Lässt sich das Gedächtnis trainieren? (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)

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Falsche Erinnerungen – Warum unser Gedächtnis lügt

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Gabi Schlag und Benno Wenz
Gabi Schlag und Benno Wenz (Foto: SWR, privat)
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Ulrike Barwanietz und Ralf Kölbel

Durch Suggestion und Einbildung lassen sich dem Gedächtnis Erinnerungen von Ereignissen einpflanzen, die nie stattgefunden haben. Das hat weitreichende Folgen für die Kriminologie.

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Am 19. August 1981 meldet das Ehepaar K. seinen vierjährigen Sohn Markus als vermisst. Der dreijährige Bruder berichtet, Markus sei plötzlich allein vom Spielen weggelaufen. Eine große Suchaktion beginnt, die die gesamte Nacht andauert. Am nächsten Tag findet ein Spürhund der Bahnhofspolizei Markus erdrosselt in einem Gebüsch am Bahndamm.

Trotz monatelanger Ermittlungen kann der Mord an dem vierjährigen Markus nicht aufgeklärt werden. Nach 26 Jahren meldet sich eine Frau bei der Polizei. Sie erklärt, als damals Achtjährige beobachtet zu haben, wie Monika K. ihren Sohn mit einer Nylonstrumpfhose erdrosselte. Aus Angst habe sie 26 Jahre geschwiegen, aber jetzt will sie sprechen.

Doch – wie Aussageexperten mühsam herausfinden: Die Aussage ist falsch. Aber die Zeugin hat nicht gelogen, sie hat sich falsch erinnert. Das Gedächtnis hat ihr einen Streich gespielt. Es handelt sich um eine falsche Erinnerung.

Implantierte Erinnerungen

Gedächtnisforscher sprechen bei solchen Vorgängen auch von "implantierter Erinnerung". Eine derart manipulierte Episode ist von tatsächlich erlebten Ereignissen subjektiv nicht mehr zu unterscheiden. Die Londoner Psychologin Julia Shaw hat Anfang 2016 Studenten suggeriert, sie hätten als Kinder eine kriminelle Tat begangen. Rund zwei Drittel der Probanden waren überzeugt, dass sie sich an diese Vorgänge erinnerten und sie tatsächlich erlebt hätten. Eine andere Studie Studie von K.A. Wade et al. mit etwas anderem Setting kam jedoch nur auf eine "Erfolgsrate" von 26 - 30 Prozent.

Portrait von Julia Shaw (Foto: SWR, SWR - Alexander Kluge)
Julia Shaw zeigte, dass unserem Gedächtnis nicht immer zu trauen ist SWR - Alexander Kluge

Noch vor 20 Jahren hielt man das Gedächtnis für eine Art Computer, der unbestechlich aufzeichnet, was faktisch geschehen ist. Ein Archiv, das pedantisch die Vergangenheit speichert. Heute wissen die Gedächtnisneurologen, dass das Gedächtnis keineswegs zur Vergangenheitsreproduktion konzipiert ist.

Die neue Erkenntnis der Gedächtnisforschung lautet: Erinnerung ist dafür gemacht, die Zukunft zu organisieren und zu meistern, sich an Vorgänge zu erinnern, die wichtig sind und das Überleben sichern: zum Beispiel, wo sich die fischreichsten Gewässer befinden, die sichersten Verstecke oder die ertragsreichsten Äpfelbäume.

Der Film im Kopf

Erinnerung wird in drei Phasen produziert. Speicherung, Konsolidierung, Wiederabruf. Bei jedem dieser Vorgänge wird Unwesentliches ausgeblendet. Im Schlaf wird ein neuer Film zusammengesetzt, langweilige, nicht weiterführende Sequenzen werden verworfen, andere – wichtige – selektiert.

Wenn man sich erinnert, holt man die Erinnerung aus dem Gedächtnisspeicher, baut die Geschichte jedes Mal neu und anders. Quellen sind das tatsächlich Erlebte, gelerntes Wissen, Filme, die man gesehen hat, von anderen Leuten Erzähltes. Beim Erinnern weiß man oft nicht mehr, aus welcher Quelle das "Material" jeweils gerade stammt. Deshalb sind bloße Fantasien und echte Erinnerungen ganz leicht zu verwechseln.

Im Gerichtssaal schildert die Zeugin nach 26 Jahren detailreich ihre Beobachtungen von dem Mord an dem vierjährigen Markus K. In Widersprüche verwickelt sich die Zeugin nicht. Die Mutter habe Markus selbst mit dem Fahrrad mitgenommen und sei Richtung Bahnhof gefahren.

