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Beliebt sind Feuchttücher auch zum Reinigen des Bades oder von Toiletten.

Alarm im Pumpwerk Feuchttücher verstopfen Kanalisation

Fürs Baby, das Gesicht oder für die Badreinigung: Für jede Situation gibt es Feucht- und Reinigungstücher. Da sie so praktisch sind, verdrängen sie in immer mehr deutschen Haushalten den Waschlappen und das Putztuch. Zu einem Problem werden sie allerdings, wenn man sie nach der Benutzung in die Toilette wirft.

Dass Feuchttücher eigentlich in den Müll gehören, wissen viele Menschen nicht. Feuchttücher lösen sich nämlich nicht wie Toilettenpapier auf, sondern blockieren die Kanalisation. Überall in Deutschland rücken die Entstörungsteams der örtlichen Wasserbetriebe mittlerweile mehrmals täglich aus, um Abwasserpumpen von Verstopfungen zu befreien. Dicke oft meterlange Stränge aus reißfesten Vliestüchern müssen dann aus den Rohren gezogen werden. Das stellt die Wasserwerke vor neue Herausforderungen.

Kanal verstopft

Der Entstörungsdienst der Berliner Wasserbetriebe ist unterwegs, um in einem Pumpwerk eine verstopfte Abwasserpumpe von Abfall zu befreien, von Dingen, die in der Toilette landen, obwohl sie dort nicht hingehören: Windeln, Lappen, Kondome und neuerdings immer öfter Feuchttücher. Ihr steigender Verbrauch bereitet Abwasserbetrieben in ganz Deutschland zunehmend Kopfschmerzen. Denn entgegen der gängigen Annahme zersetzen sich die reißfesten Tücher aus Vlies nicht wie Toilettenpapier, sondern lagern sich in der Kanalisation ab oder blockieren auf dem Weg zum Klärwerk Pumpen.

Foto: Daniel Naupold/dpa

Immer mehr Feuchttücher landen nach dem Gebrauch in der Toilette statt in der Abfalltonne und legen so manchen Abwasserkanal lahm.

Mit vollem Körpereinsatz ziehen die Mitarbeiter des Entstörungsteams einen zwei Meter langen, stinkenden Ballen heraus, dick wie ein Oberschenkel. "Lumpenzöpfe" nennen die Wasserwerker solche Gebilde, zu denen sich die Feuchttücher mit anderem Abfall in der Kanalisation verzwirbeln.

Und diese Zöpfe, die können so mächtig sein, dass sie unsere Pumpen, die eigentlich so stark sind wie ein Formel Eins Auto, regelrecht abwürgen.

sagt der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe Stephan Natz.

Und das hat dann zur Folge, dass ein Pumpwerk steht oder einzelne große Pumpen ausfallen und da ist dann immer für uns Gefahr im Verzug. Weil, wenn eine Pumpe ausfällt, wirkt ein Pumpwerk wie eine Staumauer, das bedeutet, das Abwasser staut in den Kanälen zurück und kann, wenn es ganz blöd läuft, in irgendwelche Keller auslaufen oder auf der Straße stehenbleiben.

Acht mal täglich müssen die Entstörungsteams in Berlin ausrücken. Mit dem jährlich steigenden Verbrauch von Feucht- und Reinigungstüchern könnte auch diese Zahl bald steigen.

Benutzte Feuchttücher gehören in den Müll

Norman Forin klaubt ein Tuch aus dem Abfall heraus. Es hat den Weg durch die Kanalisation unbeschadet überstanden. Denn nicht nur bei der Reinigung sind sie reißfest und robust sondern auch noch im Abwasser. Dass sie deshalb in den Mülleiner gehören, wissen viele Menschen nicht.

Herstellung von Feuchttüchern

Die Produktion von Hygiene-Feuchttüchern ist auch für die Hersteller in der Regel ein gutes Geschäft.

