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Eremiten Stille Pflichten

Was ist der Kern der Eremiten-Bewegung, die über die Jahrhunderte und an vielen Orten immer wieder Menschen fasziniert? Warum machen Männer und Frauen diese Kehrtwendung raus aus der lauten, geschäftigen Welt? Was treibt sie in die Stille? Oder: Wovor fliehen sie?

Die Einsiedelei Frauenbründl bei Bad Abbach

Die Einsiedelei Frauenbründl bei Bad Abbach

Amazing grace, die überwältigende Gnade, das Grundgefühl besonderer Menschen, die seit nun fast 1700 Jahren alles aufgeben, was im bürgerlichen Leben Sicherheit, Wohlstand und Ansehen verspricht. Dass einzelne Männer und Frauen ihr soziales Umfeld verlassen, um in der Stille und Abgeschiedenheit der Wüste den radikalen Kontrast zu ihrer Gesellschaft zu suchen, reicht zurück in die erste Hälfte des vierten Jahrhunderts nach Christus. Zentrum der Bewegung ist Ägypten. Das steht damals unter römischer Vorherrschaft.


Ab in die Höhle

Fresko - zwei Männer, einer lesend, einer schreibend

Eremiten in den Felsenklöster von Meteora, Griechenland

Im Umkreis der Städte, in Höhlen und Erdlöchern liegen die Ursprünge der Eremitentradition – ein Erbe, das seitdem von der koptischen Kirche gepflegt wird. Die frühen christlichen Einsiedler erregen große Aufmerksamkeit. Als Wüstenväter und Wüstenmütter sind sie Teil der Kirchengeschichte, Vorläufer und Vorbilder der mönchischen Lebensformen. Ihr Lebensstil und ihre Religiosität werden in Schriften und Lebensbeschreibungen überliefert. Die ersten Eremiten zu beiden Seiten des Nils finden Nachfolger in der gesamten antiken Welt. Bis heute haben die Eremitagen, die unwirtlichen Rückzugsorte in den Wüsten, ihre Anziehungskraft bewahrt.


Stille ist lebenswichtig

Menschen, die innerlich nicht mehr zur Ruhe kommen, nehmen Schaden. Wie einst die Wüstenmütter und-väter, so bezeugen es die Eremiten noch heute. Abschalten ist angesagt. Gerade in Zeiten einer pausenlosen Reizüberflutung. Gerade in Zeiten, in denen so gut wie alles unter ökonomischem Erfolgsdruck steht. Ein Rückzug zum Ich, eine Rückbesinnung auf die eigene Persönlichkeit wird dann immer schwieriger.

Bild "Der heilige Antonius als Eremit" von Lucas Cranach d.Ä.

Bild "Der heilige Antonius als Eremit" von Lucas Cranach d.Ä.

Was soll ich mit meiner Seele tun? Wie finde ich innere Ruhe? Wie komme ich dazu, mich wieder selbst zu spüren? Die Sehnsucht nach spiritueller Tiefenerfahrung treibt die Wüstenväter und -mütter an. Als früheste Persönlichkeit ragt Antonius heraus. Der als Antonius der Große und Vater der Mönche bekannte Heilige, ein Sohn wohlhabender Eltern, verschenkt Hab und Gut und versucht zunächst in einer Hütte am Rande seines mittelägyptischen Heimatortes Ruhe zu finden. Was ihm nicht gelingt. Ein typisches Eremitenschicksal, weil die frommen Sonderlinge zur Attraktion werden und gefragt sind als Seelsorger, Gesprächspartner, Ratgeber und Therapeuten.


Gute Zuhörer

In den Sprüchen der Wüstenmütter und -väter treten uns Antonius und die anderen nicht als strenge Autoritäten gegenüber, die Lektionen erteilen und unbedingten Gehorsam verlangen. Im Gegenteil: Sie zeigen sich als äußerst einfühlsame Gesprächspartner. Sie richten ihr Gegenüber regelrecht auf, sich nicht von Schuldvorwürfen beherrschen oder unterkriegen zu lassen. Das Bild eines Christen als armer, reuiger Sünder, das ist ihnen fremd. Zum Beispiel: Der überlieferte Ratschlag des Antonius an den Mönch Pambo:

Die Klause von Maria Anna Leenen

Die Klause von Maria Anna Leenen

Baue nicht auf deine eigene Gerechtigkeit und lass dich nicht ein Ding gereuen, dass vorbei ist. Und übe Enthaltsamkeit von der Zunge und vom Bauch. Hier kommt es darauf an: Und lass dich nicht ein Ding gereuen, das vorbei ist.

Makellose Heilige sucht man vergebens. Die frühen Eremiten verstecken oder verdrängen ihre Probleme nicht. Sie bekennen sich zu ihren Schwächen. Selbstzweifel, Verzagtheit, Niedergeschlagenheit gehören dazu. Sie werden in den Überlieferungen mit dem griechischen Begriff Akedia bezeichnet.


