Kommentar

Erstaunen in Spanien: Warum regiert in Deutschland bei Corona das Chaos?

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Seit Tagen erreicht die Corona-Inzidenz neue Höchstwerte. Andere europäische Länder blicken etwas verwundert nach Deutschland. In das Land, das so gut durch den Beginn der Pandemie gekommen war. Und in dem es jetzt drunter und drüber geht. In Spanien war es umgekehrt. Spanien-Korrespondent Oliver Neuroth kommentiert.

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Ohne Maske im Flughafen — wen wundert es, dass die Infektionszahlen durch die Decke gehen?

Stimmungstechnisch scheint Deutschland am vorläufigen Tiefpunkt dieser Pandemie angekommen zu sein. Ich war vor ein paar Tagen mal wieder in der Heimat – nach längerer Zeit – und muss sagen: So finstere Gesichter habe ich lange nicht gesehen. Und schon im Flughafen-Terminal konnte ich in viele Gesichter komplett schauen, weil zig Passagiere ihre Masken nicht trugen. Oder sie alternativ am Kinn baumeln hatten. Da bringen sie wenig. Und niemand sagte etwas.

Gut, viele Mitarbeiter des Flughafens machten es quasi vor: Sie saßen ohne Maske am Check-In-Schalter oder fuhren ohne Maske die Busse zu den Flugzeugen. Wundert es da noch jemanden, dass die Infektionszahlen derart durch die Decke gehen? Ich habe Passagiere darauf angesprochen, dass sie keine Maske tragen und als Antwort gleich Aggressionen ohne Ende an den Kopf geworfen bekommen.

Fast 80 Prozent der Spanierinnen und Spanier haben vollständigen Impfschutz

In Spanien trägt so gut wie jeder Maske. In öffentlichen Gebäuden Maskenverweigerer zu treffen, ist fast unmöglich. Und wenn man doch einen sieht und ihn an die Maskenpflicht erinnert, zieht dieser in der Regel schnell die Maske über Mund und Nase und bittet noch um Entschuldigung.

Die Menschen in Spanien fügen sich der Pandemie, auch wenn sie natürlich genauso genervt sind von ihr wie der Rest der Welt. Spanierinnen und Spanier tragen Maske und lassen sich in Scharen impfen. Fast 80 Prozent haben den vollständigen Impfschutz. Für die Menschen ist klar: Die Impfung schützt im Idealfall vor einer Infektion, sehr wahrscheinlich aber immerhin vor einem schweren Krankheitsverlauf. Und: Die Impfung senkt das Risiko, dass ich als Infizierter meine Mitmenschen anstecke.

In Spanien ist klar: Der Freiheitswunsch des Einzelnen hört da auf, wo er das Wohl der Allgemeinheit gefährdet

Und das ist Spanierinnen und Spaniern besonders wichtig: die Solidarität. Auch wenn vielleicht nicht alle der Geimpften zu 100 Prozent hinter der Impfung stehen, haben sie trotzdem mitgemacht. Der Gruppendynamik wegen. Sie haben das eigene Freiheitsbedürfnis hinten angestellt – für die Gesellschaft.

Denn ihnen ist klar: Der Freiheitswunsch des Einzelnen hört da auf, wo er das Wohl der Allgemeinheit gefährdet. Das ist bei einigen in Deutschland ganz offensichtlich noch nicht angekommen. Der Egoismus ist stärker, ebenso das Grundmisstrauen der Politik gegenüber. So lautet meine Antwort, wenn mich spanische Freunde fragen, was denn da in meiner Heimat gerade los sei.

Impftermine werden zentral vergeben, niemand muss sich selbst darum kümmern

Dann erzähle ich auch, dass nicht alle Impfskeptiker und Maskenmuffel in Deutschland sogenannte Querdenker sind. Dass sich viele einfach unzufrieden darüber zeigen, wie der Staat, wie die Regierung mit der Pandemie umgeht. Deutschland fährt einen Zickzack-Kurs. Von außen drauf geschaut, wirkt es so, als diskutierten die Verantwortlichen ewig um die Wette, anstatt schnelle und klare Entscheidungen zu treffen. Beim aktuellen Thema Impfpflicht in bestimmten Berufen zum Beispiel.

Freunde in Deutschland erzählen mir, dass sie für die Booster-Impfung bei fünf Ärzten betteln oder sich vier Stunden an einem Impfbus anstellen müssen. Um dann zu hören, dass alle Impfdosen für heute aufgebraucht sind. In Spanien werden die Impftermine zentral vergeben, niemand muss sich selbst darum kümmern. Sie kommen einfach per SMS oder WhatsApp-Nachricht aufs Handy der Menschen.

Die spanische Regierung entscheidet in dieser Krise schnell und nachvollziehbar – meistens zumindest. Denn sie scheint verstanden zu haben: In einer Pandemie sollte man nicht unnötig Zeit verstreichen lassen. Das kostet Menschenleben. Und Rumeiern fördert zudem die Politikverdrossenheit. So wie aktuell in Deutschland.

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