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Moore und Klima schonen Torffrei gärtnern

Zurzeit steigt im Handel wieder die Nachfrage nach Blumenerde. Klar: Frühlingszeit ist Gartenzeit – und die Zeit zum Umtopfen. Das Sortiment ist riesig: von Universal-Blumenerde über spezielle Mischungen für Rosen oder Moorbeetpflanzen. Auch Bio-Erde gibt es inzwischen in jedem größeren Baumarkt oder Gartencenter. Doch was viele Verbraucher und Verbraucherinnen nicht wissen: Fast alle Blumenerden enthalten zum großen Teil Hochmoortorf. Und genau das ist das Problem: Ihn zu nutzen gefährdet nicht nur wichtige Lebensräume, sondern letztendlich auch unser Klima. Details von Anna Florenske.

In Baumärkten türmen sich stapelweise Säcke mit Blumenerden; oft sind es Dutzende verschiedene Sorten. Was in diesen normalen Blumenerden drinsteckt - diese Frage können allerdings die Wenigsten beantworten.

Erde ist nicht gleich Erde

Was ist eigentlich Blumenerde?

Was ist eigentlich Blumenerde?

Wer weiß schon, was sich hinter der Bezeichnung "Blumenerde" versteckt? Das mag auch daran liegen, dass die Inhaltsstoffe von Blumenerden oft nicht klar auf der Verpackung ausgewiesen sind, meint Nicola Uhde vom Bund für Umwelt- und Naturschutz, kurz BUND.
Normalerweise steht es auch nicht vorne so groß drauf. Sondern man muss dann schon hinten sehr genau suchen unter dem Kleingedruckten. Und manchmal steht es auch gar nicht drauf. Obwohl eben wirklich häufig über 80 Prozent der Erde – sogenannten Erde – tatsächlich nur aus Torf besteht.


Das Moor ist Lebensraum vieler Tiere

Kranich

Das Moor ist ein wichtiger Lebensraum für den Kranich.

Torf ist also der Haupt-Bestandteil unserer Blumenerde. Und genau da liegt das Problem: Nicht nur die Bekassine, das ist der Vogel des Jahres 2013, hat Grund zum Meckern: Durch den Torfabbau ist nicht nur ihr Lebensraum gefährdet, erklärt Moorexpertin Nicola Uhde:
Torf ist eben der Stoff, aus dem die Moore sind. Die Moore sind sehr seltene, sehr schützenswerte Lebensräume, in denen es viele sehr seltene Tiere und Pflanzen gibt. Zum Beispiel kommen dort vor Sumpfohreule, Sonnentau, Torfwiesenscheckenfalter Moorfrosch oder auch das Birkhuhn und der Kranich.



Moorschutz ist auch Klimaschutz

Durch den Torfabbau zählen die Moore zu den Ökosystemen, die am stärksten gefährdet sind. Hierzulande wurde ein großer Teil der Moorflächen wurde bereits entwässert und gilt als "tot". Zwei Drittel des Torfes in unserer Blumenerde stammt aus Deutschland. Ein Drittel wird aus den baltischen Ländern und Russland importiert, Tendenz steigend.

Torfabbau in Gnarrenburg (Niedersachsen)

Torfabbau in Niedersachsen

Würde der Torfabbau in derselben Art und Weise weiterlaufen wie bisher, würde es nach Meinung der Moorexpertin Nicola Uhde in 10 Jahren keinen Torf mehr zum Abbauen in Deutschland geben.

Und das, obwohl Torf so eine begrenzte und hochwertige Ressource ist, die sich ganz langsam in tausenden von Jahren hat. Fatal auch die Auswirkungen für das Klima. Nicola Uhde:

Bohlenweg über das Moor

Das Moor speichert CO2.

In den Mooren ist jede Menge Kohlenstoff gespeichert. Der sich bei der Freisetzung mit Sauerstoff verbindet. Und dann als klimaschädliches Gas Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt, was eben zu der Erderwärmung beiträgt. Außerdem werden, wenn Moore trockengelegt werden, Methan und Lachgas freigesetzt. Und diese Gase sind um ein Vielfaches nochmal klimaschädlicher.

Die Moore speichern doppelt so viel Kohlendioxid wie alle Wälder weltweit zusammen. Moorschutz ist daher auch: Klimaschutz. Und dazu kann jeder etwas beitragen. Man sollte keine Substrate verwenden, in denen Torf drin ist.


