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Robert Gernhardt wäre 80 Jahre alt geworden Poesie und Komik

Über die unzeitgemäße und zeitlose Lyrik Robert Gernhardts

Robert Gernhardt war Zeichner, Satiriker, Fernseh- und Filmautor. Was von ihm aber mehr als alles andere bleibt, so steht zweifelsfrei fest, das stiftete er als Dichter. Er wird verkörpert durch ein Werk, das aufzuschlagen nach wie vor eine Freude ist. Darf Poesie heute endlich Spaß machen?

Robert Gernhardt

Robert Gernhardt(1937-2006). Am 13.12. 2012 wäre er 75 Jahre alt geworden

Robert Gernhardt wurde vor 80 Jahren, am 13. Dezember 1937 als Sohn einer deutsch-baltischen Familie, im estländischen Reval alias Tallinn geboren. Gestorben ist er als verdientes Multitalent und großer deutscher Dichter am 30. Juni 2006 in Frankfurt am Main.

Seine Dichterkarriere begann nicht mit schmalen Lyrik-Bändchen eines scheuen Nachwuchspoeten. Gernhardt studierte Malerei an den Kunstakademien in Stuttgart und Berlin, er arbeitete als Zeichner und Karikaturist. Vor allem aber wirkte er bald federführend an satirischen Presseorganen mit, wie den für die geistige Entwicklung der Nation zweifellos unentbehrlichen Satiremagazinen "Pardon" und "Titanic".

Das Satiremagazin Titanic

Das Satiremagazin "Titanic", nach der Zeitschrift "Pardon" die Publikationsreihe der Neuen Frankfurter Schule, welche Robert Gernhardt mit begründete

1981 erschien dann im Zweitausendeins Verlag sein Gedichtband „Wörtersee“. Das ist der Beginn, an dem sich Gernhardt ernsthaft als Lyriker versteht. Bei Zweitausendeins haben sich auch seine früheren Bücher „Die Wahrheit über Arnold Hau“, „Die Blusen des Böhmen“, „Besternte Ernte“ zu Steady-Sellern, teilweise sind diese Bücher seit vierzig und mehr Jahren lieferbar, entwickelt. Und dann setzte er große Erwartungen in den Band „Wörtersee“, 1981 erschienen, doch diese Erwartungen sind enttäuscht worden, weil die Kritik ausblieb.

"Ein richtiges Lachen im falschen"

Horkheimer und Adorno

Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Begründer der (alten) Frankfurter Schule

Wie es sich nach Avantgarde-Vorbild damals gehörte, gründete Gernhardt in den sechziger Jahren einen furchtlosen Künstler-Stoßtrupp, gemeinsam mit F.W. Bernstein, Bernd Eilert, Eckhard Henscheid, Peter Knorr, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F.K. Waechter.

Ansässig in Frankfurt am Main nannte sich die Gruppe „Neue Frankfurter Schule“, mit ironischer Reverenz an die Frankfurter Schule von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Allerdings waren die kritischen Spaßmacher in gewissem Sinne erfolgreicher als die Kritischen Theoretiker. Denn sie konnten die deutschen Humorverhältnisse stärker verändern als jene die gesellschaftlichen Verhältnisse. Sie hatten, so ließe sich sagen, das strenge Diktum, mit dem Adorno in die Sackgasse fuhr, auf befreiende Weise weitergedacht: Wenn es schon kein richtiges Leben im falschen geben kann - ein richtiges Lachen gibt es trotzdem.


Gedanken zum Gedicht

"Frankfurter Grüngürteltier" von Robert Gernhardt

"Frankfurter Grüngürteltier" von Robert Gernhardt

Ein kleiner Putsch, eine Revolte musste jedoch sein, damit Gernhardt sein Dichten und Trachten durchsetzen konnte. Das kleine Büchlein „Gedanken zum Gedicht“, welches 1990 herausgegeben wurde, war nichts Geringeres als ein Angriff auf die Herrschaftsverhältnisse im Poetenwinkel der Nation. Gegen wen war die Attacke Gernhardts, bei der er Reim, traditionelle Gedichtformen und schlagkräftige Argumente ins Feld führte im Einzelnen gerichtet?

In keinem Fall gegen das Experiment. Gernhardt liebte es, außer mit der Sprache und den Worten auch mit den Formen zu spielen. Mit dem gewagten, ironischen, überraschenden Reim, mit den Rhythmen, den Versen und Strophen. Doch das setzte voraus, dass diese - anders als im Mainstream der damaligen Gegenwartslyrik - auch zur Anwendung kamen. Die zeitgeisttypische Absage an die klassischen Formen und Regeln parodierte er denn auch hitverdächtig bereits 1981 in seinem Gedichtband „Wörtersee“:


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