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Strategien für einen stressfreien Urlaub

Erkundungen zur inneren Ruhe Gelassenheit

"Es ist relativ einfach, gelassen zu sein, wenn wir auf unserem Meditationskissen sitzen oder auf einem Segelboot, und alles ist easy", schreibt der amerikanische Neuropsychologe Rick Hanson. "Aber wie können wir gelassen zur Arbeit fahren oder ein Unternehmen aufbauen oder mit gesundheitlichen Problemen umgehen? Wie können wir in unserem ganz normalen Leben gelassen sein?" Über eine Geschichte der Gelassenheit.

Im Indien des 5. vorchristlichen Jahrhunderts lehrte Siddharta Gautama, genannt der Buddha, vier "göttliche Verweilzustände": liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut. Darin sollten sich seine Schülerinnen und Schüler kontinuierlich üben. Die amerikanische Meditationslehrerin Sharon Salzberg erklärt, was hier mit Gleichmut gemeint ist. Sie schreibt, dass Gleichmut auch Gleichgewicht bedeutet. Die Kraft des Gleichmuts basiert auf dem Wissen, dass die Konflikte und Enttäuschungen, die wir erleben, nicht Folge unseres persönlichen Unvermögens sind, sondern daher rühren, dass wir das Unkontrollierbare zu kontrollieren versuchen.

Buddha-Figuren, lesend

Buddha lehrte vier "göttliche Verweilzustände": liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut

Demokrit sprach von "Euthymie" – vermutlich eine eigene Wortschöpfung, zusammengesetzt aus dem Altgriechischen "eu", gut, und "thymos", Seele, Gemüt, Mut. Der römische Stoiker und Naturforscher Seneca übertrug Demokrits "Euthymie" als "tranquilitas animi", "Seelenruhe", ins Lateinische. In deutschen Übersetzungen wird meist der Begriff "Gelassenheit" verwendet. Demokrit wuchs Mitte des vierten vorchristlichen Jahrhunderts in Thrakien auf, seine Eltern waren reich und finanzierten ihm ausgedehnte Reisen. Zeitgenossen bezeichneten ihn als "lachenden Philosophen". Vielleicht, weil seine Philosophie so sehr auf heitere Gelassenheit abzielt. Und darauf, wie man sie erlangt.

Nur ein Augenblick reicht

Im Deutschen gibt es den Begriff Gelassenheit erst seit dem 13. Jahrhundert. Kreiert hat ihn höchstwahrscheinlich der christliche Mystiker Meister Eckhart. Er predigte über die "gelâzenheit":

"Wer sich nur einen Augenblick gänzlich ließe, dem würde alles gegeben. Der Mensch, der gelassen hat und gelassen ist und der niemals mehr nur einen Augenblick auf das sieht, was er gelassen hat - der Mensch allein ist gelassen."

Ein ruhiges Herz brauchte auch Meister Eckhart selbst. Um 1260 geboren, trat er als junger Mann in ein Dominikanerkloster ein, promovierte zum Magister der Theologie und wurde schließlich als frater doctus, als gelehrter Bruder, mit einem Sonderauftrag nach Süddeutschland geschickt. Er sollte die dortigen Frauenklöster von ihrem mystisch-spirituellen Irrweg abbringen und auf den rechten Weg zurückführen. Doch Meister Eckhart war selbst Mystiker, er lehnte die Spiritualität der Nonnen nicht ohne weiteres ab. 1326 wurde er der Häresie angeklagt. Zwei Jahre später starb er, bevor er verurteilt werden konnte.

Dem Gehirn Gelassenheit beibringen

Der Neuropsychologe Rick Hanson hat das "Wellspring Institute for Neuroscience and Contemplative Wisdom" in Kalifornien mitbegründet. Und er ist Buddhist. Zusammen mit dem Neurologen Rick Mendius untersucht er, wie man mit Hilfe kontemplativer Praxis, aber auch mit einfachen Übungen im Alltag, das Gehirn in Richtung Gelassenheit beeinflussen kann. Denn wir können die subkortikalen Regionen, namentlich die Amygdala und den Hippocampus, trainieren. Sie sind entscheidend für unsere Überreaktionen auf alles, was angenehm oder unangenehm ist. Die Forschung zeigt: Durch Achtsamkeitspraxis können wir erreichen, dass die Amygdala sich beruhigt und nicht mehr so reaktiv ist.

Aufnahmen von aktiven Gehirnregionen

Mit einfachen Übungen im Alltag kann man die subkortikalen Regionen, namentlich die Amygdala und den Hippocampus, trainieren

Der Hippocampus wiederum spielt eine wichtige Rolle dabei, Informationen aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis zu überführen. Die Hirnforschung hat herausgefunden, dass sich im Hippocampus auch bei Erwachsenen neue Verbindungen zwischen bestehenden Nervenzellen bilden. Auf diesen Prozess hat Rick Hanson seine Methode aufgebaut. Sie besteht darin, kleine positive Erlebnisse, die man im Alltag macht - wie etwa ein freundliches Lächeln, das einem jemand schenkt, oder ein Akt der Hilfsbereitschaft - in große Ressourcen umzuwandeln.

