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Unübersichtlich und unvorhersehbar Warum zu viel Komplexität gefährlich werden kann

Unsere Gesellschaft beruht auf der ständigen Zunahme von Komplexität: Viele Systeme sind uns mittlerweile über den Kopf gewachsen. Sollen wir kapitulieren oder können wir uns damit arrangieren? Antworten gibt der Philosoph und Physiker Dr. Marco Wehr.

Labyrinth

Ein Labyrinth an Möglichkeiten

Der Philosoph Pythagoras hat der Menschheit einen Satz ins Stammbuch geschrieben, der noch heute das Mantra vieler Wissenschaftler ist: "Die Welt ist Zahl", was soviel bedeutet wie: Die Wirklichkeit lässt sich mathematisch beschreiben, sie lässt sich in verkürzte abstrakte Formeln auflösen, somit berechnen und in ihren Abläufen vorhersehen.

Die Wirklichkeit lässt sich nicht in Formeln zwängen

Leider spielt die manchmal überbordende Vielfalt und Unberechenbarkeit der Wirklichkeit da nicht mit und schlägt den Wissenschaftlern ein subversives Schnippchen. So komplexe Systeme wie eine Volkswirtschaft oder das Klima lassen sich nicht mit reduzierten mathematischen Berechnungen einfangen, deshalb ist es nicht auszuschließen, dass sich tausende Volkswirtschaftler und Klimatheoretiker einem abgehobenen akademischen Glasperlenspiel hingeben, wenn sie Klimamodelle erarbeiten oder die Entwicklung von Volkswirtschaften vorhersehen wollen.

Enstehung von Wolken

Die Entstehung von Wolken - bis heute ein Rätsel

A propos mathematische Klimamodelle: Weder weiß man heute, wie Wolkenbildung genau funktioniert noch in welcher Weise Wälder oder große Wasserflächen CO 2 binden. Trotz dieser Defizite, dieser blinden Flecken auf der Landkarte des Wissens spielen sich manche Klimatheoretiker als Hohepriester auf, die auf geradezu genialisch prophetische Weise die Zukunft des Weltklimas vorhersagen können. Hier fehlt eindeutig die nötige Bescheidenheit. Dennoch hören wir auf diese Priester, seien es nun Klimatheoretiker oder Volkswirtschaftler- wir setzen auf die Richtigkeit ihrer Prognosen und Modelle, um Handlungsorientierung für die Zukunft zu haben.

Die Komplexitätsfalle

Universum

Es gibt viele verschiedene Theorien über die Beschaffenheit der Welt

Und genau hier tappen wir in eine – wie ich das nenne- Komplexitätsfalle: Wir haben es mit einer neuen Art von Gegenaufklärung zu tun. Das, was der Menschheit einmal Klarheit bringen sollte und gebracht hat: das exakte naturwissenschaftlich-mathematische Denken, das führt immer mehr zur Konfusion. Es konkurrieren tausende mathematisch verbrämte Weltentwürfe miteinander, wobei nur ganz wenige Menschen über das Werkzeug verfügen, um Unsinniges von Sinnvollem zu unterscheiden; manche Astrophysiker schwärmen von Paralleluniversen, träumen von Stringtheorien oder dunkler Materie, die in keiner Weise mehr experimentell zu überprüfen und zu verifizieren sind.

Der Wert von Simulationen

Formeln

Lässt sich die komplexe Wirklichkeit in Formeln abbilden?

Doch das ist leider nicht alles. Viele der fragwürdigen mathematischen Modelle werden auch noch auf Computern implementiert. Die Ergebnisse bezeichnet man euphemistisch als Simulationen. Das Wort "Simulation" bedeutet so viel wie "ähnlich machen" oder "nachahmen". Wie aber prüft man, ob die Simulation die Wirklichkeit nachahmt? Im wissenschaftlichen Labor ist die Vorgehensweise klar: Unter kontrollierbaren Versuchsbedingungen werden wiederholbare Experimente gemacht. Es wird gemessen und die Werte werden mit den Berechnungen verglichen. Aber wie geht man vor, wenn der Gegenstand der Simulation interagierende Volkswirtschaften sind oder in Streit geratene Völker? Da lassen sich die Versuchsbedingungen nicht wie im Labor kontrollieren, und entsprechend problematisch ist es, zu prüfen, ob die Simulationen auf dem Computer zu irgendetwas ähnlich sind. Wenn diese Prüfung aber nicht stattfindet, dann bleibt der Wert der Simulation im Dunklen.