Phillip Held von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, die sich viel mit der Abwasserproblematik beschäftigt, erklärt warum:

Das ist einfach die Erfahrung, die man als Verbraucher macht mit normalem Klopapier, mit Taschentüchern, das sind alles Papiere, die sich im Wasser sehr gut auflösen und von außen sehe ich das auch den Feuchttüchern, die sehr robust gebaut sind, überhaupt nicht an, dass sie sich nicht im Klo auflösen und dann unter Umständen die Leitung verstopfen können.

Denn dann kann es auch für die Verbraucher teuer werden, die Feuchttücher im WC zu entsorgen.

Hier hat eine blaue Unterhose ein Pumpwerk lahmgelegt

Hier hat eine blaue Unterhose ein Pumpwerk lahmgelegt

Wenn ich jetzt ältere Leitungen im Haus habe, wo die ganzen Abwässer durchgehen, dann hängen sich solche Tücher ganz gern an schon festgebackene Verunreinigungen an. Und wenn ich dann noch aus Unachtsamkeit irgendwie heißes Frittierfett da entsorge, das dann im Rohr runterkühlt und mit so einem Tuch verbappt, dann habe ich da einen prima Pfropfen drin, den ich für viel Geld von einem Rohrreinigungsunternehmen entfernen lassen muss.

Warnhinweise für Feuchttücher?

Einige Hersteller behaupten auf ihren Verpackungen sogar, dass man die Tücher problemlos ins WC werfen kann. Das findet Stephan Natz von den Berliner Wasserbetrieben nicht akzeptabel. Deshalb klären die Wasserbetriebe nicht nur ihre Kunden auf, sondern sprechen über den Abwasser-Bundesverband auch mit den Herstellern.

Kind mit Windeln liegt auf Wickeltisch

Feuchttücher gehören wie auch Windeln in den Restmüll

Wir reden mit denen darüber, erstens, dass sie ihre Packungen vernünftig beschriften, dass völlig klar ist, dass die Dinger in den Müll gehören und nicht ins Klo. Wir reden aber auch mit denen darüber, dass man die Tücher nach Möglichkeit so wirkt, dass sie sich nach Möglichkeit zersetzen, dass sie kleiner sind oder ähnliches, dass wir da zu vernünftigen Standards kommen.


Er könne sich zum Beispiel ein Piktogramm vorstellen, das klar anzeigt, welches Produkt in den Mülleimer gehört, so Natz.

Keine Warnhinweise auf Feuchttücher-Verpackungen

Hinweise zur richtigen Entsorgung der Feuchttücher findet man auf den meisten Verpackungen bisher vergeblich.

Neuentwicklung: Pumpen mit Zerkleinerer

Außerdem forschen die Wasserbetriebe mit Wissenschaftlern der Technischen Universität Berlin auch nach anderen Lösungen. In einem Modellpumpwerk haben sie zum Beispiel die Strömungen so optimiert, dass die Tücher sich erst gar nicht ineinander verdrehen und auch schon eine Pumpe entwickelt, die das Verstopfungsmaterial durch Sensoren erkennt, erzählt Natz:

Dann fängt die Pumpe selbstständig an zu reagieren, also sie stoppt dann plötzlich oder geht in so eine Art Stottermodus oder dreht rückwärts, um diesen sich bildenden Zopf wieder abzuschütteln. Oder die Pumpe kriegt, bevor sie denn wirklich pumpt, im Zulauf eine Art Schneidrad, das muss man sich vorstellen wie eine Küchenmaschine, so eine Art Zerkleinerer, der dann auch nochmal den Abwasserstrom klein häckselt, so dass eben nichts passieren kann.

Bis diese Dinge aber breitflächig einsetzbar sind, wird es noch dauern. Vorerst kosten die Verstopfungen die Abwasserbetriebe viel Geld. Eine Million Euro sind es allein in Berlin, Tendenz steigend.

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