Kompost und torffreie Erde

Hände halten Gras über Kompost

Blumenerde aus Kompost

Eine echte Alternative ist Kompost oder Blumenerde auf der Basis von Kompost. Ob beim regionalen Kompostwerk gekauft oder selbst im eigenen Komposthaufen hergestellt – Kompost ist eine prima Lösung für draußen: Wer ihn in die Beete einarbeitet und Blumenkästen und Pflanzkübel damit füllt, kann im Garten gut auf Blumenerde verzichten. Für Drinnen gibt es auch eine Alternative: torffreie Blumenerde. Das ist meist eine Mischung aus Rindenhumus, Kompost, Holz- und Kokosfasern. Bis vor wenigen Jahren war die noch sehr schwer zu bekommen. Aber inzwischen hat der BUND über 70 verschiedene torffreie Erden ausfindig gemacht und dazu einen Einkaufsführer erstellt. Doch Vorsicht, sagt Nicola Uhde: Bei den Erden kann man sich leicht vertun. Auch Bioerden sind nicht immer Torf frei! Nicola Uhde:
Torffreie Erde ist tatsächlich nur die Erde, wo ganz klar "Torfffrei" drauf steht. Es gibt Erde, wo vorne dann torfreduziert oder Torf arm drauf steht. Da haben unsere Nachforschungen aber ergeben, dass da tatsächlich noch 60-80 Prozent Torf drin sein können.


Gemüse ohne Torf

Gärtnern für Jedermann in Frankfurt/Main

Urban Gardening ist auch mit Torffreier Erde möglich

Die Umweltverbände BUND und NABU werben gerade in großen Aktionen für das Gärtnern ohne Torf. Dass es funktioniert, hat Dirk Kerstan von der Urban Gardening Gruppe ‚Neuland‘ schon im vergangenen Jahr herausgefunden - auf einer Stadtfläche mitten in Köln:
Wir haben das gezeigt. Vom letzten Jahr kann man die Bilder sehen, wie Grün es hier war und wie viele Tomaten und Zucchini und Kürbisse wir ernten konnten. Und das alles ohne Torf.

Moore als Naturschutzgebiete

Immer mehr Hochmoore in Niedersachsen werden renaturiert.

Immer mehr Hochmoore werden renaturiert.

Grund zur Hoffnung kommt auch aus Niedersachsen: Das Land, in dem die meisten Moore in Deutschland liegen - will den Moorabbau stoppen, freut sich Nicola Uhde vom BUND:

Es ist tatsächlich geplant, ein Netz aus Moorschutzgebieten zu machen. Das ist der Plan der neuen Landesregierung in Niedersachsen, dass eben diese Moore ausschließlich dem Klimaschutz dienen sollen und nicht mehr dem Torfabbau.

Der Weg in die Zukunft ist schwer

Nur der professionelle Erwerbsgartenbau tut sich schwer mit dem Gärtnern ohne Torf. Zum einen, weil Torf wie kein anderer Ersatzstoff viele gute Eigenschaften vereine, zum Beispiel: eine gute Luftdurchlässigkeit, eine hohe Kraft Wasser zu speichern, und, weil Torf wenig Unkraut anzieht. Zum anderen sei Torf derzeit nicht im großen Umfang zu ersetzen: Denn es fehlt an Ersatzstoffen wie Holz- und Rindenfasern und grobem Kompost, sagt der Industrieverband Garten.

kleiner Haufen Komposterde

Komposterde

Der Grund: Strukturgebende und daher wichtige Zutaten für torffreie Erden wie Abfall-Holz und Rinde landen häufig in Müllverbrennungsanlagen, anstatt sie in Ersatzerden oder Kompost zu verwerten. Ein unhaltbarer Zustand, bedauert die Moorschützerin. Trotzdem müssen wir uns dem Thema stellen, ermutigt sie den Erwerbsgartenbau:
Tatsächlich ist es nicht ganz so einfach mit den Ersatzstoffen. Allerdings ist es ja auch möglich, Grünschnitt und anderen Kompost zu verwenden, um Erde herzustellen. Und ich sehe schon, dass das eine Herausforderung ist, da eben auch zu neuen Techniken zu kommen. Auf der anderen Seite – wenn jemand vor 30, 40, 50 Jahren gesagt hätte, wir können keine Atomkraftwerke haben, wir brauchen eine Energiewende, wir wollen weg von den nicht erneuerbaren Energien – da hätten auch sehr sehr viele Leute gesagt: Das geht gar nicht. Das ist technisch nicht machbar. Und jetzt sind wir mittendrin.

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