Wir sind nicht schuld am Stress

Es ist allerdings nicht unsere Schuld, betont der klinische Psychologe Paul Gilbert, wenn wir uns aufregen statt gelassen zu bleiben. Die Ursache dafür, schreibt er in dem Band "Achtsames Mitgefühl", liegt im Zusammenspiel der intelligenten neueren Teile unseres Gehirns mit drei emotionalen Systemen, die uns von der Evolution mitgegeben wurden.

Das Bedrohungssystem hilft uns, Bedrohungen und Gefahren wahrzunehmen und auf sie zu reagieren. Das Antriebssystem hilft uns, Ressourcen aufzuspüren, die für unser Überleben und Gedeihen wichtig sind. Das Beruhigungs- und Bindungssystem ist der Ursprung von Gefühlen der Entspannung, des Wohlbefindens, der Sicherheit und Verbundenheit.

Zwei Rebhühner stehen auf einer Wiese.

Tiere müssen stets sofort auf Gefahr reagieren, der Mensch muss das nicht mehr automatisch, denn er hat die Möglichkeit, die Situation erst mal zu analysieren

Anders als ein Tier muss der Mensch nicht sofort automatisch auf Gefahr reagieren. Denn er verfügt neben dem "alten" evolutionären eben auch über ein "neues" Gehirn, welches es ihm ermöglicht, eine Situation zu analysieren, anstatt sofort wegzulaufen oder zuzuschlagen. Es kann aber, so Paul Gilbert, die Probleme auch verstärken, und zwar dann, wenn wir im Gefühl der Bedrohung steckenbleiben, obwohl die Gefahr längst vorbei ist.
Wir ärgern uns also noch Stunden über den Autofahrer, der uns gerade geschnitten hat. Und vergessen völlig den anderen, der uns neulich den Vorrang ließ.

Lasst mich in Ruhe

Heute ist es aber vor allem das Antriebssystem, das uns die Gelassenheit raubt, meint Paul Gilbert. Es gibt Menschen, die sich nur dann gut fühlen können, wenn sie ständig etwas erreichen oder ein Verlangen befriedigen wollen. Und es ist gar nicht ungewöhnlich, dass Menschen, die bewusst versuchen, zur Ruhe zu kommen, nervös und unruhig werden, fast als würden sie unter einem Dopamin-Entzug leiden, erzählt Gilbert.

Stress ist ein Massenphänomen

Es gibt viele Menschen, die sich nur dann gut fühlen können, wenn sie ständig etwas erreichen, und nicht mehr zur Ruhe kommen können

Gleichzeitig gibt es zunehmend mehr Menschen, die unter dem Druck leiden, sich ständig beweisen zu müssen. Und Angst haben, nicht Schritt halten zu können.
Beides – das ständige "Etwas erreichen wollen" und die Angst, nicht mitzuhalten, können zu dauerhaftem Stress bis hin zu psychischen Erkrankungen führen.
Wie kann man dem entgegen wirken? Paul Gilbert wurde in seiner Forschung zu Mitgefühl fündig. Mitgefühl stimuliert das Beruhigungs- und Bindungssystem. Dadurch erzeugt es Zufriedenheit und Geborgenheit - und damit auch eine Basis für Gelassenheit.

Freundlichkeit mit sich selbst

Ein freundliches Wort, eine liebevolle Berührung, führen zur Ausschüttung von Endorphinen und von Oxytocin. Von Hormonen also, die mit innerer Ruhe und Wohlbefinden in Zusammenhang stehen und mit dem Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit. Und das gilt nicht nur für Freundlichkeit, die einem andere entgegenbringen. Die US-amerikanische Psychologin Kristin Neff forscht seit Jahren zu Selbstmitgefühl. Sie fand heraus, dass dieser Prozess auch stattfindet, wenn man sich selbst in den Arm nimmt, streichelt oder etwas Freundliches sagt.

Ältere Frau hält Baby auf dem Arm, beide schauen sich gegenseitig an

Die Auseinandersetzung im Prozess des Alterns bedeutet, mit dem zufrieden zu sein, was man im Leben erreicht hat

Dass ältere Menschen häufiger gelassen sind als Jüngere ist wissenschaftlich belegt. Doch diese Gelassenheit kommt nicht von selbst. Dazu gehört, dass man Erfahrungen nicht nur gemacht, sondern auch reflektiert hat. Das hilft auch dabei, vorherzusehen, was bestimmte Situationen bei einem bewirken, sagt die Altersforscherin Ursula Staudinger. Zum Alter gehört auch, sich einzugestehen, dass man vielleicht bald nicht mehr selbst für sich sorgen kann und auf Hilfe angewiesen ist. Und dass man schließlich sterben wird.

Ursula Staudinger ist Psychologin, Altersforscherin und Gründungsdirektorin des Columbia Aging Center an der Columbia University in New York. Die Auseinandersetzung im Prozess des Alterns bedeutet laut ihrer Forschung, mit dem zufrieden zu sein, was man im Leben erreicht hat. Im Alter ist man weniger damit beschäftigt, was noch kommen kann und erreicht werden muss. Sie erklärt, dies bringe natürlich einen Verarbeitungs- und Trauerprozess mit sich, aber auf der anderen Seite auch eine größere Distanz zu jenen Dingen, die vorher viel Sorgen und Energie gekostet haben.

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