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Fußball-WM 2018 Die Psychologie des Fangesangs

Fangesänge und -Hymnen gehören zu den festen Ritualen im Sport. Forscher haben sie unter die Lupe genommen: Welche Melodien und Rhythmen sind Fangesang-tauglich? Sind solche Hymnen wirklich eine Unterstützung für die eigene Mannschaft?

Trommeln, Klatschen, Pfeifen, Singen – bei Sportveranstaltungen wird nicht nur auf dem Platz etwas geboten. Die Musik spielt vielmehr auf den Rängen: Lautstarkes Anfeuern und Singen der Zuschauer ist heute beim Handball, Eishockey oder Fußball ein festes Ritual.

Der Sportpsychologe Prof. Bernd Strauß geht davon aus, dass es so etwas Ähnliches schon in der Antike gegeben hat. Und vor allem in den 1960er Jahren sind in England Hymnen vor und nach dem Spiel gesungen worden. Auch in Südamerika gab es früher bereits rhythmische Kundgebungen zu Spielen.

EM 2016: Deutschland-Polen

Die Konzerthalle für Fans: Bei Spielbeginn, Toren, und wenn das Ergebnis feststeht, erklingen ganz bestimmte Lieder

Rufen, Klatschen, Singen - die Dramaturgie des Fangesangs

Georg Brunner ist Leiter des Instituts für Musik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und blickt seit Jahren mit wissenschaftlichem Interesse auf das Phänomen Fangesang. In der Forschung dazu hat man bereits einiges herausgefunden: Und zwar man geht davon aus, dass ganz unten Primärreaktionen stehen. Das sind Rufe, das Klatschen natürlich. Dann kommt rhythmisches Klatschen, dann Kurzgesänge. Und dann, ganz oben, stehen die Lieder.

100 bis 200 musikalische Aktivitäten – vom Klatschen bis zum Gesang – zeigen Fans bei einem durchschnittlichen Spiel im Stadion. In einer Studie haben Wissenschaftler untersucht, mit welchen Mitteln die Zuschauer zu unterschiedlichen Phasen des Spielverlaufs anfeuern.

Isländische Fußballfans feiern in Reykjavik

Die Fans dieser kleinen Insel wird man nie vergessen, wegen ihres einzigartigen Schlachtrufes - den nun auch andere Fans übernommen haben

Bei Spielbeginn, Toren, und wenn das Ergebnis feststeht, erklingen ganz bestimmte Lieder. Wenn es unentschieden ist oder ein knapper Rückstand für die Mannschaft besteht, kommt es bei den Fans eher zu Klatschrhythmen und Kurzgesängen.

Ohrwürmer fürs Stadion

Musikalisch dominieren bei den Fangesängen Oldies und Evergreens: Melodien, die jeder im Stadion kennt. Oftmals verwenden Fangemeinden unterschiedlicher Teams auch dieselben Lieder – nur mit anderem Text.

Auf den Beatles-Song "Yellow Submarine" etwa singen Fans weltweit nicht nur "Zieht den Bayern die Lederhosen aus". Und der Refrain des kubanischen Liedes "Guantanamera" wird wahlweise durch Rufe wie "Ruhrpottkanacken" oder "Auswechselspieler" ersetzt. Dabei handelt es sich immer um Melodien, die rhythmisch oder melodisch sehr einprägsam sind.

Der Teufel jubelt wieder auf dem Betzenberg 1. FC Kaiserslautern, 14.03.2015.

Der Teufel steckt im Detail: Manchmal reicht ein durch die gutgemeinte Fan-Kulisse verunsicherter Spieler, um ein ganzes Team zu destabilisieren

Fangesänge sind gelebte Kultur, die sich ständig verändert. Englische und französische Fußball-Fans etwa stimmen bereits seit langem ihre jeweilige Nationalhymne an, während das Spiel läuft. Bei der Europa-Meisterschaft in Frankreich haben deutsche Fans dieses Verhalten übernommen, sagt der Musikwissenschaftler Georg Brunner.

