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Warnschild für Hochspannungsleitung

Gefährlicher Strom? Hochspannungsleitungen und Gesundheit

Im Zuge der Energiewende werden in den nächsten Jahren circa 3800 km Stromleitungen neu gebaut. Doch viele fürchten sich vor den Risiken der Stromtrassen. Denn es gibt Studien, die einen Zusammenhang zwischen Hochspannungsleitungen und Krankheiten sehen. Anja Lutz vom Bundesamt für Strahlenschutz geht diesen Studien kritisch auf den Grund.

Hier knistert es - elektrische Felder unter Hochspannungsleitungen

Das deutsche Stromnetz ist insgesamt etwa 1,8 Millionen Kilometer lang. Fast drei Viertel der Kabel verlaufen unterirdisch. Nur etwa ein Viertel der Kabel hängen gut sichtbar an hohen Masten. Das sind meistens Hoch- und Höchstspannungsleitungen mit 110, 220 oder gar 380 Kilovolt. Der dabei fließende Wechselstrom erzeugt niederfrequente Felder.

Anja Lutz vom Bundesamt für Strahlenschutz beschreibt, wie man diese wahrnehmen kann: Wenn man unter einer Hochspannungsleitung hindurchgeht, kann man es manchmal knistern hören - verantwortlich sind dafür Aufladungen der Luft direkt an den Leitungen. Lutz erklärt auch ein weiteres Phänomen: Wenn man sich unter einer Stromleitung mit einem starken elektrischen Feld befindet, kann Folgendes passieren: Die Härchen stellen sich auf, weil sich die elektrisch geladenen Moleküle an der Hautoberfläche nach dem elektrischen Feld der Stromleitung ausrichten.

Bundesamt für Strahlenschutz

Expertin Anja Lutz vom Bundesamt für Strahlenschutz hinterfragt Studien, die einen Zusammenhang zwischen Leukämieerkrankungen und Hochspannungsleitungen herstellen, kritisch

Elektromagnetische Felder als Gesundheitsgefährdung?

Außer dem elektrischen Feld, das sich leicht durch Bäume oder Hauswände abschirmen lässt, gibt es das magnetische Feld: Es entsteht durch den fließenden Strom und beeinflusst den Körper des Menschen. Elektromagnetische Felder entstehen nicht nur unter den Stromleitungen, sondern beispielsweise auch durch Handys, WLAN oder die Mikrowelle. Die Unschädlichkeit dieser Felder für den Menschen ist noch nicht bewiesen. Vielmehr haben einige Studien für Unruhe gesorgt. Am bekanntesten ist die Studie der Elite-Universität Oxford: Forscher analysierten die Daten des nationalen Krebsregisters aus den Jahren 1962 bis 1995 und stellten einen Zusammenhang zwischen Leukämieerkrankungen bei Kindern und der Nähe des Wohnorts der Mutter zu einer Hochspannungsleitung zum Geburtszeitpunkt her.

Bislang keine eindeutigen Forschungsergebnisse

Die Strahlenschutzexpertin Anja Lutz bewertet die Studien folgendermaßen: "Der Knackpunkt bei all diesen Studien ist immer, dass das so genannte epidemiologische Studien sind. Das bedeutet, dass man die tatsächliche Magnetfeldbelastung mit dem Leukämierisiko in Verbindung gesetzt und untersucht hat, ob das Leukämierisiko bei einer erhöhten Belastung auch erhöht ist. Das sind Hinweise, die sehr ernst zu nehmen sind. Solche Studien können aber nie als Beweis gelten, denn sie können nicht nachweisen, dass dieser gefundene Zusammenhang tatsächlich eine Ursache-Wirkung-Beziehung ist."

Hochspannungsleitungen

Hochspannungsleitungen sind derzeit wieder ein hochaktuelles Thema: Innerhalb der nächsten Jahre soll eine große Anzahl solcher Leitungen neu errichtet werden

Die Studie in Oxford wurde wiederholt und in einem größeren Gebiet mit viel mehr Daten durchgeführt. Dabei konnte der Zusammenhang zwischen Hochspannung und Krebs nicht mehr gefunden werden. Es könnte also sein, dass die erste Studie nur zu ihrem Ergebnis kam, weil die Stichprobe zu klein war. Lutz merkt auch an, dass man die biologischen Mechanismen, die erklären, wie Magnetfelder zu Leukämie führen könnten, bislang nicht gefunden hat.

Nicht schädlicher als Laserdrucker oder Kaffee

Forschern ist es auch bei Tierversuchen noch nicht gelungen zu zeigen, wie elektromagnetische Felder den Organismus schädigen könnten. Es gibt also weder einen Beweis, dass Stromleitungen schädlich sind, noch einen, dass sie nicht schädlich sind. Da es keine eindeutigen Ergebnisse gibt, hat die World Health Organization (WHO) niederfrequente elektromagnetische Felder daher - auf einer Stufe mit Laserdruckern und Kaffee - als 'möglicherweise krebserzeugend' eingestuft. Das Besondere an elektromagnetischen Feldern ist aber, dass das Feld sich im Quadrat der Entfernung verringert. Folglich bedeutet ein zehnfacher Abstand von der Leitung nur noch ein Hundertstel des Feldes. 400 Meter Abstand zwischen den Leitungen und Wohnhäusern gelten als sicherer Schutz.

Forscher bei Arbeiten im Labor

Bis jetzt ist es Forschern noch nicht gelungen zu zeigen, wie elektromagnetische Felder den Organismus schädigen könnten

Gibt es einen Unterschied zwischen Wechselstrom und Gleichstrom?

Viele der neuen Leitungen, die in den nächsten Jahren quer durch Deutschland gebaut werden, führen aber gar keinen Wechselstrom - sondern Gleichstrom. Dieser hat laut Anja Lutz jedoch ganz andere Eigenschaften: Sie erklärt, dass eine Gleichstromleitung so genannte statische Felder erzeugt, die mit dem Magnetfeld eines Magneten verglichen werden können. Bei magnetischen Gleichfeldern seien keine negativen gesundheitlichen Wirkungen bekannt. Werden diese Stromleitungen eingegraben statt aufgehängt, verändert sich das Feld nochmals. Direkt über dem Erdkabel ist es höher als direkt unter einer gleich starken Freileitung. Dafür ist es aber deutlich schmaler als unter den aufgehängten Leitungen. Forscher gehen davon aus, dass das gesundheitlich am unbedenklichsten ist.

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