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Ein Warnschild "Genfood" steht vor gentechnisch verändertem Mais.

Agrartechnik "Gentechnisch verändert" - Eine Unsinns-Kategorie?

Für "gentechnisch veränderte" Lebensmittel gelten besonders strenge Regeln. Doch angesichts neuer Techniken wird es immer schwieriger, sie sinnvoll zu definieren. Ein Gespräch mit dem Technik-Philosophen Giovanni Tagliabue.

"Gentechnisch verändert" ist eine Pflanze nach EU-Definition dann, wenn ihr Erbgut mit Hilfe molekularbiologischer Methoden in einer Weise verändert worden ist, die in der Natur nicht vorkommt. Das hat Folgen: In Deutschland dürfen solche Pflanzen nicht kommerziell angebaut werden. Für gentechnisch veränderte Lebensmittel gilt zudem eine Kennzeichnungspflicht. In der Praxis enthalten solche Lebensmittel meist ein artfremdes Gen – zum Beispiel von Bakterien. Was ist falsch daran, solche Lebensmittel von traditionell gezüchteten klar abzugrenzen?

Es fängt damit an, dass das Einschleusen fremder Gene ja nur eine Methode ist, das Erbgut zu verändern und einer Pflanze neue Eigenschaften zu geben. Zum Beispiel die berühmten BT-Pflanzen. BT steht für Bazillus Thuringiensis, das ist ein Boden-Bakterium. Es produziert ein Protein, das bestimmte Schädlinge tötet. Das Bakterium bzw. seine Proteine werden deshalb sogar als Insektenschutz in der organischen Landwirtschaft eingesetzt.

Doch die entsprechenden Gene können heute auch in das Erbgut von Mais oder Baumwolle eingebaut werden. Dann produziert die Pflanze selbst das Insektizid. Diese Pflanzen ist nach allem was man weiß, nicht gesundheitsschädlich und man kann mit der Methode Pestizide sparen. Das ist ein Beispiel für transgene Pflanzen. Aber es gibt andere erbgutverändernde Methoden. Manche fallen nun unter die Definition "gentechnisch verändert", manche nicht. "Gentechnisch verändert" ist aus meiner Sicht eine ziemlich schwammige Pseudo-Kategorie.

Gentechnisch veränderte Maispflanzen

Gentechnisch veränderte Maispflanzen

Weil Sie gerade von Bio-Landbau gesprochen haben – Sie argumentieren ja auch, dass dort auch genveränderte Pflanzen angebaut werden, die nur nicht so heißen bzw. unter die Definition fallen.

Aus meiner Sicht hat sich der Öko-Landbau aus ideologischen Gründen dazu entschieden, die sogenannten "gentechnisch veränderten Organismen" grundsätzlich abzulehnen mit dem Argument, das sei unnatürlich. Gleichzeitig bauen diese Landwirte sehr erfolgreich hunderte von Pflanzen an, die ebenfalls im Labor gezüchtet wurden, durch Klonen, auch durch künstlich herbeigeführte Mutationen.

Dabei werden Zellen oder Pflanzensamen intensiver Strahlung ausgesetzt, in der Erwartung, dass sich dadurch das Erbgut verändert. Wenn man Glück hat, kommen dabei zwei, drei Pflanzen mit interessanten neuen Eigenschaften heraus, die züchtet man weiter. Das nennt man Mutagenese. Oder man behandelt das Saatgut mit starken Chemikalien, auch um das Erbgut zu verändern. Es ist eine Methode, um leistungsfähiges Hybrid-Saatgut zu bekommen.

Um die 3000 Kulturpflanzensorten sind auf dem Markt, die auf solche Methode zurück gehen - ohne dass jemand Alarm schlägt. Dabei kann man auch diese Pflanzen sicherlich nicht als "natürliche" Produkte bezeichnen. Deshalb finde ich die Definition von "GVOs" in sich widersprüchlich.

Aber warum denkt man nicht über etwas nach, was manche als orgenische Züchtung bezeichnen – also eine Kombination aus organisch und genetisch? Wichtig ist doch, dass sich die Produkte als gut und sicher erweisen.

Gentechnik in Pflanzen - selten in Baden-Württemberg

Einer der großen gentechnischen Fortschritte in jüngster Zeit ist das Genome Editing, eine dieser Methoden Crispr/Cas9 wurde letztes Jahr als einer Durchbrüche des Jahres gefeiert. Der Unterschied zu bisherigen Ansätzen ist, dass man also nicht nur einfach irgendwo ein Gen einschleust, sondern das Erbgut sehr gezielt verändert, was auch einfach darin bestehen kann, an einer ganz bestimmten Stelle eine Genvariante durch eine andere zusetzen, ohne dass ein fremdes Gen überhaupt ins Spiel kommen muss. Würde man auf diese Weise neue Pflanzen züchten, wären das dann auch nach der bisherigen Definition von gentechnisch veränderte Organismen?

Natürlich würden sie das. Aber wen kümmert das? Sie können Gene aktivieren oder deaktivieren. Sie können irgendwo ein Stück Erbgut ausschneiden und anderswo einfügen. Was auch immer sie machen, jeder Eingriff kann sich auf das Produkt selbstverständlich massiv auswirken. Das gilt für klassische und neue Züchtungsmethoden gleichermaßen. So funktionieren die Gene. Aber wenn man dann ein Ergebnis hat, kann und sollte man auch streng alle notwendigen Tests durchführen. Wenn sich die Pflanze bewährt, kann man sie vermehren.

Ich freue mich, dass Sie diese neuen Methoden ansprechen. Denn das zeigt, wie inkonsistent die europäische Regulierung ist. Die heutige Definition "gentechnisch veränderter Organismen" stammt aus dem Jahr 2001. 2007 hat die EU-Kommission eine internationale Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern damit beauftragt, zu prüfen, welche neuen Techniken unter diese Definition fallen sollen und welche nicht.

Der Bericht wurde 2012 fertig gestellt, ist aber bis heute nicht veröffentlicht – und jetzt ist es fast zu spät, weil er durch neue Techniken wie Crispr/Cas9 schon wieder überholt ist. Das ist das Problem, wenn man sich auf die Methoden versteift statt die einzelnen Züchtungsprodukte zu betrachten.


Auch wenn die Definition unscharf sein mag – haben die Verbraucher nicht dennoch ein Recht zu erfahren, wie die Pflanzen hergestellt wurden?

Wenn Sie das seriös machen wollten, müsste das Etikett einen Quadratmeter groß sein. Unabhängig davon: Sie sagen, die Verbraucher haben ein Recht auf Information – Information worüber? Sie wollen wissen, ob ein Nahrungsmittel sicher ist – für die Gesundheit, für die Umwelt. Das hängt aber nicht an bestimmten Methoden genetischer Veränderung.

Sie können die gleichen Merkmale mit verschiedenen Methoden erzielen. Was am besten funktioniert, nimmt man. Manchmal erzielen die traditionellen Züchtungsmethoden die besseren Ergebnisse. Dann sollte man natürlich die nehmen. Es kommt auf den Einzelfall an. Aber die Tests müssen für alle neuen Pflanzen gleichermaßen streng sein.

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