Bitte warten...

Amazonen, Kriegerinnen, Soldatinnen Frauen an der Waffe

Jeanne d’Arc ist – vielleicht – die berühmteste Kriegerin der Geschichte: doch sie ist nicht die einzige. Bei weitem nicht. Immer schon und immer wieder sind Frauen in den Krieg gezogen: offen an der Seite ihrer Brüder, ihrer Männer, ihrer Stammesgenossen; oder heimlich, als Männer verkleidet.

Lara

Angelina Jolie als die moderne Amazone Lara Croft

Die Skythen, ein Reiterkriegervolk aus der eurasischen Steppe, bildeten vermutlich das Vorbild für die legendären Amazonen: ein Volk kriegerischer Frauen, von dem auch die alten Griechen erzählten. Schon in der "Ilias", Homers Epos aus dem ausgehenden 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, kommen sie vor. Für die Griechen waren die Geschichten über Amazonen ein Horrorszenario. Aber nur so konnten sich die fast durchweg männlichen Philosophen und Gelehrten der Antike Berichte von Reisenden erklären, die an den Ufern des Schwarzen Meeres berittenen, bewaffneten Frauen begegnet waren: eben Angehörigen der skythischen Reiternomaden.

Kampf

Kampf der Amazonen gegen die Athener

In der griechischen und römischen Antike war das Denken streng dualistisch: Männer und Frauen agierten in unterschiedlichen Sphären: der Mann auf dem Feld, im Krieg und in der Politik; die Frau im Haus. Ein Miteinander von Kriegern und Kriegerinnen, eine Art Gleichberechtigung, wie sie wohl tatsächlich bei den skythischen Reiterkriegern bestanden hat, war für griechische Männer nur als Umkehrung der bestehenden Verhältnisse vorstellbar.

Emanzipierte Frauen galten als Mischwesen

Skythen

Skythen-Goldschmuck aus Südsibirien

Lange Zeit wurden die Amazonen für bloße Erfindung gehalten: für Verwandte der Seemonster und Kentauern – Mischwesen, halb Pferd, halb Mensch – die ebenfalls die griechischen Erzählungen bevölkern. Doch seit der Mitte des 19. Jahrhunderts stoßen Archäologinnen und Archäologen in der südrussischen und ukrainischen Steppe bei Ausgrabungen immer wieder auf antike Frauengräber, in denen sich nicht nur "typisch weibliche" Grabbeigaben wie Spindeln, Schmuck und Kosmetiküberreste finden, sondern auch Lanzen- und Pfeilspitzen.

Beleuchtete Skulptur einer sitzenden Frau mit Schwert

Ein leuchtendes Beispiel: Die älteste Kriegerin der Welt

Fast jedes dritte skythische Frauengrab enthält solche typischen Mischbeigaben: Waffen, Schmuck und Schminkzeug. Man hat inzwischen weit über hundert solcher Gräber identifiziert; das älteste ist über dreitausend Jahre alt. Doch man muss nicht bis in die südrussische Steppe gehen, um frühgeschichtliche Kriegerinnen zu finden. Die gab es auch anderswo: zum Beispiel am Ostrand der Schwäbischen Alb.

Schminke und Schwerter

Mumie

Die sehr gut erhaltene Mumie eines Skythenkriegers in Hamburg

Vorzeitliche Gräber haben keinen Grabstein. Man hat ein Skelett, das mehr oder weniger unbeschadet die Jahrhunderte überdauert hat, und ein paar Grabbeigaben. Namen und Identität der Bestatteten sind fast immer unbekannt, ebenso ihr Geschlecht - es sei denn, man kann aus körperlichen Merkmalen oder aber den Beigaben Rückschlüsse ziehen. Bis noch vor sehr kurzer Zeit - zum Teil bis heute - gingen Archäologinnen und Archäologen dabei denkbar einfach vor: Man übertrug die klassische Geschlechterrollen-verteilung eins zu eins auf die Vergangenheit.

Wurden bei einem Skelett Waffen gefunden - Pfeilspitzen, Speer, Schwert - deklarierte man es als männlich. Skelette mit Schmuck oder Haushaltsgegenständen wurden als weiblich identifiziert; ohne Rücksicht darauf, dass andere - auch vergangene - Kulturen andere Geschlechterrollen gekannt haben können; ohne Rücksicht auch auf individuelle Einzelfälle, Ausnahmen oder Grenzgänger.

Skelette ohne Geschlecht

Der Krieger von Niederstotzigen wurde erst durch eine DNA-Analyse als Kriegerin identifiziert. Bei einem zweiten, nicht vollständig erhaltenen Niederstotzinger Skelett handelt es sich vermutlich ebenfalls um eine Frau, wie eine anthropologische Untersuchung festgestellt hat. Es ist gut möglich und sogar wahrscheinlich, dass diese beiden merowingischen Kriegerinnen keine Einzelfälle sind.

Denn aus derselben geschichtlichen Epoche sind im Baltikum, in England und in Skandinavien Frauengräber mit Waffenbeigaben bekannt. Auch Schriftzeugnisse über mittelalterliche Kriegerinnen existieren. Im Hochmittelalter, etwa ab dem Jahr 1200, wurden jedoch verstärkt Normen in den europäischen Gesellschaften festgelegt und festgeschrieben, darunter auch Geschlechterrollen. Männern und Frauen wurden eigene und durchaus gegensätzliche Eigenschaften zugeschrieben.

