Adlige, Äbtissin, Philosophin

Elisabeth von der Pfalz

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AUTOR/IN
Anat Kalman
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U. Barwanietz & R. Kölbel

Elisabeth von der Pfalz scheute keine Konflikte. Als Äbtissin und Landesfürstin erlaubte sie religiösen Minderheiten, sich auf ihrem Gebiet niederzulassen. Und auch als Philosophin hatte sie Einfluss. Vor 400 Jahren - am 26. Dezember 1618 - wurde sie in Heidelberg geboren.

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Geboren, als der Dreißigjährige Krieg begann

Es war eine barbarische Zeit, die Jahre des Dreißigjährigen Krieges, der von 1618 an Deutschland und andere Länder in Europa in Orte des Grauens verwandelte. Diese religiösen und kriegerischen Auseinandersetzungen stellten in ganz Europa aber auch die Hierarchien der mittelalterlichen Gesellschaft in Frage.

Jahrhundertelang hatte diese Gesellschaft den Frauen den Zugang zu höherer Bildung verweigert. Nun, in den Wirren des 17. Jahrhunderts, begannen Frauen aus den besser gestellten Kreisen, sich ernsthaft mit Philosophie zu beschäftigen. Sie veröffentlichten Bücher und diskutierten auf Augenhöhe mit ihren zeitgenössischen Kollegen.

Zu ihnen gehörte Elisabeth von der Pfalz ebenso wie die 1623 geborene Herzogin Margaret Cavendish aus dem englischen Newcastle und die 1631 geborene Lady Anne Conway. In der damaligen Zeit war es geradezu spektakulär, dass eine junge Frau ihres Standes sich mit Philosophie beschäftigte statt zu heiraten.

Fern von der Gesellschaft sein

Elisabeth selbst schien allerdings auch nicht besonders daran interessiert gewesen zu sein, irgendeine Ehe einzugehen. Als sie 15 Jahre alt war, warb der polnische König Wladislaw IV.um ihre Hand, die Verhandlungen dauerten lange. Doch als er forderte, sie solle zum Katholizismus übertreten, lehnte sie entschlossen ab. Sie war damals gerade mal 17 Jahre alt.

Ausstellung 30-jähriger Krieg (Foto: SWR, Humpis-Museum Ravensburg -)
Die Jahre des Dreißigjährigen Krieges stellten in ganz Europa die Hierarchien der mittelalterlichen Gesellschaft in Frage Humpis-Museum Ravensburg -

Fortan lebte sie an einem Hof, der im Grunde kein wirklicher war und der im Dreißigjährigen Krieg als eher überflüssig erschien. Ihre Aufgaben empfand sie als wenig sinnvoll und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als fern von der aristokratischen Gesellschaft nach einem Sinn ihres Lebens zu suchen. Und so schrieb sie in einem Brief an René Descartes.

Das Leben, das ich zu führen gezwungen bin, lässt mir nicht genügend Zeit, mir die Meditation gemäß den Regeln zur Gewohnheit zu machen. Bald sind es die Interessen meines Hauses, die ich nicht vernachlässigen darf, bald sind es Unterhaltungen und Gefälligkeiten, die ich nicht vermeiden kann, die meinen schwachen Geist so sehr mit Verdruss und Langeweile niederdrücken, dass er lange Zeit danach zu nichts anderem zu gebrauchen ist.

Die Frage nach der Glückseligkeit

Nach vielen Besuchen entstand zwischen beiden eine wissenschaftliche und philosophische Korrespondenz, die zeigt, worum es in den Gesprächen zwischen ihnen ging und wie pragmatisch Elisabeth in ihrem Umgang mit der Philosophie war. Denn sie nutzte diese ganz im sokratischen Sinne. Es ging ihr um die alte Losung: Erkenne Dich selbst. Somit war Elisabeth von der Pfalz und von Böhmen in erster Linie eine Moralphilosophin.

Das Hauptanliegen, das Descartes und Elisabeth von der Pfalz sehr lange beschäftigte, war die Frage nach der Glückseligkeit. Wie kann ein Mensch trotz aller Wirren, in seinem Leben die größtmögliche Glückseligkeit und die größtmögliche Einflussnahme auf das eigene Leben erlangen?

Er, der große Rationalist, propagierte die Macht der Vernunft, und damit die Möglichkeit ein menschliches Leben, sowie den persönlichen Erfolg, einzig und allein durch eine rationale Lebensführung garantieren zu können.

Leidenschaft und Gutes

In Elisabeths Moralphilosophie stören die Leidenschaften keineswegs die Vernunft. Denn, so argumentiert sie, selbst Leidenschaften können zu vernünftigen Handlungen führen. So kann Zuneigung dazu führen, dass man einem anderen in der Not hilft. Der Wunsch, etwas zu besitzen, kann den Fleiß fördern, der Stolz kann Erniedrigungen abwehren und die Wut sich gegenüber Ungerechtigkeit auflehnen.

Man kann die einzelnen Aspekte des menschlichen Lebens nicht einfach voneinander trennen, so Elisabeth von der Pfalz. Alles ist mit allem verbunden und ist nur graduell voneinander unterschieden und der Mensch solle die Vernunft mit den Leidenschaften in Einklang bringen. Mit diesem Ansatz schafft sie eine Philosophie der Einheit und der Kontinuität, die schon sehr früh die cartesianische Trennung von Körper und Geist in Zweifel zieht.

Ausstellung 30-jähriger Krieg (Foto: SWR, Humpis-Museum Ravensburg -)
In den Wirren des 17. Jahrhunderts begannen Frauen aus den besser gestellten Kreisen sich ernsthaft mit Philosophie zu beschäftigen (Bild: Belagerung der Festung Hohentwiel von 1641) Humpis-Museum Ravensburg -

Es war ihre Kritik an seiner Trennung von Körper und Geist, die sie in die Philosophiegeschichte eingehen ließ. René Descartes behauptete, dass der Körper eine ganz andere Substanz sei als der menschliche Geist und die menschliche Seele, dass Geist und Seele jedoch durchaus in der Lage wären, den Körper zu bewegen und zu beeinflussen.

Teile eines Ganzen

Eine Vorstellung, die heute noch, drei Jahrhunderte später, die Medizin beeinflusst, etwa wenn Ärzte von psychischen oder physischen Beschwerden sprechen, als wären diese etwas Verschiedenes, das nur hin und wieder mal miteinander kommuniziert. Ein Widerspruch in sich – meinte schon damals die junge Elisabeth von der Pfalz und von Böhmen.

Das Wesentliche ihrer Philosophie ist jedoch das Einheitsdenken, welches sie in ihrer Auseinandersetzung mit den Religionskriegen und später auch als Landesherrin immer wieder dafür nutzte, um das Anders-Sein und das Anders-Denken zu schützen. Denn ganz gleich, wer wir sind und was wir erstreben, so schrieb sie am 30. September 1645 an René Descartes, wir sollten uns immer bewusst sein:

Dass wir ein Teil des Ganzen sind. Denn das ist wohl der Ursprung aller großherzigen Taten.

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