SWR2 Wissen: Aula Gefährliches Mitleiden

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Die negativen Seiten der Empathie

Interview mit Fritz Breithaupt

Dauer

Steckbrief zum Autor:

Name: Fritz Breithaupt
Geboren: 1967 in Meersburg
Promotion: 1997 an der Hopkins University
Beruf: Professor für Germanistik, Komparatistik und Kognitionswissenschaften an der Indiana University

Prof. Fritz Breithaupt befasst sich mit den negativen Seiten der Empathie (Foto: privat -)
Prof. Fritz Breithaupt befasst sich mit den negativen Seiten der Empathie privat -

Forschungsschwerpunkte:

Fritz Breithaupt arbeitet interdisziplinär. Er verbindet in seinen zahlreichen Büchern, Artikeln und Forschungsarbeiten auf überraschende Weise Neurowissenschaft, Psychologie und Kognitionswissenschaften.

Die These von Breithaupt: Empathie hat negative Seiten

Empathie kann uns nicht nur sozialer machen, sie kann dazu führen, dass man sein eigenes Ich aufbläht, den eigenen Wert steigert, indem man sich zu einem besonders einfühlsamen Menschen stilisiert. Das passe gut zu einer Gesellschaft, die auf dem Narzissmus beruhe und in der sich jeder in der Selfiekultur auf möglichst positive Weise darstellen müsse, so Breithaupt.

Belege: Stalking, Sadismus, Stockholmsyndrom

Breithaupt sammelt viele Belege für die dunklen Seiten der Empathie. Er analysiert zum Beispiel das berühmte Stockholmsyndrom, bei dem sich die Geisel mit dem Geiselnehmer so stark identifiziert, dass sie sich selbst im anderen verliert. Oder er widmet sich den Phänomenen des Stalking und Sadismus - beide offenbaren auf vertrackte Weise wiederum die negativen Aspekte der Empathie.

Manche brutale Sadisten -sagt Breithaupt- handelten aus Empathie. Sie würden andere quälen, weil sie sich in dem Moment vorstellen könnten, wie die sich fühlten. Nur durch diesen paradoxen Prozess könnten Sadisten eine gewisse Nähe zu ihren Mitmenschen aufbauen.

Breithaupts Ansatz hat auch viele politische Bezüge: Donald Trump etwa ist für ihn ein Mensch, der sehr viel Empathie auf sich ziehen kann, das ist zugleich sein Vor- und Nachteil. Trump polarisiere permanent, er stelle sich gegen alle anderen, gegen die Vernunft, gegen andere Politiker, gegen die Intellektuellen, gegen Europäer, gegen die Nato – einer gegen alle. Und man frage sich immerzu, was kann er jetzt noch sagen, wie kann er sich jetzt noch rausreden, wie kann er sich verhalten. Und dann versuchten sich viele Leute in seine Situation hineinzuversetzen, auf ihn empathisch zu reagieren. Dadurch fasziniere Trump immer wieder seine Anhänger und selbst seine Gegner.

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