Der Kampfruf

Bei der letzten Fußball-EM 2016 fiel besonders die Anfeuer-Variante der Isländer auf: Ein synchrones, immer schneller werdendes Klatschen, begleitet von kehligen Huh-Rufen. Da alle gleichzeitig mitmachen, entfaltet sich eine regelrecht archaische Kraft.

Fangesänge als eine Art psychologischer Kriegsführung: Die eigene Mannschaft motivieren und den Widersacher demoralisieren. Dementsprechend gibt es unterstützende Gesänge und Anti-Gesänge, in denen das gegnerische Team heruntergemacht wird. Studien haben allerdings gezeigt, dass Anfeuern auf der Seite der Spieler ganz unterschiedliche Folgen haben kann.

Zum einen hat sich gezeigt, dass sich eine Mannschaft dadurch sozial unterstützt fühlt, deutlich besser spielt, sich gepusht fühlt und einfach auch über ihrem eigentlichen Niveau spielt.

Timo Werner fasst sich an den Kopf

Timo Werner nach der WM-Schlappe gegen Mexiko. Hätte mehr Unterstützung der Fans vielleicht helfen können?

Fangesänge: Destabilisierung eines ganzen Teams

Für Fabian Pels, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule in Köln, fällt etwa der Schlachtruf der Isländer in diese Kategorie. Fangesänge können die eigene Mannschaft aber auch unter Druck setzen. Das WM-Halbfinale von 2014 zwischen Brasilien und Deutschland ist ein Beispiel dafür.

Die brasilianischen Fans haben sehr stark angefeuert, waren sehr euphorisch. Aber die Mannschaft konnte auf dem Platz nichts davon umsetzen. Auch die französische Nationalmannschaft tat sich in den Vorrundenspielen der laufenden EM schwer, trotz – oder wegen – der lautstarken heimischen Unterstützung von den Rängen, sagt Pels.

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Wenn schon nicht das Spiel, dann hat man als Fan wenigstens die Lautstärke des Gesangs unter Kontrolle

Manchmal reicht ein durch die gutgemeinte Fan-Kulisse verunsicherter Spieler, um ein ganzes Team zu destabilisieren. Psychologen sprechen dann von sozialer Ansteckung.
Auf der anderen Seite können auch Anti-Gesänge gegen einzelne Spieler ganz unterschiedliche Effekte haben.

Welche Fans gewinnen?

Beim EM-Spiel gegen Spanien machten türkische Fans ihren Kapitän Arda Turan zum Sündenbock, pfiffen ihn aus und brachten damit die ganze eigene Mannschaft gegen sich auf. Doch gerade von Anti-Gesängen fühlen sich manche Spieler auch gerade angespornt.

Doch die Gesänge beeinflussen nicht nur die Sportler im Stadion. Auch für die Fans selbst entfalten sie eine psychologische Wirkung. Gemeinsames Singen und Sprechchöre stärken das Gemeinschaftsgefühl. Außerdem dienen die Gesänge der Stressbewältigung. Denn sie lenken ab, geben den Fans etwas zu tun.

Und wenigstens den Gesang hat man unter Kontrolle, wenn schon nicht das Spiel. Über das Singen kann man versuchen, etwas für ein Tor zu tun.

Oft geht es auch darum, die Fans der anderen Mannschaft im wahrsten Sinne des Wortes zu überstimmen und sich von ihnen abzugrenzen. Manchmal wird das gegnerische Lager dabei direkt adressiert. Der Sportpsychologe Fabian Pels hat auch dafür ein Beispiel aus der vergangenen Fußball-EM. Denn die Waliser Fans sangen den Belgiern vor: "You only sing when you’re winning."

"Ihr singt nur, wenn Ihr gewinnt" - so ein Gesang erfüllt gleich mehrere Funktionen: Die Gegner werden als Schönwetter-Fans geschmäht. Gleichzeitig wird die Moral im eigenen Lager hoch gehalten.

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