So viele Details

Die Zeugin sei Frau K. mit dem Kinderrad nachgefahren, sei aber nicht so schnell wie Frau K. gewesen, deshalb habe sie mit dem Kinderfahrrad eine Abkürzung durch das Einkaufscenter genommen. Sie sei durch einen großen Flur geradelt, ein Mann habe geschimpft, dann sei sie am anderen Ende wieder herausgekommen.

Sie habe Frau K. wieder eingeholt, habe am Bahndamm ihr Kinderfahrrad an einer Bushaltestelle abgestellt und den Mord beobachtet. Die Mutter habe den Vierjährigen mit einer Nylonstrumpfhose erdrosselt. Die Zeugin scheint offensichtlich nicht zu lügen, hat an allen ihren Aussagen einen hohen emotionalen Anteil.

Renate Volbert ist Fachpsychologin für Rechtspsychologie und Aussage-Expertin. Ihr Job ist es, herauszufinden, ob sich ein Zeuge falsch erinnert. In ihrem Gutachten sollen die Aussagepsychologen beweisen, dass die Aussage der Zeugin erlebnisbegründet erfolgt, also wahr ist.

Scheinerklärung für Misere

Bei dem dargestellten Mord hatten die Aussagepsychologen allerdings sehr frühzeitig den Verdacht, dass die Zeugin extrem vielen, auch unbekannt gebliebenen biografischen Belastungen ausgesetzt gewesen sei und deshalb eine Scheinerklärung für ihre Misere herausgebildet haben könnte. Mit der Scheinerinnerung an eine Mordbeobachtung könnte die Zeugin ihr berufliches Versagen, ihre Alkoholsucht und ihre psychischen Störungen kompensiert haben.

Hirn (Foto: SWR, SWR -)
Unser Gedächtnis ist kein gigantischer Speicher, sondern ein sich immer wieder neu verbindendes Netzwerk SWR -

In anderen Fällen ist es so, dass das Opfer sich einen Missbrauch einbildet. Diese falsche Erinnerung an einen vermeintlichen Missbrauch taucht irgendwann auf, zumeist hervorgerufen durch einen Therapeuten, der einen solchen Vorfall als Grund für Depressionen oder Angstzustände vermutet.

Auch im kollektiven Gedächtnis gibt es falsche Erinnerungen: Beim gemeinsamen Erinnern einer Gemeinschaft wird vieles umgedeutet, weggelassen und hinzugefügt, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, denn: Auf unseren gemeinsamen Erinnerungen basiert unsere soziale Identität. Auch auf den falschen.

Erinnerungen von Gruppen

Gemeinsame Erinnerungen stärken die Verbundenheit. Ein Mensch, der sie sich zu eigen macht, beweist seine Bereitschaft zu glauben, was die Gruppe glaubt. Er betont, dass die Vergangenheit der Gruppe auch die seine ist. Es gibt zahlreiche Untersuchungen darüber, wie Menschen sich unmittelbar nach einem historischen Ereignis äußern und zwanzig Jahre später. Die Erinnerung zwanzig Jahre später beinhaltet meist eine soziale Situation.

Kerzen in der Dunkelheit auf dem Westerburger Marktplatz (Foto: SWR, SWR -)
Beim gemeinsamen Erinnern einer Gemeinschaft wird vieles umgedeutet, weggelassen und hinzugefügt, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen SWR -

Zwei Monate später. Per Gutachten konnte festgestellt werden, dass bei der Belastungszeugin in dem Mordfall von einer "falschen Erinnerung" auszugehen ist. 1981 hatte es auf dem Wege zum Bahndamm noch gar kein Einkaufscenter gegeben durch das die Zeugin hätte fahren können. Und auch keine Buslinie und Bushaltestelle.

Auch hat die Zeugin den Mord nicht beobachtet. Vielmehr hat sie eine fiktive biografische Legende ausgebildet, mit der sie die vielen Niederlagen in ihrem Leben erklären konnte und die ihr viel Aufmerksamkeit zuteil werden ließ. Wie wäre der Prozess wohl ausgegangen, wenn man das Baujahr des Einkaufscentrums und die Einrichtung der Buslinie nicht recherchiert hätte? Darauf, dass es sich um "falsche Erinnerungen" handeln könnte, muss man erst mal kommen.

Unser Gedächtnis ist kein gigantischer Speicher, sondern ein sich immer wieder neu verbindendes Netzwerk, dessen Hauptaufgabe die Planung unserer Zukunft ist. Diese neue wissenschaftliche Erkenntnis lässt vieles in einem anderen Licht erscheinen.

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