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Der Dokumentarfilmer Andreas Pichler hat 2017 in seinem Film „Das System Milch“ einen entlarvenden Blick hinter die Kulissen der Milchindustrie geworfen.
In seiner neuen Doku „Alkohol – Der globale Rausch“ untersucht er die Hintergründe eines Industriezweiges, der einen Milliarden-Umsatz zu verzeichnen hat. Ab 9. Januar 2020 im Kino. Das Erste zeigt den Film am 4. Januar 2021. Bis 4. April 2021 ist der Film in der ARD Mediathek abrufbar.

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Alkohol: Genussmittel oder Droge?

Andreas Pichlers Film geht dieser Frage in zahlreichen Aspekten nach. Der Dokumentarfilmer untersucht die Marketingstrategien der großen Konzerne auf ihren neu-en Absatzmärkten China, Indien und Afrika und beleuchtet den Versuch – wie in Island – den Konsum schon bei den Kindern und Jugendlichen einzudämmen.

David Nutt, britischer Neuropharmakologe, untersuchte in einer Studie die Schäden, die durch Drogen – inklusive Alkohol – an der Gesellschaft angerichtet werden:

Alkohol war die gefährlichste Droge in England. Viele Leute meinten, das sei totaler Quatsch. Also haben wir es größer aufgezogen. 30 Experten, 20 europäische Länder. Alles noch einmal. Es kam dasselbe Ergebnis heraus. Europaweit ist Alkohol die gefährlichste Droge.

David Nutt, Neuropharmakologe

David Nutt nennt im Film die verursachten Schäden beim Namen:

  • Verkehrsunfälle
  • häusliche Gewalt
  • Kindesmissbrauch
  • gewaltige Kosten für Gesundheitssystem und Polizeiwesen

Alkoholindustrie hat vom Image-Desaster der Tabakindustrie gelernt

Als Nutt, damals Berater der englischen Regierung, vorschlug, die Drogenpolitik in erster Linie auf Alkohol zu konzentrieren, war die Regierung „not amused“. Hinter den Kulissen betreibt die Alkoholindustrie einen effektiven Job. Der Wissenschaftler bescheinigt dieser Industrie, aus dem Image-Desaster der Tabakindustrie vor Jahren gelernt zu haben.

Wie viele Menschen denken: Du meine Güte, ich verliere die Kontrolle, ich muss aufhören! – An diesem Punkt sind sie längst betrunken. Die Industrie ist da sehr clever und leugnet die Schäden nicht. Sie sagen, damit musst du selber klarkommen. Du bist selbst Schuld, wenn du unverantwortlich trinkst.

David Nutt, Neuropharmakologe

Absatzstarke Märkte in Afrika, China und Indien

Pichler dokumentiert Präventiv-Projekte mit Jugendlichen in den USA und in Island. Aber der Dokumentarfilmer lässt auch die andere Seite zu Wort kommen, Vertreter der Alkoholindustrie, die zurzeit absatzstarke Märkte in Afrika, China oder Indien mit teilweise aggressiven Werbekampagnen erobern.

Allein der Weinsektor ist ein gewaltiger Agrarmarkt. Im Jahr 2017 wurde Wein im Wert von 11,3 Milliarden Euro exportiert. 3 Millionen Menschen arbeiten allein in der Weinproduktion, die damit eine der wichtigsten Säulen der europäischen Agrarwirtschaft darstellt.

Der Filmemacher interviewt in seinem Film Trinker, Psychologen und Ärzte rund um die Welt. Dabei lotet sein Film beide Seiten aus.

3 Millionen Tote jährlich aufgrund von Alkohol

Also, was denn nun? Genussmittel oder Droge? Drei Millionen Tote aufgrund von Alkohol jährlich sprechen am Ende des Films – die Zahl erscheint auf einer Schrifttafel – eine klare Sprache und lassen es in diesem Zusammenhang relativ absurd wirken, dass der Begriff „Droge“ nur für illegale Rauschmittel verwendet wird. Denn dort sind die Todesraten weitaus geringer.

Kein moralischer Zeigefinger

Trotzdem, und das ist die Qualität des Films: Andreas Pichler erhebt in seinem Film keinen moralischen Zeigefinger, denunziert auch nicht die Sehnsucht des Menschen nach einem Rausch. Wir hören beispielsweise Harvey Milkman, den Kognitionspsychologen, mit seiner Beschreibung einer tiefen Leidenschaft des Menschen:

In jeder Kultur auf der Erde scheint man einen Weg zur Bewusstseinsveränderung zu kennen. Und wenn nicht durch Drogen, dann durch Atmung oder Bewegung. Das alles mag mit er Einsicht zusammenhängen, dass unser Leben endlich ist, und wir uns, bevor wir sterben, nach einer anderen Dimension der Erfahrung sehnen.

Harvey Milkman, Kognitionspsychologe

Klug und sachlich inszenierter Film

Andreas Pichler sagt, er selber trinke gerne, aber er habe bei einigen Selbstversuchen auch gemerkt, wie schwer es für ihn sei, auf Alkohol gänzlich zu verzichten.

Es liegt vielleicht nahe, nach der Sichtung dieses nüchtern, klug und sachlich inszenierten Films mal den Selbstversuch zu machen. Sozusagen Aufklärung am eigenen Leib zu betreiben.

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