Ansage ans Abschalten

Maria-Anna ist eine von rund achtzig Eremitinnen und Eremiten, die gegenwärtig in Deutschland leben. Meist haben sie schon ein Klosterleben hinter sich, wenn sie mit Erlaubnis und unter der Aufsicht des Diözesanbischofs in ihre Klausen ziehen. Ihre Enthaltsamkeit ist der Zeit angepasst.

Bete und arbeite - der Arbeitstisch mit Mustern für die Fertigung von Schmuckkerzen.

Der Arbeitstisch für die Fertigung von Schmuckkerzen.

Auf PC und E-Mails verzichten wenige. Einige haben ein altes Auto. Maria-Anna hat ein Handy; ihre Klause liegt aber in einem Funkloch. Der Tagesablauf ist den Ordensregeln angepasst, mit frühem Aufstehen und Gebetszeiten, aber auch mit regelmäßiger Arbeit. Die Wüstenväter und Wüstenmütter flochten Seile und Matten. Schwester Anna-Maria fertigt verzierte Kerzen, die sie auf Märkten verkauft. Sie weiß oft nicht, ob sie im nächsten Monat ihre Miete zahlen kann.


Mühe um ein Maß

In allen Epochen war das Leben der Eremiten ein Mühen, das richtige Maß zu finden. Die Entsagung zeigte sich besonders in der Kleidung. Zahllose Legenden ranken sich um Einsiedler und Eigenbrötler, die ihre Askese ins schier Übermenschliche steigerten. Einige der christlichen Exzentriker trieben es bis zur Selbstverstümmelung. Andere ließen sich schwere Ketten anlegen oder in enge Kammern – oft an Kirchen – einmauern.

Das Römertor Porta Nigra in Trier, wo sich Simeon einmauern ließ.

Porta Nigra in Trier: Simeon ließ sich hier einmauern.

Über kleine Fensteröffnungen bestand Kontakt zur Außenwelt, um Nahrung zu erhalten, Pilgern weisen Rat zu erteilen und an den Gottesdiensten teilhaben zu können. Berühmt ist Simeon, der im Syrien des fünften nachchristlichen Jahrhunderts die Massen anzog, weil er bis zu seinem Lebensende stehend und kniend, betend und predigend auf einer haushohen Säule verharrte. Über tausend andere in der Umgebung sollen es dem Säulenheiligen gleichgemacht haben.


Meine Säule, Deine Säule

Es gab aber auch Formen der Askese, die durchaus lebensfördernde Wirkung zeigten. Auch damals konnte Enthaltsamkeit beim Essen gut für die Gesundheit sein.

eremit

Schwester Britta in ihrer Klause in Regensburg

Neben Akedia, der Verzagtheit, beherrscht Hesychia wie kein anderer Begriff die Berichte über die frühen Eremiten. Hesychia, griechisch in der Bedeutung für Ruhe oder Stille, steht für konzentrierte spirituelle Bemühungen zur Tiefenentspannung. Die Wüstenväter sprechen vom richtigen "Sitzen", wenn sie in ihren Schweigezeiten innerlich ganz leer werden wollen. Nur ständiges Üben des kontemplativen Sitzens führt in eine Freiheit losgelöst von selbstzerstörerischen Gedanken.


Meditieren für Mitteleuropäer

Daraus haben sich in der Tradition der Ordensgemeinschaften mentale Techniken weiterentwickelt. Sie heißen Herzensruhe oder Herzensgebet.

Zwei junge Baptisten ins Gebet vertieft

Zwei junge Baptisten ins Gebet vertieft

Dabei wird eine kurze Gebetsformel oder ein Bibelvers ständig im Stillen wiederholt. Man spricht auch von Ruminatio, was im Lateinischen Wiederkäuen bedeutet.
Eremiten kennen sich im Seelenleben der Menschen gut aus. Sie wissen, was das seelische Gleichgewicht gefährdet. Wir belasten uns, weil wir nicht verweilen können, das Hier und Jetzt nicht voll annehmen können, sondern immer schon in Gedanken auf der Flucht zur nächsten Aufgabe sind.


Ruhe braucht Bewegung

Sie haben ein bewegtes Leben hinter sich, die Eremiten. Viele sagen, dass sei die Voraussetzung, um überhaupt in der Abgeschiedenheit bestehen zu können. Eremiten nehmen viel beachtete Außenseiterpositionen wahr, im Christentum so wie in anderen Religionen und Kulturkreisen. Sie leben den Perspektivwechsel zur Gesellschaft. Das macht sie nicht unbedingt zu Vorbildern, wohl aber zu gefragten Ratgebern für geplagte Zeitgenossen.


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