (Foto: SWR, Foto: Colourbox.de -)
Foto: Colourbox.de -


"Das blumenkohlähnliche Organ." - Das ist ja im Grunde genommen auch eine schöne Metapher.
Ja, naja, die ist ja dann eher morphologisch bedingt.

Auf die Struktur ist die gerichtet?
Ja, man denkt dann eher sozusagen: Sieht eigentlich aus wie ein Blumenkohl. Und wenn man das dann durchschneidet, ist dann sogar unten der Hirnstamm zu sehen. Das alles zeigt eigentlich letztendlich, dass es so viele Metaphern gibt, wie hilflos - oder wie weit wir noch vom Verständnis des Gehirns entfernt sind.

Ist das eigentlich nicht unseriös, wenn eine harte Naturwissenschaft wie die Neurowissenschaft auf solche Metaphern zurückgreift? Weil Metaphern verleiten ja immer zu einer falschen Anschaulichkeit und vielleicht auch zu einer falschen Botschaft?
Ja, sicherlich. Also die Hirnforschung ist sicherlich, wenn sie jetzt mal das Spektrum aufspannen, die am wenigsten objektive Wissenschaft. Also Gegensatz wäre vielleicht die Mathematik, die mit ihrer kalten Formallogik bis in die kleinsten Verästelungen auskommt. Die Hirnforschung schleppt die ganze Zeit dieses Bewusstseinsproblem mit sich rum, was nicht weniger als das größte Menschheitsrätsel ist, nämlich: Wie aus Materie und aus physischen Zuständen sowas wie Gedanken und mentale Zustände entstehen sollen. Und das ist die in der Philosophie oder auch in den Neurowissenschaften akzeptierterweise die große Erklärungslücke, die da entsteht. Und da ist man auf sehr unsicherem Boden. Und niemand wagt sich heute noch von den Hirnwissenschaftlern sowas wie Bewusstsein überhaupt erst mal zu definieren.

Computerbild eines weiblichen Kopfes mit deutlich gemachtem Gehirn (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Lässt sich Bewusstsein überhaupt irgendwo im Gehirn lokalisieren? Thinkstock -



Es gab mal eine Zeit, in der waren sich die Neurowissenschaftler nicht so ganz bewusst über diese Grenzen oder sie haben die verleugnet. Und es gab mal, vor vielleicht vor 10 Jahren, so eine Euphorie der Neurowissenschaften: Ach, wie können irgendwie in Zukunft alles erklären: Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Todeserlebnisse... - Ist das heute anders geworden?
Ja, es ist anders geworden. Es gibt ja auch beispielsweise dieses human brain project, das mit der märchenhaften Summe von einer Milliarden Euro gefördert wurde und wo man auch mit ganz großen und vollmundigen Erklärungen antrat, nämlich innerhalb von 20 Jahren das gesamte menschliche Gehirn modellieren zu können. Nachdem man dann die erste Etappe gerade so erreicht hatte, nämlich eine kortikale Säule - also das sind 10.000 Neurone, wo wir ja eher mit einer Milliarde Neurone rechnen - wurde dann klar, dass das überhaupt auf diese Weise nicht funktioniert und es kam tatsächlich so ein bisschen sowas wie Demut in die Gilde der Hirnforscher.

Ja, und auch so ein bisschen Skeptizismus und "wir sind uns über unsere Grenzen bewusst"...
Wir sind uns unserer Grenzen bewusst. Obwohl natürlich die Grenzen durch die Hirnforschung, durch die tägliche Arbeit der Hirnforscher im Weinberg des Herrn gewissermaßen, die Grenzen immer weiter verschoben werden. Und die Hoffnung ist ja da. Wenn Sie zum Beispiel in die Geschichte gucken und da galt bis zum 19. Jahrhundert die Sprache als etwas Gottgegebenes, als etwas Göttliches, und dann entdeckte Broca dieses Sprachareal, weil er einen Patienten hatte, der nur noch "tan" sagen konnte - also diese eine Silbe, der also offensichtlich zwar Sprache verstand, aber nicht fähig war, selber Sprache zu bilden.

Und plötzlich war klar: Das ist überhaupt nichts Göttliches, sondern das entsteht tatsächlich im Gehirn. Und dann wurde innerhalb von 50 Jahren ein riesen Programm aufgelegt, wo die gesamte Großhirnrinde kartiert wurde und alle Areale zugeteilt wurden zu irgendwelchen höheren, geistigen Funktionen. Also die Hoffnung ist natürlich immer da, dass plötzlich so ein Knoten platzt und irgendjemand eine Idee hat, die dann ein neues Paradigma und damit auch - letztendlich - eine neue Metapher wahrscheinlich hervorruft.

Gehirn mit Magnetresonanztomografie (Foto: SWR, MPI -)
MRT-Bild eines Gehirns. MPI -



Seit wann gibt es eigentlich sowas wie Hirnforschung in der Kultur- und Medizingeschichte?
Das weiß man nicht so richtig. Also die frühsten Zeugnisse davon, dass die Menschen sich fürs Hirn interessiert haben, die gehen tatsächlich bis in die Steinzeit zurück. Da hat man fossile Funde gefunden, die also kreisrunde Öffnungen in der Schädelplatte haben und zu aller Überraschung - das kann man mit dem Elektronenmikroskop sehen - sind diese Verletzungen vernarbt. Das heißt, die Leute haben überlebt. Und das waren so akkurat kreisrunde Eingriffe, dass die offensichtlich mit einer Steinsäge gemacht wurden und nicht durch eine Verletzung mit Speeren zustande gekommen sind.

