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Politiker und Gesundheitsexperten in Frankreich fordern eine gemeinsame deutsch-französische Corona-Strategie, denn gerade in den Grenzregionen herrschen Chaos und Unübersichtlichkeit.

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Tausende Pendler: alle 48 Stunden Schnelltest vor Einreise nach Deutschland

Es musste wohl einfach mal raus: Alle Nachbarländer Deutschlands zittern vor der Einstufung des Robert-Koch-Instituts, schreibt der französische Parlamentarier Christophe Arend in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Le Monde. Arend spricht aus leidvoller Erfahrung. Der Co-Vorsitzende der deutsch-französischen Parlamentarier-Versammlung ist auch Abgeordneter des an Deutschland angrenzenden Départements Moselle, seit Wochen vom RKI als Virusvarianten-Gebiet ausgewiesen. Erhebliche Probleme in der Grenzregion sind die Folge. Tausende Pendler müssen alle 48 Stunden einen Schnelltest machen, um nach Deutschland einreisen zu dürfen:

„Wenn man vor zwei, drei Wochen sagte, dass es in der Moselle 70 Prozent südafrikanische Variante gab, will das auch heißen, dass alle PCR-Tests, die positiv waren, sequenziert wurden. In Deutschland ist das auf Bundesebene bei zehn Prozent. Konkret hat man den Eindruck, dass das RKI die deutschen Messungen nimmt und sie auf Frankreich überträgt, obwohl man in Frankreich anders misst.“ (Christophe Arend)

Frankreich: Einreisende aus Schengenland brauchen negativen PCR-Test

Die Maßstäbe des RKI als Maß aller Dinge. Arend sieht die deutschen Einteilung von Ländern in Risiko-, Hochinzidenz- und Virusvarianten-Gebiete kritisch. Ständig ändern sich die Einreiseregeln. Frankreich ist da klarer. Seit Monaten gilt: Wer aus einem Schengenland nach Frankreich will, braucht einen negativen PCR-Test. Der darf nicht älter als 72 Stunden sein. Einstufungen anderer Länder aufgrund von Inzidenzen gibt es in Frankreich nicht.

„[Für] die Inzidenzen nimmt Frankreich alle PCR-Positivtests und alle Antigen-Positivtests. Deutschland zählt heute nur die PCR-Tests. Und da die PCR-Tests in Deutschland teuer sind, machen die Leute eher Antigen-Tests. In Frankreich sind die PCR-Tests und Antigen-Tests kostenlos, und dadurch testen sich die Franzosen massiv.“ (Christophe Arend)

Unterschiedliche Zählweisen in Frankreich und Deutschland

Mehr als 3 Millionen PCR- und Schnelltests wurden in Frankreich in der vergangenen Woche durchgeführt und für die Berechnung des Inzidenzwertes genutzt. In Deutschland liegt die Zahl mit etwas mehr als einer Million Tests deutlich niedriger. Der Vergleich der gezählten Neuinfektionen und Inzidenzwerte hinkt also gewaltig.

Fakt ist aber auch, dass die Corona-Lage in Frankreich alles andere als rosig ist. Das Virus zirkuliert noch sehr stark, die Inzidenz in unserem Land ist auch weiter sehr hoch. Mehr als 400 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, erklärte Regierungssprecher Gabriel Attal nach der wöchentlichen Kabinetts- und Krisenstabsitzung. Nicht umsonst hatte Frankreichs Präsident Macron kurz vor Ostern dann doch härtere Maßnahmen für das ganze Land beschlossen. Unter anderem alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte sind geschlossen. Die Menschen dürfen sich tagsüber nur in einem Umkreis von zehn Kilometern um ihre Wohnung bewegen. Beschränkungen, die in besonders betroffenen Regionen Frankreichs schon länger gelten.

Harte Beschränkungen in Frankreich zeigen Wirkung

„Wir haben erste positive Anzeichen in den 16 Departements, in denen die harten Beschränkungen schon seit dem 20. März gelten. Die Maßnahmen scheinen zu wirken.“ (Gabriel Attal, Regierungssprecher)

Unter anderem in Paris sinkt der Inzidenzwert. Karsamstag lag er noch bei über 620, Ende der Woche weiter darunter, bei 523. Mindestens vier Wochen sollen die landesweiten Beschränkungen andauern.

Begleitet von einer großen Impfkampagne, die neben Hausärzten und Apothekern nun Zahnärzte und sogar auch Tierärzte mit einbindet, hofft Frankreichs Regierung, Mitte Mai endlich lockern zu können. Noch sechs harte Wochen vor allem für die französische Gastronomie und Kulturszene. Denn anders als in Deutschland gibt es in Frankreich keine Modellprojekte.

„Wenn wir jetzt über das Saarland zum Beispiel reden, wo wir jetzt hier angrenzen, ist es sehr kompliziert, dass man dort lockert und dass man hier in Frankreich den Lockdown verschärft hat.“ (Christophe Arend)

… stellt Christophe Arend fest. In seinem Verständnis ist die Grenzregion ein gemeinsamer Lebensraum, in dem alle Einwohner – egal ob Franzosen oder Deutsche – dieselben Rechte haben sollten.

Wille zur deutsch-französischen Zusammenarbeit ist schnell verpufft

Seit Beginn der Pandemie ist das nicht mehr so. Dafür seien beide Regierungen gleichermaßen verantwortlich, sagt Arend. Akut prallen Deutschlands und Frankreichs Corona-Strategien in den Grenzregionen aufeinander. Die Folgen aber seien weitreichender.

„Was ich auch sage, ist, dass wir da mit der Idee Europas spielen. Frankreich und Deutschland sollten beispielhaft sein in Sachen Zusammenarbeit.“ (Christophe Arend)

Die hatten Frankreichs Präsident Macron und Kanzlerin Merkel im Sommer 2020 gemeinsam angekündigt. Mehr als ein Jahr nach Beginn der Pandemie aber sind die guten Vorsätze völlig verpufft.

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