Komplexe Finanzwelt

Wertpapiertransaktionen

Viele Wertpapiertransaktionen werden nur noch von Spezialisten verstanden

Und leider ist die Situation noch komplizierter! Es gibt weitere Bereiche, in denen uns von Computern generierte Komplexität das Leben schwer macht. Wir programmieren Computer ja nicht nur, um die Zukunft zu prognostizieren. Sie sollen uns auch bei Entscheidungsfindungen unterstützen. Erinnern Sie sich an den Flash-Crash an der Wallstreet? Binnen Sekunden rauschte der Dow Jones aus unerfindlichen Gründen in den Keller. Es dauerte Monate (!), bevor man begründete Mutmaßungen darüber anstellen konnte, in welcher Weise die mathematischen Trading-Algorithmen auf den Computern großer Broker für dieses Versagen verantwortlich waren.

Spezialistentum schafft Vorteile

Neuronen

Die Welt ist zu komplex für unser Gehirn

Im Wechselspiel von Wirtschaft und Politik gibt es auch Menschen und Institutionen, die von Komplexität und Unübersichtlichkeit profitieren. Man denke in diesem Zusammenhang an eine entfesselte Finanzwirtschaft, die das Prinzip der Unübersichtlichkeit zur Blüte entwickelt hat. Die bewusste Komplizierung von Anlageprodukten und deren Handel ist ein Geschäftsmodell, von dem Insider maximal profitieren. Banken entwickeln kryptische Limits für Wertpapiertransaktionen, damit die von ihnen verwendeten Computer im Handel mit solchen Werten einen geldwerten Zeitvorsprung gewinnen. Große Geldhäuser beschäftigen Physiker, die sogenannten Quants, deren Aufgabe darin besteht, extrem komplizierte Derivatkonstruktionen zu erschaffen, die außer ihren Erschaffern niemand versteht. Genau dieser Punkt ist ihre Existenzberechtigung, eine raffiniert ausgedachte Komplexitätsfalle, die keine andere Funktion hat, als das Unwissen der Kunden zum eigenen Vorteil auszunutzen.

Durchblick

Wer hat heute noch den Durchblick?

Die neue Aufklärung

Im Augenblick irren wir alle ohne Kompass durch ein Informationsuniversum, das mit seiner chaotischen Dynamik beträchtliche Konsequenzen für uns haben kann. Deshalb müssen Einfachheit und Klarheit dort, wo sie möglich sind, angestrebt werden. Wir brauchen unbedingt eine neue übersichtliche Landkarte des Wissens, die Seriöses von Unseriösem trennt, die Komplexität zurückfährt und uns zu Durchblickern macht. Diese notwendige Aufklärungsarbeit in Angriff zu nehmen ist kein intellektueller Luxus – das ist eine Überlebensnotwendigkeit.


Marco Wehr

Marco Wehr

Dr. Marco Wehr ist Physiker, Philosoph, Wissenschaftstheoretiker. Seine Arbeitsschwerpunkte als Autor und Redner sind Voraussagbarkeit, Komplexität sowie die Beziehung von Denken und Körper. Seine bisher erschienenen Bücher wurden hoch gelobt und auf die Liste der Wissenschaftsbücher des Jahres gewählt. Seine Essays für die FAZ, die sich kritisch mit der Mathematisierung der Welt befassen, wurden für den Henri-Nannen-Preis 2013 nominiert.

Bücher (Auswahl):
- Welche Farbe hat die Zeit? Wie Kinder uns zum Denken bringen. Eichborn-Verlag. 2007.
- Der Schmetterlingsdefekt. Turbulenzen in der Chaos-Theorie. Eichborn-Verlag. 2007.

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