Mit verhüllten Gesichtern sitzen zwei jesidische Frauen bei einem Gespräch in Erbil (Irak) (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Jan Kuhlmann)

SWR2 Wissen | Friedensnobelpreis für die Jesidin Nadia Murad

Rechtlos – Frauen unter dem IS

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Anne Allmeling und Anna Osius
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Rabea Limbach & Ralf Kölbel

Zehntausende Frauen leben unter der Herrschaft der Terrororganisation. Sie drohen versklavt und gefoltert zu werden. Doch einige haben sich entschlossen, zu kämpfen. Für ihre Aktivitäten gegen sexuelle Gewalt wurde die Jesidin Nadia Murad jetzt mit dem Friedensnobelpreis 2018 ausgezeichnet. Weiterer Preisträger ist Denis Mukwege, der sich für die Rechte von Frauen im Kongo einsetzt.

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Verhaftet, gefoltert, verkauft: Frauen in Mossul

Immer noch leben zehntausende Menschen unter der Herrschaft des IS. Besonders dramatisch ist die Lage der Jesidinnen. Schätzungen zufolge befinden sich allein in der nordirakischen Stadt Mossul mehrere Tausend Frauen und Mädchen in der Gewalt der Dschihadisten. Sie werden gefangen gehalten, gequält und missbraucht, denn sie gehören einer religiösen Minderheit an, die der IS als "Ungläubige" bezeichnet. Das Siedlungsgebiet der Jesiden in der Provinz Ninive im Norden des Irak wurde Anfang August 2014 von den Extremisten überrannt. Bei Temperaturen von über 40 Grad flohen die Einwohner Dutzender Dörfer in das Sindschar-Gebirge, viele von ihnen starben. Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, erlebte schreckliches: Tausende Männer wurden vom IS umgebracht, die Frauen vergewaltigt und verkauft - wie auf einem Sklavenmarkt.

Wie viele Jesidinnen sich heute noch in Mossul befinden, weiß keiner genau. Der kurdischen Regionalregierung ist es in den vergangenen zweieinhalb Jahren gelungen, mehr als 2000 Frauen und Mädchen mit Hilfe von Mittelsmännern freizukaufen und aus dem Einflussgebiet des IS herauszuschmuggeln. Ein gefährliches Unterfangen - nicht immer schaffen es die Helfer mit den Frauen unversehrt durch das Kriegsgebiet.

Leben auf und nach der Flucht

Haben es Frauen geschafft vor dem IS zu fliehen, so stehen sie vor dem Scherbenhaufen ihrer Existenz. In den Flüchtlingslagern leben sie meist in bitterer Armut. Manche prostituieren sich, um ihre Lebensmittelversorgung zu verbessern. Junge Mädchen werden häufig gegen Geld zwangsverheiratet.

Die Frauen sind tief traumatisiert von ihren Erlebnissen und brauchen psychologische und materielle Hilfe. Man muss sich vorstellen, gerade im Nordirak, aber auch in vielen anderen Ländern, dass Frauen, die vergewaltigt wurden, eine ganz extreme Überschreitung all ihrer Grenzen erlebt haben, schildert Sybille Fezer von "Medica Mondial". Ein Kontrollverlust, der alles zerstört, dass den Frauen zuvor Orientierung gegeben hat.

Alleinstehende, geschändete Frauen finden in den traditionell strukturierten Gemeinschaften zudem keine Perspektive zum Aufbau eines neuen Lebens. Waren sie bereits verheiratet, finden sie keinen neuen Mann mehr. Dass sie allein leben ist gesellschaftlich nicht vorgesehen, sie geraten schnell in einen zwielichtigen Ruf. Aus diesem Grund richten sich die Hoffnungen vieler junger Frauen auf eine Flucht ins Ausland, nach Europa.

Kämpfen für ein Leben in Frieden und Würde

Es gibt Frauen, die beschlossen haben, nicht nur Opfer zu sein - sich keine Angst einjagen zu lassen. In den Kurdengebieten im Nordirak und im benachbarten Syrien gibt es mehrere Einheiten, die aus Frauen bestehen - unverschleierte, militärisch ausgebildete junge Frauen mit schweren Geschützen. Darunter Kurdinnen, die ihr eigenes Volk verteidigen wollen, aber auch Syrerinnen und Irakerinnen. Manche von ihnen haben den Terror des IS hautnah erlebt, waren selbst in Gefangenschaft. Sie sind militärisch gut ausgebildet, kennen das Gelände oft gut und kämpfen - häufig sehr erfolgreich - an der Front. Ihr Schlachtruf: Frauen, Freiheit, Leben!

Die Motive der Frauen sind dabei unterschiedlicher Natur. Unter ihnen sind kurdische Patriotinnen, die ihr Volk vor den herannahenden Terroristen schützen wollen. Aber ganz zentral ist für fast alle auch das Gefühl, sich und andere Frauen vor den Übergriffen der Dschihadisten zu schützen. Und viele Frauen denken noch weiter: Sie wünschen sich ein gleichberechtigtes, selbstbestimmtes Leben in ihrer Heimat. In ihrem Kampf sehen sie einen ersten Schritt, der Gesellschaft zu zeigen, dass Frauen in der Lage sind, alles zu tun, was Männer auch tun. Damit laufen sie Sturm gegen die vom Islamischen Staat propagierte Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern, in der die Frau als minderwertig herabgewürdigt wird, aber auch gegen die in der restlichen Gesellschaft tradierten, traditionellen Familienbilder.

Eines haben sie alle gemeinsam: Die Frauen im Flüchtlingslager, die Jesidinnen in Mossul, die kurdischen Kämpferinnen an der Front. Sie hoffen auf ein Leben ohne den IS, ohne eine Terrororganisation, die den Frauen ihre Rechte nimmt, sie unterdrückt und quält. Das Leben unter den widrigsten Umständen hat sie stark gemacht - stark, dem Terror entgegenzutreten, weiterzumachen, zu überleben. Aber sicher ist: Wer den Terror erlebt, wird ihn nie wieder vergessen.

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