Kommentar zur Gesundheitspolitik

Fachwissen siegt: Karl Lauterbach wird Gesundheitsminister

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Das ist eine gute Entscheidung, Lauterbach hat großes Fachwissen und Eigensinn, die ihm dabei helfen können, die Pandemie sinnvoll zu bekämpfen.

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Kommentar von Stefan Troendle

Der Mann wird oft als Nervensäge empfunden. Er sieht nämlich sehr oft sehr sehr schwarz, liest fast jede Studie, zählt nüchtern die Fakten auf, verkündet sie in Talk-Shows oder auf Twitter – und behält am Ende, leider muss man sagen, auch noch recht.

Karl Lauterbach ist das Beispiel dafür, wie man als einfacher Abgeordneter qua Fachkompetenz, auch an der Partei vorbei, erfolgreich Politik machen kann. Lauterbach geht es um die Sache und er ist rücksichtslos: Auch wenn die SPD in der Groko mitregiert, kritisiert er fehlende Impfstofflieferungen, frühzeitige Lockerungen und jetzt gerade den STIKO-Chef, weil der sich gegen eine Impfpflicht positioniert hat. Als Mediziner mit diesem Fachgebiet darf er das.

Ich persönlich finde es großartig, dass es so jemanden gibt, auch wenn ich verstehe, dass er polarisiert und sich mit seiner harten Haltung und dem Einsatz für eine Zero-Covid-Strategie – Lockdown inklusive – viele Feinde macht. Er bekommt sogar Morddrohungen, aber als Bundesgesundheitsminister künftig wenigstens Personenschutz.

Lauterbach ist jedenfalls der Richtige, um eine Impfpflicht durchzusetzen. Ganz klar: Mit seinen Aussagen lag auch er ab und zu daneben und wurde dafür zurecht kritisiert, trotzdem: Der Mann ist als Epidemiologe international anerkannt.

Karl Lauterbach hatte bisher keine Verantwortung. Natürlich, sagen seine Gegner, kann er da leicht kritisieren. Daher kann man fragen, wie viel von seiner Haltung er sich in seinem neuen Amt noch erlauben kann und will.

Heute hat er angekündigt: Mit uns gibt es keine Kürzungen im Gesundheitswesen, wir wollen das System stärken. In Zeiten knapper Finanzen ist das eine klare Aussage und man kann nur hoffen, dass Lauterbach sie auch einlösen kann. Er hat nämlich auch das viel gescholtene Fallpauschalen-System mit einführt und ist Befürworter einer Bürgerversicherung, die er als damaliger Berater von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt miterdacht hat.

Schließlich ist er auch ausgebildeter Gesundheitsökonom. Ganz gut zum Thema passt daher das alte Zitat der SPD-Abgeordneten Ingrid Matthäus-Meier über die FDP und ihre Wirtschaftsminister. Sie sagte sinngemäß: „Erst Bangemann, dann Haussmann, dann Möllemann – wann kommt endlich mal ein Fachmann“?

Umgemünzt auf das Gesundheitsministerium kann man sagen: Den Fachmann gibt es jetzt. Aber allen, die jetzt jubeln, muss auch klar sein: Als Bundesgesundheitsminister muss und wird Karl Lauterbach Kompromisse machen. Und er wird unpopuläre Entscheidungen treffen.

Dass jemand, der zur Vorsicht mahnt, weil er Dinge richtig einordnen kann, für dieses Amt nominiert wird, ist trotzdem vielleicht das beste Signal der künftigen Ampel-Regierung. Die zeigt mit der Einbindung des fachkundigen, aber unbequemen Kritikers schon vor Übernahme der Amtsgeschäfte, dass sie lernfähig ist.

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