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Ganztagsschulen – Der verschenkte Nachmittag?

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AUTOR/IN
Claudia Fuchs
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Marie-Claire Schneider & Ralf Kölbel

Eine gute Ganztagsschule ist Lern- und Lebensort für Kinder und bietet mehr als Basteln und Hausaufgabenhilfe am Nachmittag. Qualifizierte, individuelle Betreuung und Lernangebote sollten die Bildungsgerechtigkeit für Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen verbessern. Doch das gelingt leider erst wenigen Ganztagsschulen.

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Eine Schule zählt als Ganztagsschule, wenn sie an mindestens drei Tagen in der Woche sieben Stunden geöffnet hat, ein Mittagessen anbietet, sowie Betreuungs- und Bildungsangebote vorhält. Die Ganztagesangeboten sollen unter Aufsicht und Verantwortung der Schulleitung organisiert und in enger Kooperation mit dieser durchgeführt werden, schreibt die Kultusministerkonferenz.

Fast 40 Prozent sind Ganztagesschüler

Der flächendeckende Ausbau zu Ganztagsschulen war und ist die größte Reform des Schulwesens in Deutschland in den vergangenen Jahren. Während im Schuljahr 2002/2003 nur knapp zehn Prozent der Kinder eine Ganztagsschule besuchten, blieben im Schuljahr 2015/2016 fast 40 Prozent auch nachmittags. In den Bundesländern werden Ganztagsschulen unterschiedlich definiert, konzipiert und ausgestaltet.

Was bringen Ganztagsschulen?

Die Erwartungen an die Ganztagsschule waren hoch nach dem PISA-Schock von 2000: Förderangebote am Nachmittag sollten zu mehr Chancengleichheit führen und die durchschnittliche Lernleistung der Schüler erhöhen. Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollte ermöglicht werden und für immer mehr Einzelkinder sollte die Ganztagsschule mehr Kontakte zu Gleichaltrigen schaffen.

Keine Verzahnung von Unterricht und Nachmittagsbetreuung

Seit 2005 begleitet StEG, die „Studie zur Entwicklung von Ganztagesschulen“, die bundesweite Einführung dieser Schulform. Sie wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und besteht auf Forschergruppen verschiedener deutscher Universitäten. Das Ergebnis der ersten Erhebungen lautet: In jeder zweiten Ganztagsschule – vor allem an Gymnasien, sind die nachmittäglichen Angebote und der Unterricht nicht explizit verknüpft. Damit wird ein zentrales Qualitätskriterium der Kultusministerkonferenz nur unzulänglich erfüllt.

Mehr Geld und Gestaltungsspielraum gefordert

Mehr als ein Viertel der Schulleitungen gibt an, dass die materiellen und finanziellen Ressourcen ihrem Ganztagsschulkonzept nicht gerecht werden und vierzig Prozent der Schulen berichten von unzulänglicher räumlicher Ausstattung.

Schülerinnen an der Sprossenwand (Foto: IMAGO, Imago/Fotograf XY - imageBROKER / Siegfired Kuttig)
Sport- und Bewegungsangebote für den Nachmittag gibt es an vielen Ganztagesschulen. Imago/Fotograf XY - imageBROKER / Siegfired Kuttig

Längere Öffnungszeiten, bessere pädagogische Konzepte, mehr Gestaltungsspielräume für die Schulleitungen und mehr Geld, das sind die konkreten Forderungen an Politik und Verwaltung, die vier Stiftungen in ihrer gemeinsamen Studie „Mehr Schule wagen“ im Mai 2017 formulierten.

Nachmittagsangeboten mangelt es häufig an Qualität

Bisher kann jeder, der ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegt, an einer Ganztagsschule mitarbeiten. Honorarkräften wird, beispielsweise in Rheinland-Pfalz, zwar eine Qualifizierung beim Sozialpädagogischen Fortbildungszentrum empfohlen – verpflichtend ist diese jedoch nicht. Auch auf externe Kooperationspartnern mit eigenen Trainern oder Betreuern greifen Schulen gerne zurück.

Rolf Richter, Vorsitzender des Ganztagsschulverbands, kennt die Nachmittagsangebote der Schulen zu genüge: „Das ist weit verbreitet, dass Schulen ihre Betreuungsangebote organisieren über Kooperationspartner. Und da kommt alles in Frage, was da kreucht und fleucht. “Ob nun gemeinnützige Organisationen, eine GmbH oder Elterninitiative, viele Gruppen sind vertreten.“ Ein Nachteil dieser Kooperationen sei eben die fehlende Qualifizierung der Mitarbeitenden. Der Ganztagsschulverband drängt deshalb auf die Einführung einheitlicher Standards, damit auch die Nachmittagsbetreuung qualitativ wertvoll für die Kinder wird.

Gemischtes Fazit

In den vergangenen fünfzehn Jahren wurde Deutschland zum Ganztagsland, auch wenn die Zahl der Ganztagsschulen in den Bundesländern deutlich variiert. Während in Rheinland-Pfalz heute rund 80 Prozent der allgemeinbildenden Schulen Ganztagsschulen sind, haben in Baden-Württemberg nur rund 40 Prozent der allgemeinbildenden und privaten Schulen ein Ganztagsangebot.

Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen zieht nach ihrem Start im Jahr ein gemischtes Fazit: Die Teilnahme am Ganztagsunterricht kann die Motivation, das Sozialverhalten und ein positives Selbstbild der Schülerinnen und Schüler fördern. Aber die erwartete Steigerung der individuellen Lernleistung konnten die Forscher nicht feststellen.

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