Also da gab es schon Interesse. Im empirischen Sinne natürlich, so wie wir es heute verstehen, gibt es Hirnforschung im Prinzip seit dem 19.Jahrhundert. Eigentlich seit der Kartierung, also seit sozusagen die Hirnkarten entstehen. Und auf der anderen Seite seit endlich aufgeklärt ist, was denn nun auf diesen ominösen Nervenbahnen pulsiert - nämlich, dass das Elektrizität ist und nicht der spiritus animalis, der 2000 Jahre wirkmächtig war.

Die Hirnforschung, wie sie sich im19. Jahrhundert entwickelte, beschäftigte sich vor allem mit der Frage, wo sitzen im Gehirn verschiedene Fähigkeiten? Also: Wo sitzt unser Bewusstsein, wo sitzen die Gefühle, wo sitzt die Motorik? Das nennt man Lokalisationstheorie. War das eigentlich ein Problem, was die Hirnforschung heute noch mit sich schleppt?
Ja, das kann man mit Fug und Recht so sagen. Diese Lokalisationstheorie war zunächst mal ein Durchbruch, um Licht ins Dunkel zu bringen, dass man sagen konnte: Ja, das ist da alles da oben. Bis ins Mittelalter dachte man ja, dass die Großhirnrinde nur Versorgungsaufgaben hatte. Und da drunter, in den Ventrikeln, die wir heute nur als Hohlräume interpretieren, dass da der Geist sitzt. Heute ist man natürlich verleitet, in diesen Arealen zu denken. Dabei hat man übersehen, dass Erregung in einem Areal nur funktioniert, weil die Erregung im Rest des Hirns auch da ist. Das haben FMRT (Funktionelle Magnetresonanztomografie)-Studien ergeben. Diese Netzwerkidee ist dann gewissermaßen plötzlich eine neue Metapher. Bis dahin war das gewissermaßen wie ein toter Ast, auf dem man immer weiter balancierte, der versuchte, einfach nur durch die Festlegung der Areale die Funktionen zu erkennen. Aber durch die Festlegung der Areale hat man einfach nur die Areale festgelegt, aber keine einzige Funktion erkannt.

Neuronen und Verbindungen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Das Gehirn als Netzwerk - eine aktuelle Metapher der Hirnforschung. Thinkstock -


Wenn man das Gehirn als Netzwerk versteht, heißt das, dass es antihierarchisch organisiert ist: kein Dirigent, kein Zentrum?
Genau, so ist es. Das ist die aktuellste Metapher. Also wir erinnern uns ja alle noch an "das Gehirn ist wie ein Computer", die Neurone sind wie Hardware und da wird dann im Lebenswerk irgendwie Software raufgespielt - Sprachen, Fähigkeiten usw. Das funktioniert nicht mehr. Die neueste Metapher ist das Internet. Also immer der technische Höchststand bildet die Metapher. Und das Internet funktioniert als Netzwerk verteilter Intelligenz. Und genau das wirkt jetzt auf die Hirnforschung, dass sie immer nur nach Netzwerken sucht. Und der neue Schlüssel für die Erkenntnis der höheren, geistigeren Funktionen sind Netzwerke. Dementsprechend wirkt das natürlich auch in die Kultur hinein, dass wir uns auch so erfinden. Also wir sind auch auf einmal Netzwerke, die Facebook machen und auf LinkedIn ihre beruflichen Kontakte vervollkommnen etc. - Also wir können uns auch nur noch als Netzwerker in flachen Hierarchien ohne Zentrum begreifen.

Das finde ich interessant, weil da sieht man wie Metaphern in die Kultur einsickern und umgekehrt.
Absolut, absolut, das ist ein Transfer, der in beide Richtungen läuft.

Was erwarten Sie sich in den nächsten 20 Jahren von der Hirnforschung? Also Sie, als Beobachter und Wissenschaftsjournalist?
Ich bin da sehr, sehr, sehr gespannt. Also, die Computer auf der einen Seite, die ja auf der einen Seite das absolute Werkzeug der Neurowissenschaften sind, sind mittlerweile so schnell wie das Gehirn. Das heißt, da kann man einiges erwarten. Dann sind unglaublich viele molekulare Prozesse, also alles, was an den Synapsen funktioniert, das ist im Prinzip geklärt. Und jetzt bräuchte man einen Einstein der Hirnforschung, der wirklich so eine geniale Idee hat, die dann ganz vieles zusammen bringt, von dem was jetzt einfach nur ohne verbindende Theorie herumwabert.

Sie stellen sich also so eine Einheitstheorie vor, wie man sie in der Astrophysik sucht?
Ja, ja, sowas liegt gewissermaßen in der Luft, beziehungsweise es setzt sich das alte Ignorabimus-Argument von Du Bois-Reymond durch, der sagt, wir können das aus prinzipiellen Gründen nicht wissen, wie aus diesen materiellen Zuständen mentale Zustände entstehen, weil sich die Atome nicht um den Geist kümmern und es den Atomen egal ist, was wir erleben und was wir denken und wie wir uns fühlen. Das kann natürlich auch sein, es ist beides möglich, ich würde vorschlagen, wir sprechen uns dann in 20 Jahren nochmal.

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