Schüler sitzen an einem Tisch (Foto: SWR, SWR -)

Ohne Zwang und ohne Noten Was bringt freies Lernen?

SWR2 Wissen. Von Christine Werner

Es gibt keine Noten und keinen festen Stundenplan. Unterrichtsfächer wie Mathe und Deutsch sind "Lernangebote". Die Kinder entscheiden selbst, was sie wann lernen. So läuft der Unterricht an Freien Schulen. Kann so ein Konzept funktionieren?"

Dauer

Das freie, selbstgesteuerte Lernen ist pädagogisches Konzept Freier Schulen. Sie setzen auf die Eigenmotivation der Schüler und wollen sie auf ihrem Weg zu mündigen Bürgern begleiten. Schulabschlüsse können über externe Prüfungen abgelegt werden.

Aber nach welchen Kriterien entscheiden Kinder was sie lernen? Warum entscheiden sich Eltern für diese Schulform? Sind die Kinder fit für unsere Leistungsgesellschaft? Oder brauchen wir mehr denn je Menschen, die nicht mit standardisierten Leistungskriterien aufgewachsen sind?

Die wichtigsten Fakten:

  • Freie Schulen werden nur zu einem Teil vom Staat gefördert, man muss also Schulgeld bezahlen. An manchen Schulen ist das bis zu 300 Euro Schulgeld im Monat.
  • Es gibt keine Lehrer, sondern Lernbegleiter.
  • Es gibt keinen Stundenplan, keine Hausaufgaben und keine Klassenarbeiten. Die Kinder sollen frei und selbstbestimmt lernen können.
  • Klassenräume gibt es nicht. Alle Räume können von den Kindern zum Spielen, Lesen und Lernen genutzt werden.
  • Die Kinder sind nur in Primaria, Sekundaria und Tertia aufgeteilt, lernen altersübergreifend und entscheiden selbst bei wem oder mit wem.
  • In Wochenplänen können die SchülerInnen selbst organisieren, wie sie ihre Zeit in der Schule verbringen. Es gibt auch Angebote und Kurse, für die sie sich frei entscheiden können. Neben Deutsch-, Biologie- und Englisch Kursen gibt es über den Tag verteilt auch Angebote wie Nähen, Tanzen, Kochen, Schach, Fotografieren. Viel wichtiger sind aber die eigenen Projekte der Schülerinnen und Schüler, denn die entstehen aus eigenem Interesse.

Alternative Schulen beziehen sich in ihren Konzepten meist auf den Entwicklungspsychologen Jean Piaget, die Reformpädagogin Maria Montessori und auf Rebeca und Mauricio Wild.

Was Eltern wissen müssen:

  • Eltern müssen lernen, die Unsicherheit auszuhalten. Wie sollen sie einschätzen, was ihre Kinder lernen und wo sie stehen? Es gibt ja keine Noten und Zeugnisse.
  • Eltern müssen sich die nötige Geduld abringen, wen z.B. der Sohn gerade erst mit elf Jahren das Lesen angefangen hat. Die Überzeugung der Schule, dass die Kinder schon etwas lernen werden, muss auch Zuhause verankert sein.

Was bringen Freie Schulen?

Was brauchen Kinder für die Zukunft? Mit welchen Fähigkeiten bestehen sie in der Welt von morgen? Sind Kinder, die an Freien Schulen waren, besser für das Leben gerüstet?

„Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Albert Einstein

  • Lebens-Kompetenzen wie Entscheidungsfähigkeit, Glückserlaubnis, Glücksfähigkeit, Verantwortungs-Fähigkeiten lernt man an Freien Schulen wohl besser als an Regelschulen, sagen Experten.
  • In Studien zeigt sich: In den Abschlussprüfungen der Haupt- und Realschulen schneiden die Schüler der Freien Alternativ-Schulen genauso gut oder schlecht ab wie die der staatlichen Regelschulen. Und auch wenn sie auf ein Gymnasium wechseln, kommen sie gut zurecht.
  • AbsolventInnen von Freien Schulen gelten als kommunikativer, teamfähiger. Sie können mit sich selbst mehr anfangen, vielleicht auch in schwierigen Situationen.

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Peters meint: Wenn das Konzept zur Familie passt und von allen mitgetragen wird, stecken Pluspunkte drin.

Das sieht auch Stefan Schwarzer, Vater zweier Kinder in einer Freien Schule, so: Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass die Kinder lernen authentischer zu sein und lernen stärker zu fühlen oder sich klarzumachen, was will ich eigentlich, und dieser Motivation nachgehen. Und ich glaube gleichzeitig eben auch, dass sie vielleicht nicht so angepasst sind und das glaube ich, wird sie begleiten, später im Leben auch, und deswegen werden sie andere Wege gehen können.

„Der Mensch, wenn er werden soll, was er sein muss, muss als Kind sein, und als Kind tun, was ihn glücklich macht.“
Johann Heinrich Pestalozzi

Die Schülerin Rosa drückt das so aus: Was ich wirklich mitgenommen habe und was mich jetzt einfach sehr gestärkt durchs Leben gehen lässt ist, dass ich so das Gefühl habe sehr, sehr nahe an meiner Wahrheit zu sein, und an meinem Weg, an meinem roten Faden. Also ich wurde davon einfach nicht abgedrängt, nie in meinem Leben, und dieses Gefühl gibt eine unglaubliche innere Stärke einfach.

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