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Robert Gernhardt zum 75. Geburtstag Sonette

Gernhardt vor einer Büste Heines

Zwei Lyriker in Begegnung: Robert Gernhardt vor einer Büste Heinrich Heines in Düsseldorf

Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
dass wer Sonette schreibt. Dass wer den Mut

hat, heute noch so'n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, dass so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, dass so'n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und will's echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen.

Von Robert Gernhardt

Mit diesem Sonett trifft Gernhardt auf tödliche Weise zweierlei: die bis in die achtziger Jahre im Namen des Kunstfortschritts grassierende Geringschätzung traditioneller Formen. Und den empfindelnd-aggressiven Ton der Siebziger-Jahre-Aufmüpfigkeit. Doch das muss nicht nur als Attacke auf den Literaturbetrieb gesehen werden, sondern auch als Angebot zugunsten von Reim und Regel. Ein Angebot, zu sagen: Schaut, wie ironisch und fein man quasi alles, was in den letzten Jahrhunderten an Lyrik produziert worden ist, evaluieren kann. Dies gilt als ein Plädoyer für eine neue alte Sangbarkeit.

Ein Sonett besteht aus 14 metrisch gegliederten Verszeilen aus Jamben, welche bereits in der italienischen Originalform in vier kurze Strophen eingeteilt wurden: zwei Vierzeiler und zwei sich daran anschließende Dreizeller.

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