Mild oder wild?

amaz

Nachstellung der "Schlacht von Suentana" zwischen Sachsen und Slawen im Jahr 798

Bis ins ausgehende Mittelalter hinein war es zumindest adeligen Frauen möglich, offen in die Schlacht zu ziehen, auch wenn sie immer als Ausnahmen galten. Kriegsdienst und Weiblichkeit schlossen einander im Denken der Zeitgenossen nicht zwangsläufig aus. Doch ab dem 13. Jahrhundert entwickelten sich neue und strengere Geschlechternormen.

Dass Frauen und Männer ein jeweils eigenes, geschlechtsspezifisches Wesen besäßen, wurde als Teil der göttlichen Ordnung verstanden und machte es Männern wie Frauen immer schwieriger aus den ihnen verordneten Geschlechter-Rollen auszubrechen.

Der Unteroffizier Eleonore

Die Freiheitskämpferin Eleonore Prochaska (Illustration)

Die Freiheitskämpferin Eleonore Prochaska (Illustration)

Wollten Frauen dennoch in den Krieg ziehen, so mussten sie sich tarnen: als Männer. Immer wieder gibt es Berichte über Kämpfer oder Soldaten, die sich auf der Kranken- oder der Totenbahre als Frauen entpuppten. Eine der Bekanntesten ist Eleonore Prochaska, die unter dem Namen August Renz im preußischen Heer kämpfte und im Herbst 1813 bei einem Gefecht verwundet wurde und einige Wochen später ihren Verletzungen erlag. Dramen und Gedichte wurden über sie verfasst.

Ludwig von Beethoven vertonte ein – heute verschollenes – Schauspiel. Wie viele Frauen in Männerkleidung zwischen 1813 und 1815 in den Anti-Napoleonischen Befreiungskriegen kämpften, wissen wir nicht. Namentlich sind dreiundzwanzig bekannt; die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein. Eine von ihnen erkämpfte sich sogar das Eiserne Kreuz: Der Unteroffizier Friederike Krüger, eine 23-Jährige mecklenburgische Bauerntochter, die als Mann getarnt eintrat in das preußische Infrantrieregiment Kollberg, erhielt die Auszeichnung.

Der Hauptbootsmann Alexandra

In der Bundesrepublik Deutschland verbot das Grundgesetz bis 1975 grundsätzlich Frauen den Einsatz an der Waffe. 1989 wurden die Bereiche Musik und Sanitätsdienst für Frauen geöffnet. Kampffunktionen blieben weiterhin ausschließlich Männern vorbehalten. In dieser Zeit kam Alexandra Klein zur Bundeswehr, als Sanitäterin. Heute trägt sie den Rang eines Hauptbootsmanns und ist als Gleichstellungsbeauftragte am Zentrum Innere Führung der Bundeswehr tätig.

Tanja Kreil klagte für das Recht der Frauen

Tanja Kreil klagte für das Recht der Frauen

Und heute ist die letzte gesetzliche Hürde gefallen: Frauen in Kampffunktionen. In Norwegen schon seit 1985, 2015 soll hier auch die allgemeine Wehrpflicht für Frauen eingeführt werden. In Deutschland sorgte die junge Elektronikerin Tanja Kreil dafür, dass Frauen inzwischen an der Waffe Dienst tun dürfen. Drei Jahre lang zog sie vor Gericht, bis der Europäische Gerichtshof schließlich am 11. Januar 2000 auch die Bundeswehr dazu verpflichtete, alle Posten für Frauen zugänglich zu machen – inklusive Fronteinsatz.

Mentale Kraft und Muskeln

Heute tun rund 18.000 Soldatinnen in der Bundeswehr Dienst – knapp 10 Prozent der Gesamttruppe. Die Anforderungen sind dabei an Männer und Frauen gleich, erklärt Hauptbootsmann Alexandra Klein. Darüber hinaus erklärt sie, es sei zwar naturgegeben, dass der Mann mehr Muskelmasse hat und in der Regel etwas mehr an Kraft, dies würde sich jedoch mit den oftmals stärkeren mentalen Gegebenheiten von den Frauen sehr gut ergänzen. In ihrer jahrelangen Arbeit hat sich gezeigt, dass Frauen mental länger durchhaltefähig sind, besser abschalten können und sehr stringent ihr Ziel verfolgen.

Allein die Tatsache, dass nun potentiell jeder Posten im Militär für Frauen offen steht, und dass weibliche Soldaten und Offiziere im Gefecht ihre Frau stehen, erhitzt noch immer manche Gemüter. Gegner des Fronteinsatzes von Frauen argumentieren, dass Frauen von Natur aus weniger zur Aggression und mehr zur Empathie und zum Mitgefühl neigen. Allerdings haben wissenschaftliche Studien gezeigt, dass anlagebedingte – charakterliche wie körperliche – Unterschiede zwischen Männern und Frauen weit geringer sind als landläufig angenommen.

Kein Mitgefühl für Unverständnis

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Gespräch

Frauen und Militär - heute Normalität

Frauen erstürmen weiterhin Bastionen, die einst nur Männern offenstanden. In Deutschland wurde 2013 Ursula von der Leyen die erste Verteidigungsministerin. Revolutionär war das nicht. Zuvor schon hatten allein in Europa unter anderem Finnland, Frankreich, Spanien, die Niederlande und Schweden Frauen an die Spitze ihrer Verteidigungsministerien gesetzt. Frauen an der Waffe; Frauen, die das Kommando über Streitkräfte führen: das ist nichts Neues, sondern einfach eine Normalisierung. Denn Kriegerinnen, Soldatinnen und Generalinnen hat es immer schon gegeben.

Weitere Themen in SWR2