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Eine Überwachungskamera

Sicherheit durch Zäune? Gated Communities in Deutschland

SWR2 Impuls. Von Simone Schlosser.

Ein hoher Sicherheitszaun. Bewaffnetes Wachpersonal. Pförtner am Eingangstor. Das sind die Merkmale von sogenannten Gated Communies. Auf deutsch: Gesicherte Wohnanlagen. In den letzten Jahren gewinnt dieser Wohntrend in Deutschland zunehmend mehr Anhänger. In Potsdam befindet sich eine der ersten Gated Communities in Deutschland. Aber auch in anderen Städten werden ähnliche Wohnprojekte geplant. Ein Blick hinter die Sicherheitszäune.

Komfort und Sicherheit durch Gated Communities

Renate Belle ist Anfang siebzig, Rentnerin. Die gebürtige Berlinerin lebt seit elf Jahren in der Wohnanlage Arcadia. Der ersten Gated Community in Deutschland. Besucher werden von Renate Belle persönlich beim Pförtner abgeholt. Mit entschiedenem Schritt führt die kleine Dame durch die Wohnanlage. Auf den ersten Blick wirkt die Arcadia wie ein Feriendorf: angelegte Beete, gestutzte Hecken. Dazwischen die sandfarbenen Mehrfamilienhäuser mit Balkon oder Terrasse.

Ein Pförtner schaut aus seiner Loge an einem Hauseingang.

Nicht ohne meinen Pförtner?! In Gated Communities müssen Gäste zunächst an ihm vorbei.

Die Dreizimmerwohnung von Renate Belle ist komfortabel. Das gute Gefühl lassen sich die Bewohner einiges kosten: Fast 800 Euro zahlt Renate Belle monatlich. Dafür bekommt sie das Komplettpaket: Sicherheitszaun und Überwachungskameras. Ein Tiefgaragenstellplatz für das Auto. 24 Stunden-Pförtnerdienst mit Postservice. Und wenn sie im Urlaub ist, gießt jemand ihre Blumen.

Belle genießt den Komfort, fühlt sich in der Anlage sicher. Sie versteht die Kritik an diesen Wohnanlagen nicht - für sie macht es kein Unterschied, ob ein Hausbesitzer einen Zaun um sein Grundstück zieht oder ob Wohnsiedlungen gemeinschaftlich für ihren Schutz sorgen. Und auch das Argument, man schotte sich sozial ab, lässt sie nicht gelten:

Was uns da immer nachgesagt wird, hier geschlossene Gesellschaft, und die schotten sich ab, das ist nicht so. Wir haben auch viele Bekannte außerhalb, die auch uns besuchen kommen. Und wir unternehmen auch viel in Potsdam. Es ist nicht so, dass wir uns ausschließen und sagen, wir sind hier ganz für uns.

Gated Communities - ein bedenklicher Wohntrend?

Stadtforscher, Politikwissenschaftler und Soziologen in Deutschland diskutieren über das Entstehen von Gated Communities jedoch kritisch. Volker Eichener, Politikwissenschaftler an der Universität Düsseldorf, beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem Phänomen und hält es für einen Trugschluss wohlhabender Bevölkerungsgruppen, dass sie sich durch das Wohnen in solch einer Siedlung absichern könnten. Vielmehr wäre das Gegenteil der Fall:

Nämlich dadurch machen sie sich sichtbar. Sie rufen Neid hervor. Und sie laden auch gerade dazu ein, Opfer zu werden von allen möglichen Formen von Konflikten, Anfeindungen, und dann auch echter Kriminalität.

Richtige Gated Communities mit Sicherheitszaun und Pförtner bilden in Deutschland aber ohnehin eine Ausnahme. Vielmehr gibt es hier einen neuen Trend - eine milde Ausprägung der städtebaulichen Abgrenzung von Siedlungen.

Hecken und Steine - Varianten der Abgrenzung

Siedlungen müssen nicht unbedingt über meterhohe Zäune und Überwachungskameras verfügen, um sich von der Umgebung abzugrenzen. Volker Eichner untersucht vielmehr auch die "milderen" Formen von Abschottung wohlhabender Bevölkerungsgruppen in Neubausiedlungen:

Es gibt aber auch milde Formen die noch nicht mal Tore vorsehen, die aber sozusagen optische Grenzen definieren, sodass sich Menschen, die dort nicht wohnen in der Siedlung eigentlich nicht hinein trauen. Das kann man durch eine geschickte optische Gestaltung so erreichen. Teilweise ist dann auch der Bodenbelag, die Pflasterung anders, sodass man das Gefühl hat, ich bin hier fremd, ich bin hier nicht willkommen.

Siedlungen können sich auch durch bauliche Maßnahmen - ein anderer Straßenbelag, eine Hecke, eine Schranke - von ihrer Nachbarschaft abgrenzen. Sie vermitteln dem Besucher damit, dass er an dieser Stelle fremd ist. Er weiß vielleicht nicht, ob er das Gelände überhaupt so einfach betreten darf.

Eine Hecke entlang einer Rasenfläche vor Bäumen

Städtebauliche Abgrenzung kann auch durch Hecken und Schranken vollzogen werden.

Aber ist das verwerflich, sich von seiner Umgebung abzugrenzen? Sicherheit zu suchen? Gerade vor dem Hintergrund der vielen Krisen weltweit und dem Auseinanderklaffen armer und reicher Schichten in Deutschland? Diese Debatte gilt es weiter zu führen. Der Politikwissenschaftler Volker Eichener hoff jedoch, dass der Trend hin zur architektonischen Abschottung nicht weiter um sich greift. Er findet, man sollte sich bemühen, die Separierung der Bevölkerungsgruppen nicht noch weiter voranzutreiben. Sondern im Gegenteil Möglichkeiten der Begegnung schaffen.

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