Muskeln unter Strom Welchen Nutzen hat EMS-Training?

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Buchstäblich ganz neue Motivationsimpulse verspricht das sogenannte EMS-Training, die Elektromyo-Stimulation. Dabei werden die Muskeln mit Hilfe eines mit Elektroden bestückten Anzugs trainiert. Nur ein teurer Trend oder vielleicht doch ein guter und einfacher Weg zu mehr Fitness?

Derzeit schießen sie wie Pilze aus dem Boden: Studios, hauptsächlich in Innenstädten, in denen EMS-Training angeboten wird. Ob unter dem Namen „Body Street“ oder „Körperformen“: Versprochen wird „Fit sein in 20 min“ - pro Woche!

Neu ist die Idee, das Muskelwachstum mit Stromstößen anzuregen, nicht. Neben vielen unseriösen Angeboten, wie elektrischen Bauchmuskelgürteln aus dem Teleshopping, wird diese Form des Trainings schon seit längerem bei verletzten Leistungssportlern angewendet. Und zwar dann, wenn sie zum Beispiel nach einem Bänderriss nicht normal trainieren können und sonst Muskelmasse verlieren würden.

Muskeln aufbauen ohne viel Bewegung

Strom regt tatsächlich gezielt das Muskelwachstum an, ohne dass man sich dabei viel bewegen muss. Das nutzt auch die Elektromyo-Stimulation, kurz EMS. Dr. Heinz Kleinöder vom Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule in Köln führt dazu regelmäßige Studien durch.

Durch den Strom kommt Spannung im Muskel auf, es ist eine gewisse Bewegung da, das reicht aus. Mit EMS könne man, so Kleinöder, den einen oder anderen Faulpelz bewegen, denn man bekomme durch das Training eine andere Bewegungswahrnehmung und werde vielleicht auch dazu motiviert, noch weiteren Sport zu treiben. Für Träger von Herzschrittmachern sei das Training allerdings tabu.

EMS-Training - Muskeltraining durch Stromstöße (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Henning Kaiser)
EMS-Training sollte nur unter fachkundiger Anleitung erfolgen. picture-alliance / dpa - Foto: Henning Kaiser

EMS-Training: Leichte Übungen, gezielter Strom

Zwischen 20 bis 50 Euro kostet normalerweise eine Trainingseinheit mit dem EMS-Gerät. Das erste Schnuppertraining gibt es oft gratis.

Für das Training muss man sich erst mal in eine hautenge Jacke und Hose zwängen. An das etwa hüfthohe Steuergerät werden dann die Kabel angeschlossen, die die Elektroden an dem Anzug mit Strom versorgen.
Während die Kunden auf Anweisung des Trainers kleine und kinderleichte Übungen ausführen, gehen winzige Stromimpulse zu den Elektroden, die dann an die Muskeln übertragen werden.

Ist EMS-Training überhaupt ein Sport?

Ob EMS tatsächlich als Sport bezeichnet werden kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Tatsache ist: EMS stärkt den Muskelapparat und das schon in relativ kurzer Zeit. Andere wichtige sportliche Parameter wie Ausdauer, Koordination, Beweglichkeit, Schnelligkeit und Reaktionsvermögen werden durch das sogenannte stationäre EMS, wie es in den Studios angeboten wird, allerdings kaum oder überhaupt nicht trainiert.

Und Freude an der Bewegung mit dem eigenen Körper dürfte wohl auch nicht immer aufkommen. All das stört die Kunden aber offenbar nicht. Sie wollen vor allem schnelle Ergebnisse wie Gewebestraffung oder einen stärkeren Rücken. Besser wäre da allerdings Training zweimal in der Woche statt nur einmal , so Kleinöder.

Elektromyo-Stimulation (EMS) - Muskelwachstum mit Stromstößen (Foto: Imago, imago/Westend61 -)
Elektromyo-Stimulation (EMS) liegt derzeit voll in Trend. Doch nicht nur Experten streiten darüber, ob das Training als Sport einzustufen ist. Imago imago/Westend61 -

EMS-Training erst wirksam unter fachkundiger Anleitung

Vor allem zwei Anbieter teilen sich den Markt. Die Firmen Body Street und Körperformen. Ab 20 Euro verlangen Anbieter für ein einmaliges 20-minütiges Training, etwas billiger wird es im Abo. Fundierte Kenntnisse in Anatomie und Trainingslehre sind in der Branche allerdings leider keine Selbstverständlichkeit.

Im Grunde kann jeder —auch ganz ohne sportwissenschaftliche und medizinische Fachkenntnisse ein entsprechendes Studio betreiben oder sich auch für zuhause einen EMS-Anzug nebst Steuereinheit zulegen. Dr. Heinz Kleinöder von der Deutschen Sporthochschule weist allerdings darauf hin, dass ein Training qualifiziert und kompetent durchgeführt werden muss, erst dann kann es wirken.

Extremes EMS-Training kann zu Nierenschäden führen

Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) warnt vor unterschätzten Risiken der hippen Sportart: Ein zu intensives Krafttraining führt zu einer erhöhten Ausschüttung der Creatin-Kinase (CK), einem Enzym, das die Muskeln mit Energie versorgt. Wissenschaftler der Sporthochschule Köln haben herausgefunden, dass der Anstieg der CK beim EMS-Training bis zu 18 Mal höher ist als beim herkömmlichen Training.

Diese Extremwerte können in Einzelfällen zu Nierenschädigungen führen. Im Zweifel gilt: Wer nach dem Training Schmerzen, Herzrasen oder ein Schwächegefühl verspürt, sollte den Arzt aufsuchen. Die DGKN rät grundsätzlich von EMS-Training im Breitensport ab: Die Methode sollte nur unter Anleitung ausgebildeter Sportmediziner und Physiotherapeuten zum Einsatz kommen.

Beim EMS-Training spielt die richtige Ausführung eine wichtige Rolle für den Erfolg (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Beim EMS-Training spielt die richtige Ausführung eine wichtige Rolle für den Erfolg picture-alliance / dpa -
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